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Leo Eder
Leo Eder (Foto: SWR3)
Janina Schreiber (SWR-Umweltredaktion)

Die Challenge: einen Tortilla-Chip mit der schärfsten Chili-Sorte der Welt zu essen. Das geht nicht immer gut aus. Deshalb steuert die Politik jetzt gegen – und auch der Hersteller selbst reagiert.

Scharfes Essen mag nicht jeder. Und auch die Wahrnehmung der Schärfe unterscheidet sich stark – was dem einen höchstens pikant vorkommt, kann der nächste schon gar nicht mehr essen. Vielleicht auch deshalb sind Mutproben dazu beliebt, wer mehr Schärfe verträgt. Damit spielt so manche Currywurstbude, wenn sie ihre Produkte in unterschiedlichen Schärfegraden anbietet, wohlwissend, dass bei einigen Kunden damit der Wettbewerbsgedanke im wahrsten Sinne des Wortes befeuert wird. Das Chili-Battle gibt es aber auch bei anderen scharfen Produkten – wie zum Beispiel Chips.

„Hot Chip Challenge“ – nicht mehr in Deutschland

Immer wieder landeten in letzter Zeit vor allem Jugendliche im Krankenhaus, nachdem sie an der sogenannten „Hot Chip Challenge“ teilgenommen hatten. Dabei geht es um den Verzehr des gleichnamigen Tortilla-Chips – dieser ist versetzt mit Carolina Reaper, der schärfsten Chili-Sorte der Welt, und wird in einer sargförmigen Verpackung geliefert.

In Tübingen gab es sogar einen lebensbedrohlichen Fall im Zusammenhang mit dem Verzehr eines „Hot Chip“, wie das baden-württembergische Verbraucherschutzministerium mitteilte. Die Stadt Heilbronn hat nach ähnlichen Zwischenfällen den Verkauf verboten, das Land zog am 9. November nach, Bayern einen Tag später. Besonders gefährlich sei der „Hot Chip“, weil der Schärfegehalt bei jedem Chip unterschiedlich sei, sagt BW-Verbraucherschutzminister Peter Hauk (CDU). So könnten Verbraucherinnen und Verbraucher die Schärfe nicht selbst erkennen.

Wir haben die Lebensmittelüberwachungsbehörden im Land aufgefordert, das weitere Inverkehrbringen dieses Produkts unabhängig von der Charge vorsorglich zu verbieten.

Für die „Hot Chip Challenge“ besteht inzwischen auch ein Rückruf.

Hot Chip Challenge von Crevel Europe GmbH wegen schwankender, teilweise extrem hoher Capsaicingehalte zurückgerufen! Betroffen sind Produkte mit MHD 30.06.2024 und 13.07.2024. Rückgabe und Erstattung beim Verkäufer unter Vorlage der Rechnung. (Rückrufquelle: Crevel Europe GmbH) pic.twitter.com/1wFCukufOe

„Hot Chip Challenge“: Hersteller reagiert

Der tschechische Hersteller der „Hot Chip Challenge“ liefert das umstrittene Produkt nicht mehr nach Deutschland, wie er dem SWR auf Nachfrage mitteilte. Der Schutz der Verbraucher sei oberstes Gebot des Unternehmens. Zwar solle die Rezeptur angepasst werden, der Schärfegrad der „Hot Chip Challenge“ entspreche aber geltenden EU-Verordnungen und sei auch entsprechend zertifiziert, so der Hersteller.

Wieso stehen wir auf Chili-Schmerz?Fifty Shades of Chili? In jedem Chili-Esser steckt ein kleiner Masochist – behaupten einige Forscher.Posted by Quarks on Friday, March 8, 2019

USA: Tod nach Verzehr von „Paqui Carolina Reaper Chip“

Ein ähnlicher Chili-Chip sorgte dieses Jahr in den USA bereits für Notarzteinsätze – und einen Todesfall. Obwohl der „Paqui Carolina Reaper Chip“ laut Hinweisen auf der Verpackung nur für Erwachsene gedacht war, probierten sich auch Jugendliche daran – teils mit fatalen Folgen. So mussten sich drei Teenager in Kalifornien im Krankenhaus behandeln lassen, nachdem sie so einen Chip gegessen hatten. Auch in Colorado landeten einige Schüler nach der zugehörigen „One Chip Challenge“ im Krankenhaus.

