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Die Urteile sind gefallen – doch im kommenden Jahr könnte der Prozess vor einem höher angesiedelten Gericht erneut beginnen.

Nach den fünf Urteilen im Hauptprozess um den Missbrauchskomplex Münster haben alle Verurteilten Revision eingelegt. Das Gericht hatte am 6. Juli vier Männer und eine Frau verurteilt. Der Drahtzieher, ein 28-jähriger IT-Techniker aus Münster, muss für 14 Jahre ins Gefängnis. Bei ihm sieht das Landgericht Münster 29 Taten, darunter zahlreiche Vergewaltigungen in einer inzwischen abgerissenen Gartenlaube im Norden von Münster, als erwiesen an. Der Deutsche gilt als Schlüsselfigur.

Für die Zeit danach ordnete das Landgericht Münster für den IT-Techniker Adrian V. Sicherungsverwahrung wegen Wiederholungsgefahr an.

Hohe Haftstrafen – Gericht folgt Forderungen der Anklage

Die Urteile für die anderen drei Männer: zehn Jahre Haft für einen 36-jährigen Mann aus Hannover für vier Fälle von Missbrauch, elf Jahre und sechs Monate für einen 43-Jährigen aus Schorfheide in Brandenburg für fünf Fälle und zwölf Jahre für einen 31-Jährigen aus dem hessischen Staufenberg für sechs Fälle. Auch für diese Männer ordnete das Gericht Sicherungsverwahrung an. Damit folgte es weitestgehend der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Männer sollen ihre Opfer bei den Taten mit K.O.-Tropfen gefügig gemacht haben.

Weil sie von den Verbrechen in ihrem Kleingarten gewusst haben soll, war in dem Prozess auch die Mutter des 28-jährigen Hauptangeklagten wegen Beihilfe angeklagt. Sie muss laut Urteil für fünf Jahre ins Gefängnis. Alle Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Doch nun geht es weiter: Alle Angeklagten haben Revision eingelegt. Die Große Strafkammer hat bis etwa Anfang November Zeit für die schriftliche Urteilsbegründung. Mit der Zustellung haben die Anwälte der Verurteilten dann vier Wochen Zeit für die schriftliche Begründung der Revision. Bei diesem Rechtsmittel prüft der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe die Entscheidung des Landgerichts auf Rechtsfehler.

Richter: „Grauenhaftes Geschehen“, Taten „zutiefst verstörend“

Bei der Urteilsbegründung sprach der Vorsitzende Richter Matthias Pheiler von einem „grauenhaften Geschehen“. Die Taten der Beschuldigten seien „zutiefst verstörend“, die Videoaufnahmen davon zeugten von deren Skrupellosigkeit. Die Aufnahmen hätten zudem den Anschein erweckt, als sei sexueller Missbrauch „trauriger Alltag“ der geschädigten Kinder, sagte er.

„Das Verfahren hat auch ganz deutlich gezeigt, wie pädophile Täter vorgehen: Sie täuschen, sie lügen, sie manipulieren ihr Umfeld“, fügte der Richter an. Im Prozess hätten die Angeklagten „gegrinst“, teils sogar „laut gelacht“, was die Kammer des Gerichtes so noch nicht erlebt habe.

Missbrauchskomplexe NRW: Münster, Lügde und Bergisch Gladbach

Münster ist neben Lügde und Bergisch Gladbach einer von drei großen Tatkomplexen in Nordrhein-Westfalen, die in den vergangenen drei Jahren aufgedeckt wurden. Ausgehend von den Ermittlungen in Münster gibt es Verfahren gegen 50 Tatverdächtige, von denen rund 30 in Untersuchungshaft sitzen. Etwa 30 Kinder sollen Opfer geworden sein.

Ein Ende der Ermittlungen in diesen Kindesmissbrauchskomplexen ist nach Einschätzung von Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) nicht absehbar. „Und ich befürchte, irgendwann gibt es dann wieder einen neuen Tatkomplex“, sagte Reul dem WDR. Die Ermittler hätten inzwischen vier Petabyte an Daten gesammelt.

NRW-Innenminister Reul: „Das ist eine Belastung, die ist unvorstellbar“

NRW habe für die Ermittlungen rund 32 Millionen Euro in neue Technologien investiert, das Personal sei vervierfacht und die Polizeistellen seien miteinander vernetzt worden, sagte Reul. Auch gebe es eine Software auf Basis von Künstlicher Intelligenz.

Aber am Ende säßen da immer noch Polizistinnen und Polizisten, die sich die Bilder anschauen müssten, sagte der Minister. „Das ist eine Belastung, die ist unvorstellbar.“

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Radionachrichten 24. September, 05:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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