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Wie passen volle Fußball-Stadien und die Corona-Pandemie zusammen? Gar nicht, möchte man vernünftigerweise antworten. SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach sieht die Uefa gar verantwortlich für den Tod vieler Menschen.

Klar, je mehr Leute im Stadion zuschauen, desto besser ist die Stimmung – untereinander, vor allem aber auch für die Spieler auf dem Feld. Auch dass man möglichst vielen Menschen den Besuch eines Fußball-EM-Spiels ermöglichen möchte, lässt sich nachvollziehen.

Nichtsdestotrotz ist die Corona-Pandemie noch längst nicht vorbei. Und daran erinnert uns die Delta-Variante leider immer mehr, die in vielen Ländern auf dem Vormarsch ist. Allein in Deutschland geht nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts mindestens jede zweite Corona-Ansteckung bereits auf Delta zurück, eine Variante, die nach momentanem Stand bis zu 60 Prozent ansteckender sein könnte als das Ursprungsvirus.

Schon beim ersten EM-Spiel über 55.000 Fans im Budapester Stadion

Viele Politiker sind deshalb besorgt über das Zuschauerkonzept der Europäischen Fußball-Union (Uefa). Bereits beim EM-Auftakt Ungarn-Portugal blickte manch einer ungläubig auf den Bildschirm: über 55.000 Fußball-Fans im Budapester Stadion ohne Maske und natürlich auch ohne Abstand. Es war restlos ausverkauft.

Die Puskas-Arena in Budapest wird als einziges Stadion bei dieser EM ausverkauft sein. #EURO2020 #HUNPOR https://t.co/sKRqOl5KTz

Ungarn hatte der Uefa als einziger EM-Austragungsort eine Stadion-Auslastung von 100 Prozent zugesagt. Immerhin: Rein kam offiziell nur, wer einen Immunausweis hatte, das heißt hier, einmal geimpft oder genesen war. Ausländische Fans brauchten einen PCR-Test, der nicht älter als 72 Stunden war. Dass hier ein Restrisiko besteht, liegt auf der Hand.

Lauterbach: „Uefa ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich“

Beim Achtelfinal-Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England waren am Dienstagabend 41.973 Zuschauer im Londoner Stadion. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fürchtet, dass sich dort viele angesteckt haben, die jetzt weitere Menschen infizieren werden.

Das Spiel hat gestern nochmal gezeigt wie eng die Fans stehen, wie oft sie sich umarmen und anschreien. Es haben sich sicherlich Hunderte infiziert und diese infizieren jetzt wiederum Tausende. Die UEFA ist für den Tod von vielen Menschen verantwortlich. https://t.co/ruL9FBqPYF

WHO-Zahlen deuten auf Zusammenhang zwischen EM und Corona-Anstieg hin

Neue Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) legen einen Zusammenhang zwischen der Fußball-EM und steigenden Corona-Zahlen nahe. Demnach nimmt die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Europa nach einem zehnwöchigen Rückgang erstmals wieder zu – und zwar um zehn Prozent in der vergangenen Woche. Den Grund dafür sieht die WHO in Reisen, Zusammenkünften und Lockerungen der sozialen Beschränkungen.

Laut der zuständigen WHO-Expertin Catherine Smallwood müssen die Verantwortlichen in den EM-Spielorten die Bewegungen der Zuschauer stärker überwachen – auch außerhalb der Arenen.

Seehofer: „Kommerz darf nicht Infektionsschutz für die Bevölkerung überstrahlen“

Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kritisiert die Uefa wegen der EM-Spiele in London. „Ich halte diese Position der Uefa für absolut verantwortungslos“, sagte er. Es sei vorgezeichnet, dass ein Fußballspiel mit 60.000 Zuschauern das Infektionsgeschehen befördere, vor allem in einem Land, das bereits stark von der Delta-Variante betroffen sei.

Er könne „nur an die Uefa appellieren, es nicht auf die örtlichen Gesundheitsbehörden abzuschieben“, sagte Seehofer. Seiner Ansicht nach sollte ein Sportverband schon klar erklären: „Wir wollen das nicht, wir reduzieren die Zuschauerzahl.“ Der Kommerz dürfe „nicht den Infektionsschutz für die Bevölkerung überstrahlen“.