Anfang September gab es den ersten Todesfall, der womöglich mit dem „Carolina Reaper Chip“ in Verbindung steht. Ein 14-Jähriger aus Worcester (US-Bundesstaat Massachusetts) wurde von seiner Mutter abgeholt, nachdem er in der Schule ohnmächtig geworden war. Zu Hause fiel er erneut in Ohnmacht und starb schließlich in der Notaufnahme – wenige Stunden, nachdem er den umstrittenen Chip gegessen hatte. Der Vater des Jugendlichen sagte, sein Sohn sei ein gesunder Basketballer ohne Allergien oder Vorerkrankungen gewesen.

Hersteller Paqui nimmt Chip aus dem Handel

Auf der Website der Marke Paqui prangt inzwischen ein deutliches Statement:

Die Paqui One Chip Challenge ist ausschließlich für Erwachsene vorgesehen – mit klarer und prominenter Kennzeichnung, dass der Chip nicht für Kinder oder Menschen gedacht ist, die sensibel auf scharfes Essen reagieren, Nahrungsallergien haben, schwanger sind oder Vorerkrankungen haben.

Man habe eine steigende Anzahl von Jugendlichen und anderen bemerkt, die diese Warnungen nicht beachteten. Obwohl das Produkt nach wie vor den Lebensmittelsicherheitsstandards entspreche, arbeite man deshalb mit den Händlern zusammen, um das Produkt als Vorsichtsmaßnahme aus dem Handel zu nehmen.

Tod durch Chili? Was die „One Chip Challenge“ damit zu tun hat

Die sogenannte „One Chip Challengewurde von der Firma Amplify Snack Brands beworben. Ihr Produkt: der „Paqui Carolina Reaper Chip“, ein einzeln verpackter Chip, der mit den zwei schärfsten Chili-Sorten der Welt gewürzt ist – Naga Viper und Carolina Reaper. Seit 2016 testen Menschen damit, wie viel Schärfe sie aushalten, und zeigen sich dabei publikumswirksam auf Social Media, zum Beispiel Tiktok. Die Mutprobe besteht daraus, den Chip zu verzehren und danach so lange wie möglich nichts anderes zu essen oder zu trinken.

Auch einige Promis haben sich schon an der Challenge versucht, unter anderen Basketball-Star Shaquille O'Neal und Skate-Legende Tony Hawk. Ein Moderator, der den Chip live im Fernsehen probierte, musste sich davon übergeben.

Was passiert, wenn man so scharfes Zeug isst?

Chili oder Cayennepfeffer sind deshalb so scharf, weil da Capsaicin drin ist. Die Paprika-Pflanze schützt sich mit ihrer Schärfe eigentlich vor gefräßigen Säugetieren. Stecken wir uns einen scharfen Chip in den Mund, aktiviert das Capsaicin Schmerzrezeptoren in Mund und Nase. Es sind die gleichen, die auch bei Hitze oder Kälte aktiv werden. Alle Mechanismen, die jetzt einsetzen, sind ein Schutz unseres Körper, der gerade davon ausgeht, dass ihm wehgetan wurde. Deshalb empfinden wir ein Brennen im Mund und auf der Zunge. Unser Körper schüttet Stresshormone wie Adrenalin aus. Wir beginnen, zu schwitzen. Unser Herz schlägt schneller, die Blutgefäße erweitern sich. Es kann zu Herz-Rhythmus-Störungen kommen. Unser Stoffwechsel läuft vorübergehend auf Hochtouren.

