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Seit Wochenbeginn sind im Fleischbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mehr als 700 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Jetzt ist ein Video aufgetauscht, das für Diskussionen sorgt.

Mehr als 730 bestätigte Corona-Infektionen seit Anfang der Woche legen den Fleischbetrieb Tönnies im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück lahm. Mitten in der Krise ist jetzt ein Video aufgetaucht, dass die Kantine des Schlachthofes zeigt – vollbesetzt und ohne Abstand.

„Das im Netz kursierende Video ist uns im Unternehmen seit dem 28. März 2020 bekannt“, sagte ein Tönnies-Sprecher. Dabei habe es in der Krisenkommunikation eine Panne gegeben. Am Donnerstag hatte ein Sprecher dem SWR gesagt, dass das Video aus dem April stamme. Es müsse aber im März gedreht worden sei, da es seit dem Monatsende bei Tönnies bekannt sei.

Ein Einblick in die Kantine von #toennies Ohne Worte!! https://t.co/g0Z6U8RwcT

So oder so: Das Coronavirus hat Deutschland seit März im Griff. Auf dem Video zu sehen ist, wie sich Arbeiter in der Kantine aufhalten. Das seien aber nur Kollegen gewesen, mit denen sie auch in einer Abteilung zusammen gearbeitet hatten, teilte Tönnies mit. Dieses Verhalten, das sogenannte Clustern, sei mit dem Arbeitsschutz abgestimmt gewesen.

Keine Auffälligkeiten bei Testergebnissen in Video-Entstehungszeit

Tönnies teilte auch mit, dass es in dieser Phase der Pandemie nicht auffällig mehr positive Testfälle gegeben habe. Seitdem seien die Plätze „erheblich“ reduziert und eine Mundschutzpflicht in der Kantine eingeführt worden.

„Wir waren uns bewusst, dass bei all unseren Maßnahmen wir einen Zielkonflikt zwischen der Pandemie-Prävention und der Lebensmittelversorgung haben. Dazu gehört auch eine angemessene Versorgung unserer Mitarbeiter in ihren Pausen“, erklärte Tönnies weiter.

Mehr als 700 Infektionen in knapp einer Woche

Der Kreis Gütersloh teilte am Donnerstagabend mit, dass seit Wochenbeginn 730 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. In den nächsten Tagen sollen noch etwa 5.300 Mitarbeiter getestet werden.

Coronavirus bei Tönnies (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/David Inderlied/dpa)

Nachrichten Corona-Ausbruch im Schlachthof Tönnies

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Als Reaktion auf den Corona-Massenausbruch ordnet die Stadt Osnabrück für alle in der Stadt wohnenden Beschäftigten des Tönnies-Standortes Osnabrück für 14 Tage Quarantäne an. Es sei nicht auszuschließen, dass die bei Tönnies Infizierten weitere Beschäftigte angesteckt haben. Die Quarantäne gelte sowohl für direkt bei Tönnies Beschäftigte als auch für Mitarbeiter von Subunternehmen.

Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh geschlossen

Für die Kinder im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück sind die Sommerferien schon früher losgegangen. Im Landkreis Gütersloh sind seit Donnerstag alle Schulen und Kitas bis zum Beginn der Sommerferien in NRW am 26. Juni geschlossen.

Der Kreis und die Landesregierung hoffen, dass sie den Ausbruch so wieder unter Kontrolle bekommen und eine Ausbreitung verhindern. Bis jetzt gehen die Behörden davon aus, dass es sich um ein „lokales Ereignis“ handelt, der Ausbruch sich also auf die Mitarbeiter des Unternehmens begrenzen lässt.

Tönnies: Virus vermutlich aus Osteuropa

Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) sprach deshalb von einer „Vorsichtsmaßnahme“. Einen allgemeinen Lockdown für die etwa 360.000 Menschen im Kreis Gütersloh wolle man nicht. Tönnies geht davon aus, dass Beschäftigte aus Osteuropa sich beim Urlaub in ihrer Heimat infiziert haben und das Virus dann mit in den Schlachthof geschleppt haben.

Mehr als 7.000 Mitarbeiter und deren Kontaktpersonen sind deswegen zurzeit in Quarantäne. Ein weiterer Faktor für die Verbreitung seien die kalten Temperaturen in den Zerlegebereichen.

Betriebsschließung macht Schweinezüchtern Probleme

Die Schweinezüchter stünden durch den Stopp des Schlachtbetriebs vor Problemen. Ihre Schweine würden so gezüchtet werden, dass sie zu einem bestimmten Termin schlachtreif seien. Die Tönnies-Gruppe bemüht sich nach eigenen Angaben, an anderen Standorten die Produktion zu steigern, um die Ausfälle zu kompensieren.

Logo MARKTCHECK (Foto: SWR, SWR)

Informationen zu Corona und Schlachthöfen

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Kritik an Arbeits- und Lebensbedingungen von Mensch und Tier

Die Kritiker der Fleischbranche haben gleich reagiert. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Anton Hofreiter, nannte die Zustände unhaltbar: „Die Gesundheit der Beschäftigten wird für die Profite der Fleischbarone aufs Spiel gesetzt.“

Anton Hofreiter (Grüne) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Michael Kappeler/dpa)
Anton Hofreiter, der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, kritisiert die Fleischindustrie. picture alliance/Michael Kappeler/dpa

Für die Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast, ist klar, „Geschäftsmodell und Infektionsgeschehen hängen zusammen“. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vermutete in den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Das Hygienekonzept muss komplett versagt haben.“

Greenpeace: Solche Firmen gefährden ganze Regionen

Auch Greenpeace kritisierte, große Fleischbetriebe wie Tönnies nähmen massive Infektionsrisiken in Kauf und gefährdeten die ganze Region. „Die Politik verkennt die Dimension des Problems. Die Produktion von Billigfleisch funktioniert nur auf Kosten von Gesundheit, Tier und Umwelt“, teilte Greenpeace mit.

Der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus ist für den Wahlkreis Gütersloh I im Bundestag. Er forderte im „Westfalen-Blatt“, dass die Ursachen für das Infektionsgeschehen aufgeklärt werden müssten. „Ein ‚Weiter so‘ mit dem Versprechen, ‚Wir werden in Zukunft alles besser machen‘, kann es bei Tönnies im Interesse der Beschäftigten, aber auch aller Menschen im Kreis Gütersloh nicht geben“, sagte Brinkhaus.

Ramelow: Arbeits- und Lebensbedingungen unterbinden

Beim Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch sagte Thüringens Landeschef Bodo Ramelow (Linke), man müsse „endlich über die Arbeits- und Lebensbedingungen dieser Menschen reden“. „Und ich finde, man muss diese Arbeits- und Lebensbedingungen endlich unterbinden“, denn weder die Tiere, noch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder die Verbraucher hätten das verdient.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) will noch einmal alle Schlachthofbelegschaften mit Werkvertragsarbeitern in ganz NRW auf das Virus testen lassen. Damit soll geklärt werden, ob es sich bei dem Ausbruch um eine Ausnahme handele oder nicht.

Auch Betrieb in Baden-Württemberg war Infektionsherd

Der Fall erinnert an den Corona-Ausbruch in einer Fleischfabrik im Kreis Coesfeld im Mai. Damals hatte sich ein Viertel der Westfleisch-Belegschaft mit dem Virus infiziert, der Schlachthof wurde für fast zwei Wochen geschlossen. In Baden-Württemberg gab es so einen Fall ebenfalls im Mai: In einem Fleischbetrieb in Birkenfeld bei Pforzheim hatten sich etwa 400 Mitarbeiter mit dem Virus infiziert.

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