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Über Wochen hatten Löwen in einem Zoo im Sudan fast nichts zu essen bekommen. Ein Mann entdeckte sie und löste mit seinen Fotos weltweites Entsetzen aus. Dank einer beispiellosen Rettungsaktion überlebten vier Tiere.

Kendaka war dem Tod geweiht. Zusammengekauert lag die Löwin in dem Käfig. Nur noch Haut und Knochen. Auf gerade einmal 15 Kilo abgemagert, fast blind, ein Schatten ihrer selbst. Für Osman Sali ein schockierender Anblick. "Sie war nur noch ein Skelett am Boden. Unfähig sich zu bewegen. Der Käfig war extrem dreckig. Es war traurig, sie so zu sehen."

Eher zufällig schlendert der 35-jährige Familienvater Mitte Januar durch einen Park von Khartum und entdeckt in einer Ecke einen gruseligen Mini-Zoo: Wilde Tiere auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht, ohne Futter, und ohne jede Fürsorge. Vögel, Echsen, Hyänen und fünf Löwen. Drei davon völlig ausgezehrt.

Weltspiegel-Reportage über die Löwen im Sudan

Osman konfrontiert den Betreiber des privaten Tierparks mit dem Leid der Löwen. Der aber reagiert kühl. Ihm sei das Futter ausgegangen, rechtfertigt er sich lapidar. Aber es würden ja auch die Menschen im Sudan leiden. Für Osman nichts als eine dumme Ausrede. Die Löwen seien schließlich eingesperrt.

Sturm der Entrüstung auf Facebook

Zu Hause lädt der IT-Spezialist seine Fotos aus dem Tierpark hoch, veröffentlicht sie auf Facebook. Es folgt ein Sturm der Entrüstung. Hunderte Kommentare in wenigen Stunden. Die Tiere werden zum Symbol für Leid und Hunger im Sudan, aber auch für Überlebenswillen. "Ich war überwältigt, konnte mit dem Druck nicht umgehen. Es waren einfach zu viele Nachrichen. Mein Handy klingelte permanent, ich musste es auf lautlos stellen", erzählt Osman.

Und doch ist er wild entschlossen, die Löwen zu retten. Er organisiert Futter, nimmt Kontakt mit der Regierung, mit Organisationen auf. Die Hilfsbereitschaft im Sudan ist überwältigend. Trotz Hunger, Not und Elend in einem der ärmsten Länder der Welt. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die Preise explodieren. Brot, Benzin, Medikamente sind knapp. Es gibt kaum Jobs und Perspektiven für Millionen Menschen.

Und doch gibt es auch Grund zur Hoffnung: Nach Massenprotesten im vergangenen Jahr war Langzeitdiktator Baschir abgetreten. Schließlich einigten sich Militärjunta und Opposition auf eine gemeinsame Regierung und Neuwahlen. Auf dem Sudan liegen seither große Hoffnungen. "Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben, was wir erleben", sagt Osman. "Und ich bin optimistisch, dass es jetzt aufwärts geht."

Überwältigende Hilfsbereitschaft

Schon am Tag nach Osmans Post auf Facebook stapeln sich im Tierpark Taschen von Futter und Fleisch. In dem kleinen Kühlschrank ist nicht genug Platz für all die Spenden. Zwei neue werden angeschafft. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten bietet Hilfe an. Osman erkundigt sich und nimmt an.

Aus Wien fliegt der Tierarzt Amir Khalil ein. Er kennt sich aus mit solchen Notfällen. Zunächst ist er skeptisch, ob die Löwen überleben können. Einer stirbt. "Sie haben fast zwei Drittel ihres Körpergewichts verloren, die Überlebenschance war fast null", sagt er. Zusammen mit freiwilligen Helfern aber will er es wagen, rührt eine spezielle Mischung aus Hackfleisch, Katzenfutter, Vitaminen und Proteinen an und verabreicht sie den Löwen. Die Therapie schlägt an. "Ich bin so glücklich", sagt der Ägypter. "Es geht um Menschlichkeit. Ein guter Mensch soll gut sein zu Menschen und auch Tieren."

Noch ist die Löwin nicht ganz über den Berg

Mittlerweile ist Kendaka wieder bei Kräften, sie wiegt 70 Kilo. Bei einer gesunden Löwin sind es mehr als 100. Noch also ist sie nicht ganz über den Berg. Ihre Chancen aber stehen gut. So wie die der anderen drei Löwen auch. Nun geht es darum, für sie ein neues Gehege zu finden. Artgerecht, mit Auslauf. Die Regierung hat ein Gelände vor den Toren Khartums angeboten. Alle ziehen jetzt an einem Strang. "Ich werde so viel Positives mitnehmen, wie gut die Menschen hier sind, was für ein gutes Herz sie haben", meint Khalil.

Das Leid der Löwen hat Millionen im Sudan berührt. Dass sie überlebt haben, macht viele stolz. "Wenn die Menschen zusammenhalten, geschieht Gutes", sagt Hamdi Abdel Kader. Osman überlegt, die Tiere irgendwann einmal zu adoptieren. "Sie sehen jetzt wie Löwen aus", sagt er glücklich. "Es steht auch für Menschlichkeit, dafür dass Menschen und Tiere Rechte haben in diesem Land." Eine Geschichte, die hoffen lässt auf eine bessere Zukunft des Sudan.

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