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SWR-Wirtschaftsredakteur Alexander Winkler (Foto: SWR, Stefanie Schweigert)

Ein Aktiensturz um fast 90 Prozent, ominöse Treuhandkonten und ein Ex-DAX-Chef in Haft. Der Skandal um den Zahlungsdienstleister Wirecard liest sich wie ein Banken-Thriller – findet auch unser Wirtschaftsredakteur Alexander Winkler. Der Fall ist real – hat aber Serienpotential. So könnte eine Rezension aussehen:

Es ist definitiv hochkarätige Konkurrenz, mit der sich Wirecard messen muss. Aber irgendwo zwischen Bad Banks, House of Cards, 24 und Haus des Geldes hat der Finanz-Krimi sicher seinen Platz verdient. Und schon die erste Staffel hat es in sich.

Staffel 1: „Wirecard gegen die Financial Times”

Die Serie beginnt Ende Januar 2019. Wirecard-Chef Markus Braun befindet sich da eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Seit wenigen Monaten ist Wirecard im Deutschen Aktienindex DAX gelistet, hat dort sogar die altehrwürdige Commerzbank verdrängt und ist zeitweise rund 30 Milliarden Euro wert. Doch die Krönung des Erfolgs – die vorläufigen Geschäftszahlen 2018 mit einem Vorsteuergewinn von mehr als einer halben Milliarde Euro – verhagelt ihm die Financial Times: In einem Artikel berichtet die Zeitung von Geldwäschevorwürfen. Die Aktie stürzt erstmals ab.

Ab da gibt es in jeder Folge neue Wendungen: Wirecard bestreitet die Vorwürfe, die Financial Times legt nach, Wirecard erstattet Strafanzeige. Zeitweise verbietet sogar die deutsche Finanzaufsicht sogenannte Leerverkäufe von Wirecard – Wetten darauf, dass der Aktienkurs des Konzerns immer weiter fällt. Besonders eindrücklich ist dabei der Hauptcharakter Braun gezeichnet: Der Zuschauer hat keine Chance zu erahnen, ob Braun das Opfer perfider Kursmanipulationen ist, oder das Mastermind hinter einer der größten Börsenillusionen der DAX-Geschichte.

Markus Braun, Ex-Vorstandsvorsitzender von Wirecard, spricht auf der Wirecard-Hauptversammlung 2019.  (Foto: SWR3, dpa Bildfunk, picture alliance/Peter Kneffel/dpa)
Ein Bild aus besseren Tagen: Noch auf der Hauptversammlung 2019 schien Markus Braun unantastbar. picture alliance/Peter Kneffel/dpa

Dazu trägt die Serien auch mit jeder Menge Rückblenden bei, wie Braun den Zahlungsdienstleister aus einem Münchner Vorort zu einem Weltkonzern gemacht hat. Denn Wirecard entdeckt das Internet lange vor den großen Banken – und wird schnell einer der wichtigsten Player im Netz. Wirecard gewährleistet, dass Online-Händler ihr Geld bekommen und sichert sie gleich noch gegen Zahlungsausfälle ab. So, wie das Online-Shopping boomt, boomt auch Wirecard. Optisch wie dramaturgisch stehen die Bilder der Fintech-Vergangenheit in krassem Gegensatz zum Konzern-Desaster der Gegenwart. Es scheint, als ginge es heute nur noch um Macht und Geld.

Gegen Ende der ersten Staffel scheint der Ruf von Wirecard fast gerettet. Tatsächlich wird ein dubioses Netzwerk von internationalen Analysten ausgehoben, das Unregelmäßigkeiten in Unternehmensbilanzen selbst veröffentlicht und dann durch Wetten auf fallende Kurse Geld verdient.

