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Überschwemmungen, Waldbrände, Hitzesommer: Es überrascht wohl nicht, wenn der Weltklimarat in seinem neuen Bericht feststellt, dass der Klimawandel rasant voranschreitet. Aber so schnell?

Es ist einfach nicht genug, was wir machen. Das könnte flapsig gesagt das Fazit des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC) sein. Es reicht nicht, wir müssen mehr tun, um uns und unseren Planeten zu retten. Denn die Erde reagiert auf das, was wir seit der Industrialisierung getrieben haben, immer extremer.

Mehr als 230 Fachleute aus 66 Ländern haben sich durch rund 14.000 wissenschaftliche Publikationen gewühlt, um den Status Quo der Erderwärmung zu ermitteln. Seit ihrem letzten Bericht aus dem Jahr 2013 ist so einiges passiert. Leider eher Schlechtes.

Klimawandel ist menschengemacht

Während es in früheren Berichten noch für „äußerst wahrscheinlich“ gehalten wurde, dass die Industrialisierung für die zunehmende Erderwärmung verantwortlich ist, lassen die Forscherinnen und Forscher diesmal keinen Zweifel daran aufkommen: „Es ist eindeutig, dass menschlicher Einfluss die Atmosphäre, Ozeane und das Land erwärmt hat.“ Es gäbe keine Unsicherheit darüber, „dass die globale Erwärmung von menschlicher Aktivität und dem Verbrennen fossiler Brennstoffe verursacht ist“, schreibt die Co-Autorin Friederike Otto.

Menschlicher Einfluss hat das Klima so aufgeheizt, wie es seit mindestens 2.000 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. (...) 2019 war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren.

The #IPCC released its latest #ClimateReport today, #ClimateChange 2021: the Physical Science Basis. “The role of human influence on the climate system is undisputed.” – Working Group I Co-Chair @valmasdel Report ➡️ https://t.co/uU8bb4inBB Watch the video, 🎥 ⬇️ https://t.co/hZOSU1xWQR

Temperaturanstieg von 1,5 Grad deutlich früher als bisher angenommen

Wenn es nicht starke und schnelle Reduktionen der Emissionen gebe, werde die globale Mitteltemperatur in den kommenden 20 Jahren einen Wert von mindestens 1,5 Grad über der Temperatur der vorindustriellen Zeit erreichen, sagte Valérie Masson-Delmotte bei der Vorstellung des Berichts. Sie ist Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe. Das wäre deutlich früher als in einem Sonderbericht von 2018 vorhergesagt.

Das Ziel 1,5 Grad steht im Pariser Klimaabkommen von 2015. Die Staaten wollen die Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau (1850-1900) deutlich unter zwei Grad halten und 1,5 Grad anstreben. Bislang liegt die Erwärmung bei etwa 1,1 Grad, mit regionalen Unterschieden. In Deutschland sind es bereits 1,6 Grad.

Hier gibt es die Pressekonferenz zum Nachsehen:

Wetterextreme nehmen zu

Es ist nahezu unmöglich, nicht mitzubekommen, wie die Natur um uns herum reagiert. So haben Starkregen und Unwetter erst kürzlich in Baden-Württemberg, Bayern, NRW und ganz besonders im Norden von Rheinland-Pfalz für ein katastrophales Ausmaß an Schäden gesorgt.

Hochwasser in RLP und NRW (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Boris Roessler)
Das Dorf Schuld im Kreis Ahrweiler war mit am schwersten von der Flut betroffen. picture alliance/dpa | Boris Roessler

Wetterextreme werden häufiger – auch, wenn der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt wird. Schlimme Hitzewellen, die bisher etwa alle 50 Jahre auftraten, wird es laut Weltklimarat einmal pro Jahrzehnt geben. Tropenstürme werden stärker, Regen- und Schneefälle nehmen zu. Es wird 1,7 Mal so oft wie bisher zu Dürren kommen. Brände werden intensiver und dauern länger.

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Was bedeutet das für Europa?