Auch wenn der scharfe Chip weiter durch die Speiseröhre in den Magen-Darm-Trakt wandert, reizt das Capsaicin hier die Schleimhäute – und zwar bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir es wieder ausscheiden. Der Magen produziert durch die Schärfe mehr Säure. Das kann Sodbrennen verursachen. Außerdem können wir Durchfall bekommen. Extremer Stress also für den Körper! Im Notfall führt das zum Kollaps.

Wie gefährlich kann das sein?

Die Menge macht das Gift! Zu dem Schluss kommt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Deutschland. Grundsätzlich sind Chilis oder sehr scharfes Essen nicht gefährlich. Solange es sich im Rahmen hält: Das BfR geht dabei davon aus, dass ein Erwachsener pro Mahlzeit maximal eine Dosis von 5 Milligramm Capsaicin je Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen kann. Bedeutet: Wer 60 Kilogramm wiegt, könnte ungefähr 300 Milligramm Capsaicin pro Mahlzeit zu sich nehmen. Das wären 18,75 Scoville Heat Units (SHU), damit wird Schärfe üblicherweise gemessen. Und das zu erreichen, ist gar nicht so einfach. Dafür müsste ein 60-Kilogramm-Mensch ein Kilogramm Tabasco-Soße oder 100 Gramm scharfes Chili-Pulver essen.

Aber: Diese Menge kann je nach Menschen sehr variieren. Wegen der One Chip Challenge hat das BfR erst kürzlich noch einmal davor gewarnt, dass zu scharf auf unseren Körper wirkt wie Gift! Vor allem Kinder hätten dabei in der Vergangenheit schon besonders empfindlich reagiert. Und es gebe Menschen, die schon auf kleinste Mengen der Schärfe allergisch reagierten.

Carolina Reaper ist die schärfste Chili der Welt. Scharf wird die Chili durch bestimmte chemische Stoffe – Capsaicine. Im Mund täuschen sie dem Nervensystem eine Verletzung vor. (Foto: IMAGO, IMAGO / Pond5 Images)

Geschmackssinn Wie misst man Schärfe und warum sind Chilis "anders" scharf als Senf?

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Scharf wird die Chili durch chemische Stoffe – Capsaicine. Sie täuschen dem Nervensystem eine Verletzung vor. Was ist bei scharfem Senf anders? Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Was kann ich tun, wenn ich zu scharf gegessen habe?

Schon ein lang andauerndes Brennen im Mund und auf der Zunge ist kein gutes Zeichen. Spätestens wer heftige Bauchschmerzen oder Herzrasen bekommt, sich übergeben muss oder ohnmächtig wird, sollte reagieren und im Notfall die 112 oder 116117 anrufen.

Wenn es um kleine Mengen geht, lässt sich Schärfe am besten mit einem weichen, ungetoasteten Toastbrot neutralisieren, das mit Mascarpone bestrichen ist. Das haben Lebensmitteltechniker der Hochschule Fulda herausgefunden. Ihre Erklärung: Capsaicin löst sich in Fett. Und Mascarpone ist recht fetthaltig. Fetter Frischkäse funktioniert auch. Bei Schärfe-Wettbewerben wird auch fetthaltige Milch oder Sahne zum Neutralisieren gereicht. Außerdem wird die Mascarpone durch das weiche Toastbrot wohl perfekt auf der Zunge verteilt. Aber: Eine Universalwaffe sei auch das nicht. Denn ganz ausgeschaltet haben die Forschenden die Schärfe damit nicht.

Gefährlicher Social-Media-Trend Jetzt warnt sogar das Bundesinstitut vor der „Deo-Challenge“

Nach einigen Todesfällen, die mutmaßlich auf die „Deo-Challenge“ zurückzuführen sind, warnt jetzt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung vor dem gefährlichen Trend.

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Das Portal der Bundesländer und des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit listet zurückgerufene Produkte auf. Damit soll die Öffentlichkeit über Rückrufe informiert werden.

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