Doch die Staffel endet mit einem klassischen Cliffhanger: Anfang 2020 will Wirecard-Chef Braun wieder eine Erfolgs-Bilanz vorlegen. Doch ein Sonderbericht von Wirtschaftsprüfern zu den Machenschaften bei Wirecard droht brisante Indizien ans Licht zu bringen. Die Bilanz wird verschoben. Und die Vorwürfe der Bilanzfälschung wirken auf einmal gar nicht mehr so erfunden…

Dunkle Wolken hinter dem Commerzbank-Tower in Frankfurt. (Foto: SWR3, dpa Bildfunk, picture alliance/Arne Dedert/dpa)
Einst ersetzte Wirecard die Commerzbank im DAX. Doch im Verlauf der Serie steht es immer düsterer um Wirecard selbst. picture alliance/Arne Dedert/dpa

Staffel 2: „Wirecard gegen den eigenen Vorstand”

Es beginnt ein nervenaufreibendes Zerren um die Wahrheit. Geht bei Wirecard alles mit rechten Dingen zu – so wie der Konzern das gerne glauben machen möchte? Oder gibt es sie doch, die gefälschten Bilanzen und schwarzen Konten, irgendwo in Asien? Selten hat ein Finanzthriller die dröge Arbeit von Wirtschaftsprüfern so aufregend inszeniert, wie Wirecard.

Das Geflecht der Verstrickungen scheint so engmaschig, dass die Vorwürfe sich offenbar weder bestätigen noch entkräften lassen. Gleich mehrfach wird die Bilanzvorlage vertagt, jedes Mal stürzt der Aktienkurs weiter ab. Im Juni 2020 geht es dann Schlag auf Schlag bei Wirecard. Zunächst durchsucht die Münchner Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume am Stammsitz in Aschheim, ermittelt wird gegen die Vorstandsmitglieder. Es steht der Verdacht der Marktmanipulation im Raum.

Als kurz darauf erneut die Bilanzvorlage und damit die Hauptversammlung platzt, stellt sich heraus, dass 1,9 Milliarden Euro auf einem Treuhandkonto auf den Philippinen möglicherweise nie existiert haben. An der Börse implodiert Wirecard förmlich. Die Aktie verliert zeitweise fast 90 Prozent.

Für Wirecard-Boss Braun ist das das vorläufige Ende an der Unternehmensspitze. Wenige Tage später muss er sogar in Untersuchungshaft, kommt nur auf Kaution frei. Sein Absturz ist gleichzeitig Höhepunkt der zweiten und Anknüpfungspunkt für die dritte Wirecard-Staffel. Oder zieht Braun auch in Zukunft die Fäden aus dem Hintergrund?

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun mit gefalteten Händen neben einem Unternehmensschriftzug. (Foto: SWR3, dpa Bildfunk, picture alliance/Peter Kneffel/dpa)
Jetzt hilft nur noch beten: Ex-Wirecard-Chef Markus Braun. picture alliance/Peter Kneffel/dpa

Staffel 3: „Wirecard gegen die Vergangenheit”

Noch ist die nächste Staffel nicht veröffentlicht. Trotzdem sind die Erwartungen groß. Denn bestanden die ersten beiden Staffeln aus vielen Kleinkriegen zwischen Wirecard und ganz unterschiedlichen kleineren Akteuren, so scheint Staffel drei den vorläufigen Endgegner zu präsentieren. Denn ausgerechnet der Chef der grauen „Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht“ (BaFin), Felix Hufeld, wird plötzlich zum sympathischen Gegenspieler von Markus Braun. Nicht ohne Kritik an der eigenen Behörde bringt er Sätze wie „Das ist ein komplettes Desaster!“ über die Lippen, die kaum ein Serienautor besser hätte zuspitzen können.

Zumindest im Staffel-Trailer bringt Hufeld die Ausgangslage damit auf den Punkt:

Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe.

Bafin-Chef Felix Hufeld

Offen bleibt, ob die neuen Folgen den Erwartungen standhalten können. Tauchen die 1,9 Milliarden Euro doch noch auf? Was wusste Markus Braun? Und bleibt Wirecard im DAX? In den Online-Foren der Fans brodelt auf jeden Fall die Gerüchteküche. Was ein Glück, dass derzeit fast täglich eine neue Folge veröffentlicht wird.

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SWR-Wirtschaftsredakteur Alexander Winkler (Foto: SWR, Stefanie Schweigert)

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