Die Uefa gibt die Verantwortung weiter und verweist bei der Entscheidung über die genaue Anzahl der zugelassenen Besucher ihrer EM-Partien auf die lokalen Behörden. Die Maßnahmen seien an jedem Spielort vollständig mit den Regularien der zuständigen Gesundheitsbehörden abgestimmt, teilte der Verband mit.

Die finale Entscheidung über die Anzahl der zugelassenen Zuschauer bei den Spielen und die Einreisebestimmungen liege im Verantwortungsbereich der lokalen Behörden – die Uefa folge diesen.

Halbfinale und Finale in London vor mehr als 60.000 Zuschauern

Für das Endspiel und die beiden Halbfinals im Londoner Wembley-Stadion hat sich die britische Regierung mit der Uefa darauf geeinigt, 75 Prozent der Zuschauer-Kapazität auszuschöpfen. Damit dürfen mehr als 60.000 Fans zu den drei Partien am 6., 7. und 11. Juli kommen. Zuvor war die Zahl der Zuschauer auf 40.000 begrenzt worden.

Wembley Stadium is expected to be about three quarters full for the Euro 2020 semi-finals and final as part of a deal between the government and Uefa https://t.co/KtZMB5F8wi

Im Vorfeld hatte es laut der Zeitung The Times Verstimmungen zwischen der Uefa und Großbritannien gegeben, weil der Fußball-Verband wollte, dass Corona-Regeln für Fans und VIP-Gäste gelockert werden. Andernfalls wolle er die Spiele nach Budapest verlegen. Das war gerade im Hinblick auf die angespannte Corona-Situation im Königreich heftig kritisiert worden.

Schottland: Knapp 2.000 Corona-Fälle nach EM-Spiel

Dass zwischen den EM-Spielen und einem anschließenden Anstieg von Corona-Fällen eine Verbindung besteht, zeigt der Blick nach Schottland. Dort waren fast 2.000 Fans positiv auf das Coronavirus getestet worden – einige Tage, nachdem sie beim Spiel Schottland gegen England in London gewesen waren.

Natürlich lässt sich nicht beweisen, dass sich alle im Stadion angesteckt haben. Sollten sie sich allerdings vorher schon infiziert haben, wären sie während dem Spiel schon infektiös gewesen und hätten dann viele Menschen anstecken können. Pascal Kiss aus der SWR-Wissenschaftsredaktion meint, dass die Zahlen ein starker Hinweis darauf seien, dass viele der 2.000 später positiv getesteten schottischen Fans schon während des Besuchs im Stadion oder eines Pubs infektiös waren und dann auch viele angesteckt haben.

Drei bis fünf Tage nach dem Spiel sind auffällig viele Fans positiv getestet worden – und es dauert eben genau drei bis fünf Tage in der Regel, bis nach der Infektion die ersten Symptome auftreten und dann auch sicher der Corona-Test positiv ausfällt.

Auch bei finnischen Fans hat es positive Fälle gegeben. Die finnischen Behörden teilten am vergangenen Freitag mit, dass mittlerweile über 300 Zuschauer des Spiels Finnland gegen Belgien am Montag vergangener Woche in St. Petersburg positiv auf Corona getestet worden seien. Da die Rückkehr von rund 3.000 finnischen Fans am Dienstag vergangener Woche Staus an den Landesgrenzen verursacht hatte, waren örtlichen Medien zufolge knapp 800 Heimkehrer ohne Corona-Tests ins Land gelassen worden.

~4,500 #Finland fans went to St Petersburg for #UefaEuro2020. By 30 June, 386 of them were #COVID19 +ve. Yesterday that # rose. Finland doing extensive contact tracing to decrease onwards spread➡️#StrongPublicHealthResponse #ContactTracing #CaseInvestigation https://t.co/YJab7Me7JJ

Wie viele Zuschauer sich in London beim EM-Aus für die deutsche Mannschaft angesteckt haben, werden die nächsten Tage zeigen.

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 28. Juli, 02:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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