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Die Polizei durchsucht gerade Wohnungen von mutmaßlichen Islamisten in Deutschland. Hintergrund ist Terroranschlag von Wien. Einige der Verdächtigen sollen sich mit dem Attentäter getroffen haben.

Die Polizei hat am Freitagmorgen in Deutschland mit Durchsuchungen im Zusammenhang mit dem islamistischen Anschlag von Wien begonnen. Es würden Wohnungen und Geschäftsräume von vier Personen in Niedersachsen, Hessen und Schleswig-Holstein durchsucht, teilte das Bundeskriminalamt bei Twitter mit.

Anschlagsgeschehen in Wien BKA-Kräfte durchsuchen seit heute Morgen im Auftrag des @GBA_b_BGH & mit Unterstützung von Polizeikräften aus NI, HE, SH sowie der BPol (GSG9) die Wohn-& Geschäftsräume von 4 nicht tatverdächtigen Personen in Osnabrück, Kassel sowie im Kreis Pinneberg. https://t.co/KI4RTKWAaV

Hintergrund sind Ermittlungen nach dem Terroranschlag von Wien. Einige der Verdächtigen sollen sich mit dem Attentäter getroffen haben. Die Ermittler gehen aber nicht davon aus, dass sie den Anschlag in Wien mitgeplant haben.

Terroranschlag in Wien: Was ist passiert?

Der Anschlag hatte am Montagabend gegen 20 Uhr im Wiener Ausgehviertel Bermuda-Dreieck nahe einer Synagoge begonnen, wo kurz vor Beginn neuer Corona-Ausgangssperren und bei mildem Wetter viele Menschen unterwegs waren. Ein Angreifer feuerte nach Angaben der Polizei an sechs verschiedenen Tatorten mit Gewehren um sich – teils auf Gäste in Lokalen, wie der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig mitteilte.

Insgesamt gibt es nach aktuellen Angaben vier Tote. Dazu kommt noch der getötete Angreifer. Am Dienstagabend sagte der deutsche Außenminister Heiko Maas mit, dass auch eine Deutsche getötet worden sei. „Wir haben jetzt die traurige Gewissheit, dass auch eine deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Angriffs in Wien ist“, so Maas.

Wir haben jetzt die traurige Gewissheit, dass auch eine deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Angriffs in #Wien ist. Unsere Anteilnahme und unser Beileid gelten ihren Angehörigen und Freunden.

War es islamistischer Terrorismus?

Der Attentäter sei mit einem Sprengstoffgürtel – möglicherweise eine Attrappe – und mit einem Sturmgewehr bewaffnet gewesen, erklärte Österreichs Innenminister Karl Nehammer. Er habe Angst und Panik schüren wollen.

Am Dienstagabend hat die Terrormiliz IS den Anschlag für sich reklamiert. Ein „Soldat des Kalifats“ habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt und in der österreichischen Hauptstadt rund 30 Menschen getötet oder verletzt, darunter auch Polizisten, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform Naschir News mit.

Was ist über den toten Täter und seinen Hintergrund bekannt?

Der Attentäter, der nach dem Anschlag in der Wiener Innenstadt von der Polizei erschossen worden ist, war 20 Jahre alt, hatte nordmazedonische Wurzeln und war einschlägig wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorbestraft. Der Mann sei wegen „versuchter Dschihad-Ausreise“ und versuchten Anschlusses an den IS rechtskräftig verurteilt, aber vorzeitig aus der Haft entlassen worden", so Nehammer. Ihm sei es gelungen, die Behörden bei seiner vorzeitigen Entlassung über den Misserfolg seiner Deradikalisierung zu täuschen.

Welchen Tipp hat der Geheimdienst erhalten?

Der Attentäter war zuvor der slowakischen Polizei bei einem versuchten Munitionskauf aufgefallen. Das erklärte eine Polizeisprecherin dem slowakischen TV-Nachrichtensender TA3.

Die Polizeidirektion in Bratislava schrieb auf Facebook: „Die slowakische Polizei erhielt im Sommer die Information, dass verdächtige Personen aus Österreich versuchten, in der Slowakei Munition zu kaufen. Es gelang ihnen aber nicht, den Kauf zu realisieren.“ Die Information sei unverzüglich der Polizei in Österreich übermittelt worden.

Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) sagte dazu:

In den weiteren Schritten ist hier offensichtlich in der Kommunikation etwas schiefgegangen.

Karl Nehammer (ÖVP), österreichischer Innenminister

Er kündigte an, das von einer unabhängigen Untersuchungskommission klären zu lassen.

Wie viele Täter gab es?

Zunächst wurde nach mindestens einem weiteren Täter gefahndet. Deshalb waren die Menschen in Wien dazu angehalten worden, nach dem Terroranschlag in ihren Wohnungen zu bleiben. Später teilten die Sicherheitsbehörden mit, dass der Täter allein gehandelt habe. Das gehe aus den bisherigen Ermittlungen und den Auswertungen von rund 20.000 Videos hervor, die die Bürger der Polizei zur Verfügung gestellt hätten, erklärte Nehammer.

ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt schildert im Gespräch mit Moderator Arne Wiechern, wie die Polizei nun vorgeht, wo sie den bisher bekannten Täter verortet und wie es um die islamistische Szene in Wien steht. Schmidt sagt, in Wien und in Österreich habe es schon länger eine große und gewaltbereite islamistische Szene gegeben. Sie sei aber bisher eher im Ausland aktiv gewesen.

Holger Schmidt (Foto: SWR, SWR)

Interview zu den Schüssen in Wien "Wien hat eine sehr aktive islamistische Szene"

Dauer

Welche Reaktionen gab es auf den Anschlag?

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz verurteilte den Anschlag als „widerwärtig“ und versprach, die österreichische Polizei werde entschlossen gegen den oder die Täter vorgehen. Bei einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag betonte Kurz, es gehe nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten. Es gehe um einen Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei. „Und diesen Kampf werden wir mit aller Entschiedenheit führen.“

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