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Am 15. August haben die Taliban die Regierung von Afghanistan übernommen – und wollen das Land in einen islamischen Staat verwandeln. Wer sind die Taliban eigentlich?

Taliban bedeutet übersetzt „Schüler“ – das Wort ist eine Mischung aus dem arabischen Wort für Schüler „Talib“ und der persischen Plural-Endung „-an“. Die Taliban sind in Koranschulen in Pakistan entstanden, in denen afghanische Flüchtlinge unterrichtet wurden. Auch pakistanische Islamisten und sogar der pakistanische Geheimdienst hat dabei geholfen, aus den Extremisten richtige Guerilla zu machen, Kämpfer die für ihre Ideologie über Leichen gehen.

Ein Taliban-Kämpfer sitzt auf einem Auto (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/AP | -)
Die Taliban haben die Regierung von Afghanistan gestürzt und die Macht an sich gerissen. picture alliance/dpa/AP | -

Wann sind die Taliban zum ersten Mal aufgetaucht?

Gegründet wurden die Taliban vermutlich um 1993. Damals wurden sie vor allem so beliebt im Volk, weil sie unschuldige Menschen vor Kriegsherren und Gangstern retteten. Legendär ist vor allem die Geschichte von Mullah Omar, der einen bekannten Gangster und Frauen-Entführer an dessen eigenem Panzerrohr aufhängen ließ. Bis heute gelten die Taliban bei den paschtunischen Bauern als ehrliche und zuverlässige Richter und Herrscher.

Die damalige Regierung von Afghanistan bestand aus wechselnden Gruppen von Kriegsherren, die sich zum Teil bekämpft, sich auf der anderen Seite aber auch die Macht geteilt haben. Zwei Jahre lang dauerte ihr Kampf, dann stürzten die Taliban die afghanische Regierung. Am 26. September – fast auf den Tag genau 25 Jahre vor ihrem Einmarsch in Kabul vor wenigen Tagen – übernahmen sie in Afghanistan zum ersten Mal die Macht.

Wie war es in Afghanistan, als die Taliban an der Macht waren?

Die Taliban stürzten Afghanistan in eine Terrorherrschaft. Die Taliban leben eine sehr extreme Ausprägung des sunnitischen Islam – vergleichbar mit extremer Auslegung des katholischen Glaubens. Neben ihrem Glauben sind die Paschtunen dafür bekannt, dass sie einen sehr strengen Ehrenkodex leben.

Als sie 1996 an die Macht kamen und das „Islamische Emirat Afghanistan“ gründeten, führten sie ihre brutale Auslegung des Scharia-Rechts ein. Das hat schlimme Strafen vorgesehen – von auspeitschen über erhängen oder steinigen bis zu Körperteile abhacken. Vor allem Schiiten in Afghanistan hatten unter dem sunnitischen Regime zu leiden – vor allem die mongolischstämmigen Hazara. Daneben verweigerten die Taliban Frauen das Recht auf Bildung und zwangen sie, die Burka zu tragen.

Ein Schockmoment für den Westen war, als die Taliban antike Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal im Zentrum von Afghanistan sprengten. Die Statuen waren von der Unesco als Weltkulturerbe geführt. Mit der Militärintervention der USA und anderer Länder ab 2001 war die erste Schreckensherrschaft der Taliban beendet. Die Menschen in Afghanistan konnten wieder freier leben. Das passte den Taliban gar nicht in den Kram.

Wie haben die Taliban auf ihre Vertreibung aus Afghanistan reagiert?

Aus dem Nachbarland Pakistan führten die Taliban in den Folgejahren einen Terrorkrieg gegen die Regierung der neuen Islamischen Republik Afghanistan und gegen die Truppen der Internationalen Schutztruppe ISAF. Daran war auch die Bundeswehr beteiligt. Dabei gab es auch immer wieder Anschläge und Massaker – auch gegen unschuldige Menschen in Afghanistan. Insgesamt starben bis 2020 Zehntausende afghanische Soldaten und Zivilisten. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat deswegen eine Untersuchung wegen Kriegsverbrechen eingeleitet.

Wie konnten die Taliban Afghanistan wieder erobern?

Nach 20 Jahren mehr oder weniger friedlicher und westlich orientierter Regierungspolitik in Afghanistan trafen die USA eine folgenschwere Entscheidung. Mitte April kündigte Präsident Joe Biden an, dass die USA alle Streitkräfte aus Afghanistan abziehen. Bis zum 11. September sollten alle US-Soldaten das Land verlassen. Die anderen beteiligten Nato-Länder schlossen sich den USA an und zogen ebenfalls ab – unter anderem auch Soldaten aus Frankreich und Deutschland.

Das alles passierte, weil die Taliban die US-Regierung angelogen haben. Die Taliban setzten auf Verhandlungen mit den USA. Im vergangenen Jahr schlossen sie sogar ein Friedensabkommen mit den USA ab. In dem sicherten sie zu, dass sie der Gewalt abgeschworen haben. Die USA verließen sich drauf – und tappten in die Falle. Der Friedensvertrag war den Taliban völlig egal. Sie sahen mit dem Truppenabzug der ISAF nur ihre Chance, in Afghanistan wieder an die Macht zu kommen. In etwas mehr als vier Monaten eroberten die Taliban unter ihrem Anführer Haibatullah Achundsada Afghanistan zurück und setzten die Regierung ab.

