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Sie nennen sich Squad303: Das ist eine Gruppe internationaler Programmierer und sie wollen, dass Russinnen und Russen die Wahrheit über den Krieg erfahren. Dafür haben sie ein Tool entwickelt, mit dem jeder Nachrichten an russische Kontakte senden kann.

SWR3-Netzexperte Holly Farken-Weber hat das Hacker-Tool getestet und ist jetzt mit einem nachdenklichen Russen in Kontakt.

Hacker-Tool von Squad303 – so funktioniert das Programm

Der Dienst ist unter der Adresse 1920.in zu erreichen. Zunächst kann zwischen drei Kommunikationswegen entschieden werden: SMS, Whatsapp, E-Mail. Meine Wahl fällt auf Whatsapp, der Messenger hat eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Bei SMS und E-Mail ist zu befürchten, dass sie leicht gefiltert oder mitgelesen werden können. Je nach Inhalt könnte man die Empfänger unter Umständen sogar in Schwierigkeiten bringen.

Im nächsten Schritt erscheint die Telefon-/Whatsapp-Nummer eines russischen Bürgers oder einer Bürgerin sowie der Textbaustein einer bereits in russisch verfassten Nachricht. Anfangs waren hier noch Parolen gegen Putin und sein Regime zu finden, mittlerweile sind die Texte etwas milder und setzen auf eine Dialogaufnahme, wie zum Beispiel:

Hallo, wir kennen uns nicht. Ich lebe im Ausland. Ich weiß, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist und viele Soldaten und Zivilisten dort gestorben sind. Wie lebt man in Russland? Wie geht es Ihnen?

Nachricht an Menschen in Russland – bitte übersetzen!

Man sollte den russischen Text in jedem Fall vor Versand durch einen Übersetzer jagen um zu prüfen, was man da verschickt. Ich habe mich für einen eigenen Text entschieden. Im freundlichen Ton, dass ich mir Sorgen mache und auch Angst habe vor den Entwicklungen im Ukraine-Krieg. Außerdem frage ich nach dem Befinden und sage, dass ich in Deutschland lebe. Der Text ist sehr neutral gehalten, da ich gar nichts über die Empfänger weiß.

Mit einem Klick auf „Schicken“ geht es direkt zu Whatsapp, das funktioniert auf dem Smartphone genau wie auf dem Computer. Bevor ich die Nachricht versende, schaue ich mir – sofern vorhanden – noch das Profilbild des Empfängers an. Zeigt das Foto eine minderjährige Person, breche ich ab und nehme die nächste Nummer. Per Klick kann ich mir beliebig viele Nummern abholen, jedoch immer nur eine. Meine Nachricht sende ich an 100 Empfänger.

Who are we? Just an anonymous people... Why are we? To #fightforUkraine ✌️✌️✌️#OpRussia #UkraineUnderAttaсk #UkraineRussianWar https://t.co/mgYaiP7eT2

Russen über den Ukraine-Krieg informieren – wer steckt dahinter?

Jetzt muss ich warten. Erstaunlich viele der Nachrichten werden sofort zugestellt, die Datenbasis der Nummern scheint aktuell. Ich habe mit einem Mitglied von squad303 gesprochen, das anonym bleiben will. 20 Millionen Nummern haben sie derzeit in ihrer Datenbank, sagt er. Nochmal so viele sollen in Kürze folgen.

Sie arbeiten hier mit Hackergruppen wie Anonymous zusammen. So ganz legal ist das wohl nicht, sie sehen es als „großes Telefonbuch“ und verzichten bewusst darauf, weitere Infos wie Namen oder Wohnorte zu veröffentlichen. Die Gruppe aus Polen hat das Projekt vor knapp zwei Wochen begonnen, mittlerweile sollen über 100 Programmierer aus der ganzen Welt mitarbeiten, auch Deutsche seien dabei. Sie wollen keinen Massen-Spam, sie wollen Dialoge zwischen einzelnen Menschen ermöglichen.

Wie reagiert Russland auf das Hacker-Tool?