Die Temperatur wird in Europa stärker steigen als im weltweiten Durchschnitt. In weiten Teilen des europäischen Kontinents werden Überschwemmungen nach Regenfällen mit zunehmender Erderwärmung häufiger – vor allem ab dem Erreichen der Zwei-Grad-Celsius-Marke. In der Mittelmeerregion wiederum steigt die Brandgefahr wegen längerer Trockenperioden. Die Gletscher in den Alpen werden sich weiter zurückziehen.

In den Städten kann die Hitze wegen der hohen und dicht aneinander stehenden Gebäude kaum abziehen. Geballte menschliche Aktivitäten und wenige Pflanzen verschärfen den Effekt, so dass Metropolen zu regelrechten Hitze-Inseln werden.

Arktis: Sommer ohne Eis

Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Bereits seit den 70er Jahren beobachtet man das Schwinden von Eis im arktischen Sommer. Je weniger Eis vorhanden ist, desto weniger kann das Sonnenlicht reflektiert werden. Damit entsteht ein Teufelskreis, weil die dunklere Wasseroberfläche die Strahlung besser aufnimmt. Drei Viertel des Meereisvolumens seien im Sommer bereits abgeschmolzen, sagt Mitautor Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Selbst beim optimistischsten Szenario der Expertinnen und Experten werden die Eisschollen bis 2050 im Sommer komplett verschwunden sein.

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Meeresspiegel steigt unausweichlich

Die Polareis-Schmelze und die Erwärmung der Ozeane haben zur Folge, dass der Meeresspiegel ansteigt – in den nächsten Hunderten oder Tausenden Jahren zwei bis drei Meter oder mehr. Damit nehmen auch Überflutungen an Küsten in einem Ausmaß, das früher nur einmal im Jahrhundert vorkam, zu. Die Fachleute prognostizieren, dass dies nun jedes Jahr passieren wird.

Kipppunkte wie der Verlust der Arktis oder ein massives Waldsterben könnten sogar für einen Anstieg des Meeresspiegels von mehr als 15 Metern bis 2300 sorgen. Genau vorhersagen lässt sich das nicht.

Je mehr wir das Klimasystem antreiben (...), umso wahrscheinlicher überschreiten wir Schwellen, die wir kaum prognostizieren können.

Sind wir jetzt dem Untergang geweiht?

Fünf Szenarien hat der Weltklimarat entworfen. Bei zwei davon würde die Welt bis 2050 Klimaneutralität erreichen und danach mehr CO2 speichern als auszustoßen. Das wäre die einzige Möglichkeit, um den Temperaturanstieg der Erde bis Ende des Jahrhunderts bei 1,8 Grad oder darunter zu deckeln.

Bleibt alles, wie es jetzt gerade läuft, also mit gleichbleibenden Emissionen bis 2050, würde die Temperatur Ende dieses Jahrhunderts um 2,1 bis 3,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen.

Zwei düstere Szenarien beleuchten den Fall, dass die CO2-Emissionen bis 2050 verdoppelt würden. Dann wäre ein Temperaturanstieg von bis zu 5,7 Grad möglich.

Co-Autor Notz hält das mittlere Szenario für am wahrscheinlichsten, wenn man sich anschaut, was die einzelnen Regierungen für den Klimaschutz zugesagt haben. Allerdings wisse man nicht, ob alle ihre Zusagen einhalten oder andererseits vielleicht sogar verstärken werden.

In einigen Ländern beginnt die Industrialisierung gerade erst. Nach Berechnungen der Energie-Agentur der US-Regierung könnte der CO2-Ausstoß bis 2050 von heute im Jahr rund 36 Milliarden Tonnen auf mehr als 42 Milliarden Tonnen wachsen. China produziert zur Zeit das meiste Treibhausgas, etwa ein Viertel der Gesamtmenge, vor den USA mit 18 und der EU mit 17 Prozent. Der Anteil der CO2-Emissionen, die in Senken wie Wäldern oder Ozeanen aufgenommen werden und nicht in der Atmosphäre bleiben, liegt nach dem Bericht bei etwa 44 Prozent.

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