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Angeblich kann das Mittel von Astrazeneca Thrombosen oder allergische Reaktionen auslösen. Dabei ist keineswegs sicher, dass der Impfstoff daran schuld ist. Dazu kommt: Die Zahl der Betroffenen ist ziemlich klein.

Während viele einem Impftermin entgegenfiebern, gibt es Probleme mit dem Vakzin von Astrazeneca. Inzwischen hat auch Deutschland die Impfungen mit Astrazeneca gestoppt – als „reine Vorsichtsmaßnahme“, wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erklärte.

Deutschland hat reagiert Astrazeneca vorerst gestoppt – wie geht es jetzt weiter?

Deutschland hat die Corona-Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca vorsorglich gestoppt, Impftermine sind abgesagt. Was bedeutet das für Menschen, die bereits damit geimpft wurden?  mehr...

Das für Impfstoffe in Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut schrieb am Montag auf seiner Website, dass man bei der Analyse des Datenbestands „eine auffällige Häufung einer speziellen Form von sehr seltenen Hirnvenenthrombosen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen und Blutungen in zeitlicher Nähe zu Impfungen mit dem Covid-19-Impfstoff Astrazeneca“ festgestellt habe. Das Paul-Ehrlich-Institut halte weitere Untersuchungen des Impfstoffs daher für notwendig.

41 Fälle von allergischen Schocks unter 5 Millionen mit Astrazeneca Geimpften

Bereits in der Woche davor hatte die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) gemeldet: „Schwere Allergien als mögliche Nebenwirkung von Astrazeneca-Impfstoff (EMA).“

Was ziemlich erschreckend klingt, ist, zumindest was die Zahlen angeht, weniger alarmierend, wenn man sich die Meldung genauer ansieht: Es gebe Berichte über 41 mögliche Anaphylaxie-Fälle, also allergische Schocks, unter fünf Millionen Impflingen in Großbritannien, erklärt die Behörde mit Sitz in Amsterdam (Stand 12. März 2021) .

Nach einer sorgfältigen Auswertung der Daten halte das für die Impfstoff-Risikobewertung zuständige Komitee einen Zusammenhang zwischen der allergischen Reaktion und der Impfung „mindestens in einigen dieser Fälle für wahrscheinlich.“ Sie sollten jetzt in die Liste der möglichen Nebenwirkungen des Vakzins aufgenommen werden. Bei anderen Impfstoffen, beispielsweise dem von Biontech/Pfizer, stehen sie bereits im Beipackzettel.

Bekannte und seltene Nebenwirkung – nicht nur bei Astrazeneca

Gleichzeitig wies die EMA darauf hin, dass schwere allergische Reaktionen auch bei Impfungen gegen andere Krankheiten eine bekannte und seltene Nebenwirkung sind – also bis jetzt nichts Ungewöhnliches.

SWR-Brüssel-Korrespondent Stephan Ueberbach hat sich die Aussagen der EMA angeschaut:

Impfung (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Sputnik | Gustavo Valiente)

Nachrichten „Aus ärztlicher Sicht ändert sich nichts“

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Berichte über Blutgerinsel durch Astrazeneca

Auch in den Tagen zuvor hatte Astrazeneca Schlagzeilen gemacht: Nachdem in Dänemark nach einer Corona-Impfung mit dem Astrazeneca-Mittel ein Mann an einem Blutgerinnsel gestorben ist, setzten mehrere Länder die Impfung mit dem Mittel aus.

EMA: Kein Hinweis auf Thrombosen durch Astrazeneca

Viele Experten, zumindest in Deutschland glauben eher nicht, dass es einen Zusammenhang gibt. Dafür gebe es noch keine Beweise. Das Aussetzen halten sie für weitaus gefährlicher als die Nebenwirkungen.

Der Hintergrund: Bis 10. März hat die EMA 30 Fälle von „thromboembolischen Ereignissen“ nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff registriert. Fünf Millionen Menschen sind mit dem Mittel schon geimpft worden. Das entspricht einer Quote von 0,000006 – falls der Zusammenhang überhaupt besteht: Am Freitag teilte die EMA mit, sie habe keinen Hinweis darauf gefunden.

Trotzdem haben sich Mitte der Woche neben Dänemark auch Norwegen, Island und Bulgarien dazu entschieden, erst einmal zwei Wochen auf Impfungen mit dem Astrazeneca-Stoff zu verzichten. Inzwischen kam auch Deutschland dazu.

Astrazeneca-Impfung (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sven Hoppe)
Astrazeneca-Impfung picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Mediziner: Aussetzen der Astrazeneca-Impfungen könnte mehr schaden als nützen

Die Entscheidung der Dänen könnte mehr schaden als nützen, sagte der Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Jena, Mathias Peltz. „Die Entscheidung verursacht wahrscheinlich mehr Schaden, als dass sie potenzielle Impfkomplikationen verhindert, von denen wir derzeit nicht einmal wissen, ob es überhaupt Impfkomplikationen sind“, sagte Pletz. Das sei eine unangemessene Nutzen-Risiko-Abwägung gewesen.