Wie viele Kämpfer Achundsada befehligt, ist nicht klar. Schätzungsweise sind es deutlich unter 100.000.

Taliban finanzieren sich mit Drogenhandel

Wer sich die Geschichte der mittelamerikanischen Drogenbosse Pablo Escobar, El Chapo oder Miguel Ángel Félix Gallardo anschaut, wird viele Parallelen erkennen. Die Narcos haben mit Marihuana und Kokain Milliarden verdient – ihre Nachfolger verdienen damit immer noch Milliarden und schmieren Regierungen mit dem Geld. So ähnlich ist das auch bei den Taliban.

Wie die Kartellchefs aus Kolumbien und Mexiko handeln auch die Taliban mit Drogen – so finanziert sich die Terroristengruppe. Sie verkaufen Opium und Heroin und verdienen damit vermutlich Milliarden, die sie letztlich in Waffen investieren. Der Unterschied zu den Narcos in Mexiko: Statt Regierungen zu schmieren, wollen sie selbst regieren. Und die Taliban sind im Gegensatz zu den Narcos religiöse Fanatiker.

Ein Opium-Feld in Afghanistan (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Watan Yar)
Viele Bauern in Afghanistan leben vom Opium-Anbau. picture alliance/dpa | Watan Yar

Drogen seien „der größte Wirtschaftszweig des Landes außer dem Krieg“, sagt Barnett Rubin, ein ehemaliger Berater des US-Außenministeriums für Afghanistan.

Welche Mengen Drogen produzieren die Taliban?

Das Geschäft läuft. In drei der vergangenen vier Jahre haben die Taliban in Afghanistan so viel Opium produziert wie noch niemals davor, sagt das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (Unodc). Selbst während der Corona-Pandemie 2020 stieg der Mohn-Anbau im vergangenen Jahr um 37 Prozent, hieß es.

2017 haben die Taliban eine geschätzte Rekordmenge von 9.900 Tonnen Opium-Produkte produzieren lassen und verkauft – das ist so viel wie 99 Blauwale wiegen. Das Unodc sagt, diese Menge an Drogen hätte den Landwirten 1,4 Milliarden Dollar Umsatz in die Kassen gespült. Das entspricht etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) des Landes.

Wenn man noch den Export und die importierten Chemikalien dazu zählt, haben die Taliban mit ihren Drogen im Jahr 2017 etwa 6,6 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Und das führt wieder zu den lateinamerikanischen Narcos: Wie in Kolumbien und Mexiko schmierten auch die Taliban Beamte, um ihre Produkte nahezu ungestört herzustellen und zu exportieren.

Haben die USA versucht, den Taliban das Geschäft mit den Drogen zu zerstören?

Klar, dass die USA während ihrer Besatzungszeit in Afghanistan versucht haben, dieses Geschäft kaputt zu machen und den Taliban den Geldhahn abzudrehen. Mehr als acht Milliarden Dollar haben die USA dafür zwischen 2002 und 2017 ausgegeben – unter anderem für Luftangriffe und Razzien. Gebracht hat es nichts, die Taliban sind nach wie vor der weltweit größte Lieferant von illegalen Opiaten, sagen aktuelle und ehemalige US-Beamte und -Experten.

Und noch etwas ist passiert: Durch die US-Angriffe auf die Drogenfelder der Taliban sind viele Bauern auf dem Land immer wütender auf die Regierung in Kabul geworden, die von den USA unterstützt wurde. Viele Familien in Afghanistan können nur überleben, weil sie für die Taliban Opium anbauen.

Was wird nach der Regierungsübernahme der Taliban mit dem Drogengeschäft passieren?

Einige UN- und US-Experten befürchten, dass das Chaos in Afghanistan jetzt dafür sorgen könnte, dass die Taliban noch viel mehr Drogen produzieren – und dadurch noch viel mehr Geld einnehmen.

Cesar Gudes, der Leiter des Kabuler Unodc-Büros, sagt, schon jetzt dürften mehr als 80 Prozent der weltweiten Opium- und Heroinlieferungen aus Afghanistan stammen. „Wir haben an der Seitenlinie gestanden und leider zugelassen, dass die Taliban die wahrscheinlich größte Drogen-finanzierte Terrororganisation der Welt werden“, sagt ein US-Beamter.

Was machen die Taliban mit dem Drogen-Geld?

Die Taliban wollen das durchsetzen, was vor 20 Jahren schon einmal gegen die Wand gefahren ist: Ein Islamisches Emirat Afghanistan. Das Emirat könnte für viele Menschen ein schlimmer Ort zum Leben werden. Denn die Taliban wollen eine mittelalterlich geprägte Auslegung der Scharia einführen – die Scharia ist eine Sammlung islamischer Gesetze, die aber unterschiedlich interpretiert wird.

Das hatten sie 1996 schon einmal versucht. Fünf Jahre waren sie an der Macht. Das Ganze änderte sich, als Terrorfürst Osama bin Laden von Afghanistan aus die 9/11-Anschläge plante und ausführen ließ – und die USA darauf in das Land einrückten, um bin Laden zu finden. Die USA gaben den Taliban eine Mitschuld an den Anschlägen, weil die Bin Laden versteckten.

Die USA rückten ein und als die Taliban merkten, dass sie keine Chance hatten, ihr Emirat zu verteidigen, flohen sie ins Nachbarland Pakistan.

Wer sind die wichtigsten Anführer der Taliban?

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SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 18. Mai, 12:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

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