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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Ein Jahr ist der Sturm aufs Kapitol in der US-Hauptstadt Washington her. Mittlerweile sind viele Urteile gefallen – und die vermeintlichen Helden sind auf einmal gar nicht mehr „heldenhaft“.

Es war ein heftiger Angriff auf die US-Demokratie: Aufgehetzt vom scheidenden US-Präsidenten Donald Trump drängen Randalierer und Demokratiefeinde ins Kapitol, bedrohen Abgeordnete und Senatoren, jagen Polizisten und richten Sachschäden an.

Fünf Menschen sterben, mehrere Polizisten sind so traumatisiert, dass sie sich in den Wochen danach das Leben nehmen. Die Täter dagegen scheinen völlig überzeugt und sorglos. Ein Jahr später sieht die Sache etwas anders aus.

Hier unsere Zusammenfassung des Kapitol-Sturms mit Bildern und Videos vom vergangenen Jahr:

Washington

Erschütternde Bilder aus der US-Hauptstadt Sturm aufs US-Kapitol – das geschah in der Krawallnacht von Washington

In der amerikanischen Hauptstadt Washington haben Anhänger des abgewählten US-Präsidenten Trump das Kapitol gestürmt. Die Polizei brauchte Stunden, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Fünf Menschen starben. Videos aus der Nacht zeigen kaum vorstellbare Szenen.  mehr...

„Schamane“ Chansley: „Bleibt dran, Patrioten. Gott siegt!“

Verbohrt in ihrem Irrglauben, die Demokraten hätten die US-Wahl gestohlen und in Ablehnung gegen alles, was die US-Demokratie ausmacht, blenden sie jede Realität einfach aus, wollen die Mehrheitsentscheidung vom Tisch fegen. Trump hat versprochen mitzumarschieren, was er natürlich nicht tut.

Der bekannteste der Angreifer: QAnon-„Schamane“ Jacob Chansley – der Mann mit dem Büffelhelm. Hier sieht man ihn in bester Laune knapp 48 Stunden vor dem Angriff auf das Kapitol. Auf seinem Schild die Worte: „Bleibt dran, Patrioten. Gott siegt!“

Many people we spoke to were convinced everything would change on January 6th — that they’d take back the election. My colleague @laceylrussell spotted the so-called QAnon Shaman in line for the rally. 48 hours later he would storm the Capitol. https://t.co/b4KFDIn6QI

Dreieinhalb Jahre Gefängnis für den Mann mit dem Büffelhelm

Jacob Chansley ist mittlerweile verurteilt, wie Dutzende andere: Knapp dreieinhalb Jahre Gefängnis hat er bekommen. Drei Tage nach dem Sturm war der damals noch fanatische Trump-Fan festgenommen worden. Einen Teil der Untersuchungshaft verbrachte er in einer psychiatrischen Einrichtung.

Er hat sich schuldig bekannt – und zeigt sich voller Reue: Chansleys Anwalt hat erklärt, sein Mandant habe der QAnon-Bewegung inzwischen abgeschworen. Der QAnon-Schamane habe wie andere Randalierer geglaubt, dass Trump ihn ins Kapitol gerufen habe. QAnon-Anhänger glauben, die Washingtoner Elite lasse Kinder schlachten – Trump sei berufen, das abzustellen.

Später habe Chansley sich verraten gefühlt, weil Trump sich geweigert hatte, ihn und andere Beteiligte zu begnadigen. Vor dem Sturm hatte Chansley noch dazu aufgerufen, „Verräter“, wie Trump-Vize Mike Pence zu hängen. Hier Szenen des Sturms:

On Jan. 6, 2021, photographer @kentnish documented the attack on the U.S. Capitol. He let his GoPro camera, attached to his helmet, run as long as the battery could last. That footage had never been shown until now. https://t.co/qXxAnZIGSm https://t.co/ZcJm0Hv08O

Kapitol-Angreifer: „Ich schäme mich so, dass ich ein Teil davon war“

Über 70 Urteile sind bis jetzt gefallen – in den meisten Fällen wurden sie wegen Vergehen wie Hausfriedensbruch und Störung der öffentlichen Ordnung verhängt.

Einer der Verurteilten ist der Geschäftsmann Robert Palmer: Mit einem Brett und einem Feuerlöscher greift er beim Sturm Polizisten an, die die aufgebrachte Menge vom Sitz des Parlaments in Washington zurückhalten wollten. Knapp ein Jahr später kämpft Palmer mit den Tränen, als er sich wegen seiner Worte und Taten vor Gericht verantworten muss.

Er sei „entsetzt, völlig am Boden zerstört“ über das, was er getan habe, sagt der Mann aus Florida der Richterin. „Ich schäme mich so, dass ich ein Teil davon war.“ Dennoch lautet das Strafmaß auf mehr als fünf Jahre Gefängnis.