Blutgerinnsel, die vereinzelt nach der Corona-Impfung registriert wurden, kämen bei schwerkranken Covid-19-Patienten sehr häufig vor. Durch das Aussetzen der Impfungen in Dänemark für zunächst zwei Wochen sei es sehr wahrscheinlich, dass nun mehr Menschen an Covid-19 erkranken als ohne diese Entscheidung – und etwa fünf Prozent davon sicher auch schwer. So könnten folglich auch mehr Thrombosen entstehen.

Warum war der Impfstoff von Astrazeneca so in Verruf geraten?

Der Dortmunder Immunologe Carsten Watzl erklärte in SWR3, es seien vor allem anfangs falsche Zahlen veröffentlicht worden. Die 80-prozentige Wirksamkeit des Impfstoffs liege nicht sehr weit unter den höher wirksamen mRNA-Impfstoffen. Auch was die angeblichen Nebenwirkungen angeht, hat Watzl eine einfache Erklärung:

Das schlechte Image des Astrazeneca Impfstoffs sei eigentlich unbegründet, so Immunologe Carsten Watzl. Der Impfstoff...Posted by SWR3 on Tuesday, March 2, 2021

Vorsitzender des Weltärztebundes empfahl Astrazeneca nicht für medizinisches Personal

Aufgrund der früheren Studienlage empfahl der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, noch im Februar, dass medizinisches Personal und Pflegekräfte nicht mit dem Corona-Impfstoff des Herstellers Astrazeneca geimpft werden sollten. Der Impfstoff sei zwar genauso sicher wie die anderen, „doch die geringere Wirksamkeit lässt sich nicht wegdiskutieren“, sagte Montgomery damals der Rheinischen Post.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach konnte diese Haltung aber schon zu der Zeit nicht verstehen und postete auf Twitter:

(1) Der Boykottaufruf von Montgomery gegen Astra Impfstoffs für medizinisches Personal ist mE völlig verantwortungslos. Wie wollen wir Bürger für diesen lebenswichtigen Impfstoff gewinnen, wenn Ärztekammerpräsident ihn für Ärzte für nicht gut genug hält? https://t.co/UU4Yf8Fl21

(2) Astra Impfstoff kann bei meisten Mutationen schwere Verläufe und Tod verhindern, vielleicht bei allen. Ich werde ab Ende Februar auch regelmässig als Impfarzt in Leverkusen mitarbeiten. Das gesamte Team, auch ich, werden uns mit dem Astra Impfstoff impfen. Wir vertrauen ihm

Wie und ob die Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff gegen neue Virusmutanten helfen, hat Wissenschaftsjournalistin Mai Thi auf YouTube erklärt:

Nebenwirkungen beim Astrazeneca-Impfstoff

Leichte Schmerzen in der Einstichstelle sind nach einer Impfung normal und auch Abgeschlagenheit nach einer Impfung ist häufig und zeigt, dass unser Immunsystem seinen Job macht.

Auf Twitter sind unter #AstraZeneca aber auch Tweets über den Impfstoff, in denen von solchen Impfreaktionen berichtet wird:

3 Tage nach der Impfung mit #AstraZeneca: Mir geht es blendend. Keine Kopfschmerzen mehr (trotz Wetterumschwung), das Auftreten der leichten Übelkeit war einmalig und meine Temperatur war immer normal, höchste Messung 36,8°C. Lasst euch impfen! Corona ist härter zu euch.

Montag Nachmittag endlich Impftermin mit #AstraZeneca Impfstoff gehabt. In der Nacht zum Dienstag Schüttelfrost, morgens gerädert, in der Praxis wie in Trance gearbeitet. Heute deutlich besser. Liegt evtl. am Vektor - Schimpansen-Adenoviren kennt mein #immunesystem eher nicht. https://t.co/21oxo90Hx2

Das ist auch nicht ungewöhnlich: Nebenwirkungen beziehungsweise Impfreaktionen vom Impfstoff Astrazeneca waren im Vorfeld bekannt. Das Pharmaunternehmen hat Fieber als relativ häufig vorkommende, aber mild verlaufende und schnell vorübergehende Nebenwirkung seines Vakzins angegeben. Als weitere Nebenwirkungen werden vorübergehende lokale und systemische Reaktionen wie Schmerzen und Empfindlichkeit an der Injektionsstelle, leichte bis mäßige Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schüttelfrost, Fieber, Unwohlsein und Muskelschmerzen angegeben.

Anteil der Teilnehmer, bei denen die Reaktion auftrat:

  • Abgeschlagenheit (Fatigue) 70 Prozent
  • Kopfschmerzen 68 Prozent
  • Muskelschmerzen 60 Prozent
  • Malaise 61 Prozent
  • Frösteln 56 Prozent
  • Fiebriges Gefühl 51 Prozent
  • Über 38 Grad Fieber 18 Prozent
  • Über 39 Grad Fieber 2 Prozent
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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 27. November, 12:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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