Die russische Seite hat schnell reagiert, mittlerweile gibt es Filter, die SMS und E-Mails herausfischen, bei Whatsapp funktioniert das nicht. Weitere Messenger als Kontaktmöglichkeiten wie Signal oder Telegram sollen folgen. Es soll laut meinem Interviewpartner auch schon Hackerangriffe auf den Dienst gegeben haben. Die Nachfrage sei so groß, die Gruppe habe mittlerweile ihre Serverkapazitäten aufgestockt und arbeite Tag und Nacht. Einer ihrer größten Schwierigkeiten: zu wenig Schlaf.

Antworten im SWR3-Test: Russland-Flaggen und Bizeps-Emojis

Nach und nach bekomme ich die ersten Antworten. Nach 24 Stunden – Russland hat doch ein paar Zeitzonen. Etwa 20 Prozent der angeschriebenen Personen haben eine Antwort geschickt, 99 Prozent der Nachrichten wurden zugestellt und mindestens 55 Prozent wurden auch geöffnet/gelesen. 

In etwa der Hälfte der Antworten wurden die tapferen russischen Soldaten gelobt, die dem Faschismus ein Ende bereiten und bald stolz heimkehren können. Ich habe geantwortet, dass es mir Sorge bereitet, dass in dem Krieg auch viele Unschuldige sterben und sehr viele Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen. Zurück kamen viele Russland-Flaggen, Bizeps-Emojis und die Aussage, dass nur die Nazis ausgeschaltet werden: 

Fake News und staatliche Zensur Kampagnen zur Desinformation: Putins Krieg gegen die Wahrheit

Die russische Bevölkerung hat nur noch kremltreue Medien zur Wahl, regierungskritische Sender wurden abgeschaltet. Es ist ein Informationskrieg gegen die europäische Demokratie.  mehr...

Mit drei weiteren Personen entwickelte sich ein längerer und lebhafter Dialog und sie berichteten mehr über die Lage bei ihnen, ihre Ängste und Sorgen aber auch über Alltägliches. Die Aussagen ähneln sich, daher greife ich den Chat mit Igor auf. Seinen Namen haben wir geändert, um ihn zu schützen. Er ist Mitte 30 und wohnt im Osten Russlands. Er dachte zunächst, dass es sich bei meiner Nachricht um Spam oder eine Art Umfrage handele. Er bittet mich, ehrlich zu sein und fragt auch woher ich seine Nummer habe. Ich erzähle ihm alles wahrheitsgemäß. Nach einigem Hin und Her und nachdem wir unsere Social-Media-Profile getauscht haben, beginnt er zu erzählen. Hier Auszüge aus unserem Chat, den ich mit Google und Bing übersetzt habe, was erstaunlich gut funktioniert hat:

Nachrichten schreiben mit Russen – über Russland, Corona und Hoffnung

Unsere Konversation dreht sich aber nicht nur um den Krieg. Igor zeigt mir stolz Bilder und Videos von seiner Heimat, aus der er gerade am liebsten nur flüchten möchte. Ein tolles Fleckchen Erde, wunderschön. Wir reden über Corona und dass das Thema seit dem Krieg vollkommen in den Hintergrund geraten ist. Zeitverschiebung und verschiedene Sprachen machen die Kommunikation nicht einfach, aber wir verstehen uns gut. So ist nach dem Aufwachen jeden morgen eine neue Nachricht da und umgekehrt. Irgendwie schön.

Was bringt das Tool der Hacker Squad303?

Ob das Tool von Squad303 dazu beitragen kann etwas zu verändern? Vielleicht. Zumindest habe ich jetzt eine Verbindung zu einem mir vorher vollkommen unbekannten Menschen und es entsteht so etwas wie Nähe und Verbundenheit, auch aufgrund der Hilflosigkeit die wir teilen. Vielleicht entwickelt sich daraus sogar eine (Chat-)Freundschaft. Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert und macht auch ein Stück weit Hoffnung. Egal mit welchen Antworten ich hier konfrontiert wurde, bei allen lässt sich eines erkennen: Menschlichkeit.

Wer es selber ausprobieren möchte, hier nochmal der Link:

SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 23. Mai, 11:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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