Ist die Reue der Kapitol-Angreifer echt?

Ob Palmers Reuebekundungen wirklich echt seien, könne sie nicht ermessen, befindet die Richterin. Bei der Aufarbeitung hören die Gerichte viele Beteuerungen der Reue, viele Entschuldigungen, und auch viele Versuche, den Sturm auf den US-Kongress zu beschönigen.

Mehr als 700 Personen mussten und müssen sich bisher für ihre Teilnahme an den Unruhen vor Gericht verantworten, weitere Ermittlungen laufen. Unter den 71 Verurteilten sind ein Unternehmenschef, ein Luftwaffenoberst im Ruhestand und ein ehemaliger Polizist.

Viele von ihnen sagen, dass sich Freunde von ihnen abgewandt hätten oder sie ihren Job verloren. 56 der bisher Verurteilten bekannten sich eher geringfügiger Taten wie dem Eindringen ins Gebäude schuldig. Die meisten werden zu Hausarrest oder Freiheitsstrafen weniger Wochen oder Monate verurteilt.

Einige müssen die Strafe unter Bewährungsauflagen nicht antreten. Diejenigen wie Palmer, die Sicherheitskräfte angriffen, erhalten jedoch mehrjährige Gefängnisstrafen.

Richterin: „Sie sind auf ihren eigenen Füßen zum Kapitol gelaufen“

Was die Richterinnen und Richter dabei in den Anhörungen und Verhandlungen bislang hören, ähnelt sich immer wieder: Sie seien an dem Tag mitgerissen worden, lauten Aussagen. Sie seien einfach der Menge ins Kapitol nachgelaufen, von Gewalt oder Vandalismus hätten sie nichts mitbekommen.

„Niemand wurde zum Kapitol geschwemmt. Niemand wurde getragen“, betont Richterin Amy Berman Jackson, als sie einen weiteren Unruhestifter aus Pennsylvania verurteilt. Er sei dort „auf seinen eigenen zwei Füßen hingelaufen“, erklärt sie dem Mann und verurteilt ihn zu 30 Tagen Haft.

Die Polizei in Konfrontaion mit Unterstützern von US-Präsident Donald Trump, die die Sicherheitsvorkehrungen verletzten und am 6. Januar 2021 das Kapitol in Washington DC stürmten (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / AA | Mostafa Bassim)

6.1.2021 Donald Trump und der Sturm aufs Kapitol

Dauer

6.1.2021 | Der bei den Wahlen unterlegene US-Präsident Donald Trump weigert sich noch immer, seine Niederlage anzuerkennen. Den 6. Januar 2021 sieht er als letzte Chance, im Amt zu bleiben. An dem Tag werden im Kapitol offiziell die Voten der Wahlleute aus den Bundesstaaten ausgewertet und so der Wahlsieg festgestellt. Die Sitzung wird formal geleitet vom amtierenden Vize-Präsidenten Mike Pence. Trump fordert von Pence, das Ergebnis nicht anzuerkennen. Pence, war zwar immer loyal zu Trump, weiß aber, dass seine Funktion an diesem Tag rein protokollarisch ist und hat Trump zu verstehen gegeben, dass er das Ergebnis anerkennen wird. Trump hat seine Anhänger zu einer Kundgebung nach Washington gerufen. #jetztschonhistorisch | http://swr.li/sturm-aufs-kapitol

Die schwersten Fälle kommen noch

Die schwersten Fälle kommen allerdings erst noch: Sie werden gegen Mitglieder rechtsextremistischer Gruppen wie der „Proud Boys“ erhoben, die sich zu dem Angriff verschworen haben sollen, um die Bestätigung Bidens zu verhindern.

TERRORIST HATE GROUP WILL SEE TRIAL A U.S. judge on Tuesday allowed a criminal case relating to the deadly January 6th Capitol attack to move forward, declining to dismiss charges against four members of the far-right Proud Boys. #terrorists #hate https://t.co/R6PsTutpoR

Untersuchnugsausschuss: Welche Rolle spielte Donald Trump?

Im Sommer 2021 hat das Repräsentantenhaus einen Untersuchungsausschuss eingerichtet, der die Hintergründe der Kapitol-Erstürmung aufklären soll. Dabei geht es unter anderem um die Frage, welche Rolle Trump und sein Umfeld bei der Attacke spielten. Das Gremium hat bereits hunderte Zeugen befragt und zehntausende Dokumente erhalten.

Mehrere Trump-Vertraute haben aber Vorladungen ignoriert. Auf Betreiben des Untersuchungsausschusses wurde im November der ultrarechte Stratege Steve Bannon, der eine Kooperation mit dem Gremium verweigert, wegen Missachtung des Kongresses angeklagt. Auch Trumps früherem Stabschef Mark Meadows droht eine solche Anklage.

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