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Beleidigt, geschlagen und zum Hungern gezwungen: Ehemalige Schüler der Ballettakademie der Wiener Staatsoper berichten von Demütigungen und Misshandlungen. Eine Kommission hat aufgeklärt, wie es dazu kommen konnte.

Bereits im Frühjahr wurde eine Sonderkommission eingerichtet, die die Vorwürfe untersuchen sollte. Jetzt liegt der Endbericht vor und stellt der renommierten Tanzschule eine vernichtendes Urteil aus.

Unklare Verantwortlichkeiten, schlechte medizinische Versorgung der Schüler und ein fehlendes Bewusstsein für Kindeswohl auf der Führungsebene hätten zu den Misshandlungen der Ballettschülerinnen und -schüler geführt.

Schüler wurden durch Schikanen in Essstörungen getrieben

Die Liste der Vorwürfe, die gegenüber der Akademie laut wurden, ist lang. Die Schüler sollen gedemütigt und beleidigt worden sein. Auch körperliche Misshandlungen durch die Lehrer habe es gegeben: Einige der Schüler sollen geschlagen, gekratzt und sogar getreten worden sein. Auch einen Fall von sexuellem Missbrauch soll es gegeben haben.

Außerdem wurde den Schülerinnen und Schülern an der Wiener Ballettakademie offenbar immer wieder klar gemacht, wie ihr Körper am besten aussehen soll: nämlich möglichst dünn. Sie wurden gedrängt, möglichst wenig zu essen – etwa nur ein Stück Brot oder eine Kiwi am Tag. Um den Hunger in den Griff zu bekommen, hätten Kinder sogar den Rat bekommen, mit dem Rauchen anzufangen. Eine Lehrerin soll beim Aufzählen der Schüler nicht nur deren Namen, sondern dazu auch immer noch ihre Kleidergröße genannt haben. So seien Kinder in Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie getrieben worden.

Fehlendes Problembewusstsein für Kinderschutz und Kindeswohl

Das Ziel der Sonderkommission war es, herauszufinden, wie es an der Akademie zu solchen Zuständen kommen konnte. Im Bericht heißt es:

Ein Problembewusstsein in Bezug auf Kinderschutz und Kindeswohl fehlt in der Ballettakademie insbesondere auf Führungsebene.

Susanne Reindl-Krauskopf, Vorsitzende der Untersuchungskommission, präsentiert den Endbericht zur Ballettakademie der Wiener Staatsoper (Foto: picture alliance/Hans Punz/APA/dpa)
Die Juristin Susanne Reindl-Krauskopf, Vorsitzende der Kommission, präsentierte den Endbericht zur Ballettakademie. picture alliance/Hans Punz/APA/dpa

Durch mangelnde Qualitätssicherung und nicht nachvollziehbare Verantwortlichkeiten an der Schule seien beispielsweise Prüfungskriterien unklar und Entscheidungen intransparent gewesen. Solche undurchsichtigen Strukturen befördern Machtmissbrauch.

Zudem sei medizinisch-therapeutische Versorgung an der Akademie nicht ausreichend, so die Kommission. Es gebe keinen Handlungsplan für medizinische Zwischenfälle, die Ernährung am Internat sei nicht auf Balletttänzer abgestimmt. Viele der größtenteils ausländischen Schüler hätten außerdem eine Krankenversicherung, die nur in akuten Fällen greift. Therapien wegen Essstörungen könnten dann gar nicht bezahlt werden.

Nicht genug Schutz vor Diskriminierung und Vernachlässigung

Da die Schüler zusätzlich neben Schule und Balletttraining auch an Proben, Auftritten und Wettbewerben teilnehmen müssen, seien sie einer großen Belastung ausgesetzt. Weil es der Schule aber an einer Übersicht über Schul- und Ballettterminen der Schüler gefehlt habe, wurden teilweise Schulprüfungen wegen Tanzeinsätzen versäumt und Ruhezeiten missachtet.

Insgesamt kommt die Kommission zu den Ergebnis, die Kinder seien nicht ausreichend vor „Diskriminierung, Vernachlässigung und gesundheitlicher Beeinträchtigung“ geschützt worden. Die Ballettakademie der Wiener Staatsoper benötige dringend einen unabhängigen Kinderschutzbeauftragten.

Wiener Ballettschüler benötigen besonderen Schutz

Ein Auftritt der Jugendkompagnie der Ballettakademie der Wiener Staatsoper (Foto: imago images / Rudolf Gigler)
Wiener Ballettschüler bei einem Auftritt der Jugendkompagnie im Jahr 2015. imago images / Rudolf Gigler

Dabei hätten die Schülerinnen und Schüler der Ballettakademie Wien eigentlich eine besonders gute Betreuung gebraucht. Denn etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen kommen aus dem Ausland, haben also keine Vertrauensperson in der Nähe. Das macht sie besonders verletzlich.

Die Sonderkommission weist in ihrem Bericht außerdem auf das Problem hin, dass die Schulausbildung an der Ballettakademie nicht den Standards der Regelschule folgt. Wenn Ballettschüler ihre Ausbildung an der Akademie abbrechen, ist deshalb nicht sicher, ob und wie sie einen Schulabschluss bekommen können. Das könnte mit ein Grund dafür gewesen sein, dass viele sich nicht gegen die Schikanen gewehrt haben.

Direktor der Staatsoper geht, Staatsanwaltschaft ermittelt.

Und jetzt? Zu einer großen Austrittswelle haben die Enthüllungen dieses Jahr nicht geführt: Es lernen immer noch etwa 130 Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 18 Jahren an der Akademie.

Eine Lehrerin, gegen die es besonders schwere Vorwürfe gab, lehrt mittlerweile aber nicht mehr an der Ballettakademie. Außerdem wird bald der Direktor der Wiener Staatsoper aufhören. Einige erhoffen sich durch eine neue Leitung frischen Wind.

Die Ballettakademie selbst hat sich bisher aber noch nicht inhaltlich geäußert. Sie hat aber angekündigt, dass sie zu dem Bericht noch Stellung beziehen wird. Ob auf die Kritik also auch Veränderungen in der Struktur der Akademie folgen, wird sich noch zeigen. Parallel dazu ermittelt außerdem auch die Staatsanwaltschaft in einigen Fällen.

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