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Hans Liedtke (Foto: SWR3)

Seit einer Woche wird in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft. Vielen geht das zu langsam. Die Opposition wirft der Regierung vor, bei der Vorbereitung versagt zu haben – auch die EU-Kommission kriegt reichlich Schelte. Wir erklären, worum es geht.

➡️ Wie viel Impfstoff ist da und wie viel davon wurde bereits genutzt?

Bislang wurden 1,3 Millionen Dosen des Impfstoffs der Mainzer Firma Biontech an die Bundesländer geliefert. Damit werden zunächst Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, Menschen über 80 Jahre sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Krankenhauspersonal versorgt. Das Robert-Koch-Institut gab bekannt, dass inzwischen rund 317.000 Impfungen gemeldet seien – Stand 4.1.2021.

Viele Bürger und auch Experten beschweren sich, dass nicht genügend Impfstoff da sei. Aber selbst wenn man – wie manche Bundesländer es tun – die Hälfte der Dosen für die nötige zweite Impfung zurücklegt, wurde noch längst nicht die gesamte Menge aufgebraucht.

Andere Staaten, wie zum Beispiel Israel, Großbritannien und die USA, sind mit den Impfungen bereits deutlich weiter. Israel hat laut Politmagazin Hart aber Fair schon 14,1 Prozent seiner Bürger geimpft – Großbritannien und die USA jeweils 1,4 Prozent. Deutschland steht gerade bei etwa 0,3 Prozent.

➡️ Warum geht es so langsam voran?

Das Gesundheitsministerium verweist an die Bundesländer, die die Impfungen organisieren. Generell könnte es daran liegen, dass erstmal vorrangig in Alten- und Pflegeheimen geimpft wird. Die Bewohner dort sind oft nicht mobil, so dass Impfteams in die Heime fahren müssen. Das dauert länger als Massenimpfungen in einem Impfzentrum. Außerdem sind vor dem Impfen kurze Arztgespräche vorgesehen.

➡️ Hat die EU-Kommission zu wenig Impfstoff bestellt?

Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides weist Kritik zurück.

Das Nadelöhr ist derzeit nicht die Zahl der Bestellungen, sondern der weltweite Engpass an Produktionskapazitäten.

Stella Kyriakides, Gesundheitskommissarin

Im November wurden bis zu 300 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs bestellt, die nach Bevölkerungszahl auf die 27 EU-Staaten verteilt werden. Daneben gibt es Rahmenverträge mit fünf weiteren Herstellern. Insgesamt hat die EU Bezugsrechte für knapp zwei Milliarden Impfdosen, mehr als genug für die 450 Millionen Menschen in der EU.

Das Problem: Bisher haben nur Biontech/Pfizer und der US-Hersteller Moderna die EU-Zulassung. Warum ist die EU-Kommission so vorgegangen? Da lange unklar war, wer im Impfstoff-Rennen die Nase vorn haben würde, wollte die Kommission das Risiko streuen. Warum zu welchem Zeitpunkt welche Mengen bei bestimmten Firmen bestellt wurden, ist aber nicht transparent – die Verträge sind geheim.

Unter der Hand ist in Brüssel zu hören: Biontech und Moderna waren für einige EU-Staaten zunächst nicht die erste Wahl, wegen der neuartigen Technologie und wegen der Preise. Auch diese sind ein Geheimnis, doch gab eine belgische Staatssekretärin kürzlich auf Twitter zeitweise Einblick: So koste eine Dosis Impfstoff von Moderna umgerechnet rund 15 Euro, von Biontech/Pfizer 12 Euro, von Astrazeneca nur 1,78 Euro.

➡️ Hat die EU auf die falschen Impfstoffe gesetzt?

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach kritisiert, dass Europa nur wenig von dem Moderna-Impfstoff gekauft hat, nämlich 160 Millionen Dosen.

