STAND
AUTOR/IN

Man fühlt sich an die Berichte aus den Kirchen erinnert: Es gab Gewalt und Kindesmissbrauch, Aufklärung und Aufarbeitung sollen unterdrückt worden sein. Jetzt will SOS-Kinderdorf International die Fälle aufklären - und zwar „schonungslos“.

In allen gesellschaftlichen Bereichen gibt es Kindesmissbrauch – und den Kampf dagegen. Jetzt also auch bei SOS Kinderdorf. Die Vorfälle reichen offenbar bis in die 90er Jahre zurück – bekannt wurden sie durch eine externe Überprüfung im November 2020: In Einrichtungen und Projekten der Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf in Afrika und Asien sind Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch geworden.

SOS-Kinderdorf: Einrichtungen in 20 Ländern betroffen

SOS-Kinderdorf machte die Kinderschutzverletzungen in 20 Ländern am Donnerstag in Österreich publik und setzte eine unabhängige Kommission ein, die die Vorfälle aufarbeiten soll. 50 von rund 3.000 Einrichtungen würde insgesamt untersucht.

Jeder Fall, in dem ein Kind Unrecht erfährt, ist einer zu viel. Wir haben eine unabhängige Kommission eingerichtet. Sie wird die notwendigen Strukturen entwickeln, um Kinder in Betreuungseinrichtungen von SOS-Kinderdorf noch besser vor Gewalt zu schützen. https://t.co/jHepBX6s5h

Die Organisation geht darüber hinaus Hinweisen auf Misswirtschaft und Veruntreuung von Geldern nach. Die Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf in Österreich, Elisabeth Hauser, sprach von „schwerem Fehlverhalten von Mitarbeitern und schwerwiegenden Vorwürfen“. Den betroffenen Kindern sei „Gewalt angetan“ worden, es sei „zu Misshandlungen bis hin zu sexuellem Missbrauch“ gekommen.

SOS-Kinderdorf untersuchte erste Gerüchte bereits vor drei Jahren

Hauser sicherte eine "schonungslose und transparente Aufarbeitung" der Vorfälle zu. Sie machte aber keine Angaben dazu, welche Länder und wie viele Kinder genau betroffen sind. Das müsse erst alles im Detail geprüft werden, sagte sie mit Blick auf die laufende Untersuchung.

Mit einer ersten Untersuchung hatte die Organisation nach eigenen Angaben bereits vor drei Jahren begonnen. „Es gibt auch Vorwürfe, dass Führungskräften von SOS-Kinderdorf International ein Teil der Vorfälle bekannt war und die Aufarbeitung und Verfolgung unterdrückt wurde“, sagte Hauser. Bei SOS-Kinderdorf International habe es eklatante „Schwächen in der Organisation gegeben“.

Kinderdorf-Chef: Täter und Täterinnen suspendiert und angezeigt

Vorstandsvorsitzender Wilfried Vyslozil bat die Opfer um Verzeihung. Die Betroffenen würden finanziell und durch Vermittlung therapeutischer Begleitung unterstützt, Täter und Täterinnen suspendiert, angezeigt und Kontaktverbote veranlasst.

Zugleich äußerte Vyslozil sein Bedauern darüber, dass die seit 2008 ergriffenen Maßnahmen wie Präventionstrainings und strenge Verhaltensregeln nicht ausgereicht hätten.

Top-Juristen ermitteln Fälle von Kindesmissbrauch und Gewalt

Laut Mitteilung hat die Dachorganisation jetzt eine Kommission eingesetzt, der unter anderen ehemalige und aktive Oberste Richterinnen und Richter aus Kenia, Sri Lanka und Österreich angehören. Sie soll die Vorfälle „neu bewerten“ und „auch genau hinsehen, ob es weitere Vorfälle gab“.

Betroffene Länder von hoher Gewaltbereitschaft geprägt

Vyslozil erklärte, man erwarte „für die betroffenen Länder Empfehlungen für eine verbesserte Struktur der nationalen Aufsicht, eine kritische Prüfung der Arbeitsbedingungen und verbesserte Methoden bei der Auswahl von Mitarbeitenden“. Außerdem würden weltweit unabhängige Ombudsstellen geschaffen und ein Entschädigungsfonds eingerichtet.

Nach Angaben des Dachverbands sind die meisten betroffenen Länder von hoher Gewaltbereitschaft im Alltag, fehlenden Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe und Mängeln in Führungs- sowie Aufsichtsstrukturen der SOS-Kinderdörfer geprägt. Es habe sich gezeigt, dass die strengen Standards des Dachverbands „nicht in allen Länderorganisationen gewissenhaft umgesetzt wurden“.

SOS-Kinderdörfer gibt es in über hundert Ländern

Die Hilfsorganisation wurde in Österreich gegründet und ist weltweit unter dem Dach von SOS-Kinderdorf International organisiert. Das erste Kinderdorf wurde 1949 im österreichischen Imst errichtet, 40 Kinder wurden damals betreut.

Inzwischen ist SOS-Kinderdorf nach eigenen Angaben in 137 Ländern tätig, mehr als 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche werden von mehr als 40.000 Mitarbeitern in über 550 Einrichtungen betreut.

STAND
AUTOR/IN
SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 24. September, 05:32 Uhr - SWR3 Nachrichten

Dauer

Meistgelesen

  1. 20. Jahrestag der Anschläge in den USA 9/11: Tränen in New York – Trump nutzt Gedenktag für Kritik an Biden

    In den USA wurde mit bewegenden Trauerfeiern an die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnert. US-Präsident Biden rief sein Land zur Einheit auf. Ex-Präsident Bush äußerte sich ähnlich. Donald Trump nahm nicht an den Gedenkfeiern teil.  mehr...

  2. Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen Lava im Wasser: Hier verdampft ein Swimming-Pool auf La Palma

    Je weiter die Menschen im Süden leben, desto häufiger haben sie einen Pool. So sieht es aus, wenn Lava hineinläuft.  mehr...

  3. Idar-Oberstein

    Nach Bluttat an Kassierer in Idar-Oberstein „Eigentlich kann man von einer Terror-Tat sprechen“

    Während die Menschen in Idar-Oberstein nicht fassen können, was da in ihrem Ort passiert ist, wird die Frage lauter: Konnte man so eine Tat kommen sehen?  mehr...

  4. Stuttgart

    Coronaverordnung in Baden-Württemberg Diese neuen Corona-Regeln gelten jetzt

    In Baden-Württemberg treten jetzt strengere Corona-Maßnahmen in Kraft. Es gilt ein dreistufiges Warnsystem – mit Basisstufe, Warnstufe und Alarmstufe. Für Ungeimpfte gibt es mehr Einschränkungen.  mehr...

  5. Faktencheck Impfung sei für Kinder gefährlich: Hat Til Schweiger Recht?

    „Entsetzlich“ sei die Impfung für Kinder, sagt Til Schweiger. Corona für Kinder sei „absolut harmlos“ und der Impfstoff nicht gut geprüft. Stimmt das? Wir checken die Fakten.  mehr...

  6. Blumberg

    Blumberg bei Donaueschingen Nach Bagger-Ausraster: Darum starten Handwerker eine Spenden-Aktion

    Vor einem Monat richtete ein Handwerker mit einem Bagger an einem Haus in Blumberg reichlich Schaden an. Jetzt gibt es eine Spenden-Aktion – allerdings nicht für die Geschädigten.  mehr...