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Christian Kreutzer (Foto: SWR3)

Eltern, Tante, Onkel, Halbgeschwister – alle sind tot, weil Adrian S. offenbar dachte, seine Mutter wollte ihn vergiften. Jetzt wurde er vom Landgericht Ellwangen verurteilt.

Der damals 26-Jährige soll die sechs Verwandten bei einem Familientreffen Ende Januar umgebracht haben – „hingerichtet“ sagen manche: In der Gemeinde Rot am See bei Schwäbisch Hall, im fränkischen Teil Baden-Württembergs, erschoss er laut Anklage seine Eltern, zwei Halbgeschwister sowie Onkel und Tante.

Zwei jugendliche Verwandte konnten sich schwer verletzt retten. Tatort war ein Lokal, das der Familie gehört und in dem der Täter und mehrere Opfer lebten.

15 Jahre Haft und Psychiatrie

Im Gerichtssaal wurden später Bilder vom ihnen und dem Tatort gezeigt. Der Angeklagte zeigte dabei keine Regung, hatte aber in der Sitzungspause einen Nervenzusammenbruch und musste mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Nachbarn beschrieben ihn Berichten zufolge als Einzelgänger, der intensiv Computerspiele gespielt habe.

Jetzt hat ihn das Landgericht Ellwangen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Außerdem ordnete es die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

Richter: „Zustand der Raserei“

Aus Sicht des Gerichts war er vermindert schuldfähig. Eine solche Tat sei nur zu erklären als die „Tat eines psychisch schwer gestörten Täters, der teils besessen gewesen ist“, sagte der Richter am Freitag bei seiner Urteilsbegründung.

Der Angeklagte habe sich ab dem ersten Schuss in einem „Zustand der Raserei“ befunden und sei nicht mehr in der Lage gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Der Richter sprach von „unbedingtem Vernichtungswillen“.

Angst vor Giftanschlag der eigenen Mutter

Gleich zu Prozessbeginn hatte der heute 27-Jährige gestanden. Sein Motiv: Die Mutter habe ihn missbraucht und zudem versucht, ihn zu vergiften, wofür Gutachter allerdings keine Beweise hatten finden können. 

Ein Gutachter hatte im Frühjahr Wahnvorstellungen und eine krankhafte seelische Störung bei ihm diagnostiziert – allerdings keine paranoide Schizophrenie, aufgrund derer er schuldunfähig gewesen wäre.

Auch der Verteidiger sieht die Tat als Mord an

Zuvor hatte sich S. in einem Schlusswort für die Taten entschuldigt: „Niemand braucht Angst vor mir zu haben“, versicherte er. Am liebsten wolle er die Zeit zurückdrehen und die Taten ungeschehen machen. „Es tut mir Leid. Ich bereue, was ich getan habe.“

Nicht nur Staatsanwaltschaft und Nebenklage hielten den Schützen des Mordes für schuldig. Selbst die Verteidigung schloss sich dem an:

Sein Rechtsanwalt Andreas Kugel sprach am Freitag bei seinem Plädoyer von „heimtückischer Tötung“. Allerdings müsse der Strafrahmen wegen einer verminderten Schuldfähigkeit seines Mandanten verkürzt werden. Sein Antrag: eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren und die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Nebenkläger: „Es gibt und gab keinen Wahn“

Die Staatsanwaltschaft hatte bereits am Donnerstag eine lebenslange Haftstrafe wegen sechsfachen Mordes und zweifachen versuchten Mordes gefordert. Zudem beantragte die Anklagebehörde die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld sowie die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Eine zum Teil eingeschränkte Steuerungsfähigkeit sah die Staatsanwaltschaft bei den Schüssen auf die Mutter, den Vater und die Halbschwester.

Die Nebenkläger dagegen halten den jungen Mann hingegen für voll schuldfähig. „Es gibt und gab keinen Wahn“, sagte eine der Vertreterinnen der Angehörigen. Sie und ihre Kollegen beantragten eine Sicherungsverwahrung nach der Haft. Damit wäre eine vorzeitige Entlassung in die Freiheit so gut wie ausgeschlossen gewesen.

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