Schon sehr früh war klar, dass der Moderna-Impfstoff sehr stark wirkt und in Hausarztpraxen verwendet werden könnte.

Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitspolitiker

Wegen der geringen Menge werde der Moderna-Impfstoff wohl keine große Rolle spielen. Mit Astrazeneca vereinbarte die EU-Kommission hingegen schon im August den Kauf von bis zu 400 Millionen Dosen und hoffte auf Lieferung vor Jahresende. Dann gab es in Tests Rückschläge.

In Großbritannien hat der sogenannte Oxford-Impfstoff nun die Notfallzulassung geschafft. In der EU könnte das Mittel einige Wochen nach Moderna möglicherweise als nächstes auf den Markt kommen. Der Impfstoff des US-Herstellers Moderna hat am Mittwoch die Zulassung durch die EU-Kommission erhalten, nachdem die Arzneimittelbehörde EMA zuvor eine Zulassung des Impfstoffes empfohlen hatte.

Wir beschaffen sichere & effektive #COVID19 Impfstoffe für die Menschen in Europa. Wir haben den Impfstoff von @moderna_tx zugelassen, der zweite in der EU. Europa hat bisher 2 Mrd. Dosen an möglichen Impfstoffen beschafft - mehr als genug für uns alle #StrongerTogether https://t.co/tKXEDGe8yZ

➡️ Kann die EU noch mehr von Biontech bekommen?

Voraussichtlich ja. Man sei „in fortgeschrittenen Diskussionen“ über zusätzliche Lieferungen, sagte Biontech-Chef Uğur Şahin an Neujahr der Deutschen Presse-Agentur. Also mehr als die bestellten 300 Millionen Dosen. Man arbeite mit der EU am Ausbau der Produktionskapazitäten.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte sich allerdings skeptisch. Er sagte im Morgenmagazin von ARD und ZDF, man könne die Produktion nicht einfach beliebig an andere vergeben – das sei sehr kompliziert. Er setzt darauf, dass Biontech und Pfizer schon bald in Deutschland neue Produktionsstätten aufbauen.

So funktionieren mRNA-ImpfstoffeDer neu zugelassene Impfstoff von Moderna ist ein mRNA-Impfstoff – genau wie der von Biontech und Pfizer. 💉 Wir zeigen euch, wie die Mittel gegen Covid-19 schützen können (stark vereinfacht).Posted by SWR Wissen on Monday, December 28, 2020

➡️ Wann wird genug Impfstoff für alle da sein?

Rechnerisch reicht die von der EU bestellte Menge der drei Mittel von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca – insgesamt 860 Millionen Dosen – für alle erwarteten Impfungen in Europa: 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit jeweils zwei Spritzen. Der Impfstoff von Biontech und Pfizer ist bereits zugelassen. Auch der Impfstoff von Moderna wurde am Mittwoch durch die EU-Kommission zugelassen. Dennoch wird die Impfkampagne Monate dauern, weil nur in Etappen geliefert wird.

➡️ Warum setzt Deutschland auf Beschaffung über die EU und kauft nicht selbst ein?

Gesundheitsminister Spahn betont, dass Deutschland bewusst den europäischen Weg wählte. Ein Wettrennen der 27 um den knappen Impfstoff hätte neuen Zündstoff für die EU bedeutet, und das große Deutschland wäre mit Sicherheit dafür angefeindet worden, kleine und weniger wohlhabende Staaten auszubooten. „Europa ist vernetzt, und wir kommen am schnellsten gemeinsam aus dieser Krise“, meint Kyriakides. „Daran hat auch Deutschland ein großes Interesse.“ Hinzu kommt die Marktmacht der EU-Kommission. Sie bekommt wegen der großen Mengen gute Preise. Laut Medienberichten sollen die USA für die ersten 100 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff 19,50 Dollar pro Stück bezahlt haben, umgerechnet rund 16 Euro. In der EU waren es den belgischen Informationen zufolge 12 Euro.

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