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Es ist ein weiterer Corona-Freizeit-Trend: Mit dem Smartphone an der Börse handeln – bequem von der Couch aus. Für wen Neo-Broker etwas sind – und wo Fallstricke lauern.  

Es klingt ein bisschen nach der Geschichte der bekannten Kinderbuchfigur Swimmy, was in den vergangenen Wochen an den Börsenmärkten vor sich ging. In dem Buch geht es darum, dass kleine Fische Angst haben, von großen gefressen zu werden und formieren sich deshalb selbst zusammen zu einem großen Fisch. Seit den letzten Wochen schließen sich viele, oft junge Kleinanleger zusammen, und schlagen so die großen Finanzhaie der Hedgefonds in die Flucht. Ihre Waffe in diesem ungleichen Kampf sind Neobroker, Smartphone-Apps, mit verheißungsvollen Namen wie Robinhood oder Trade Republic, mit denen man überall, wo es Internet gibt, mit wenigen Schritten Geld an der Börse bewegen kann.

Together We Are Unstoppable! Kindergarten class project based on the story Swimmy by Leo Leonni. ❤️💪🏻 Very fitting for this time! Come out of the shadows and face your fears together...swim together as one big fish to scare the badness away! #isbasellearns #swimmy #together https://t.co/XRAJYIWzAg

Kater nach der Börsenparty: Wie sicher sind Neobroker?

Sozialromantik hin oder her: Wer mit Neobrokern sein Geld vermehren will, sollte von solchen Aktionen tunlichst die Finger lassen! Das haben viele Teilnehmer des Börsenflashmobs der vergangen Wochen schmerzlich zu spüren bekommen. Die Aktien von Gamestop, jenes angestaubten US-amerikanischen Computerspielhändlers, die das erste große Ziel der koordinierten Offensive der Nachwuchsbörsianer war, steht mittlerweile bei knapp 47,50 Dollar (10.02.) Der Gipfel, gut 350 Dollar, bei denen die Aktie Ende Januar notierte, ist mittlerweile vollkommen außer Sicht geraten. Ähnlich sieht es aus beim Kinobetreiber AMC, einem weiteren Ziel der Börsenrally. Auch wenn die Aktion vielen eine Menge Geld gebracht hat – wer zu spät zur Party gekommen ist oder sich zu spät auf den Heimweg gemacht hat, dürfte eine Menge Kapital verloren haben.

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Bei der Aktion unter die Räder geraten sind damit nicht nur Hedgefonds, die mit Leerverkäufen auf fallende Kurse der Aktien gesetzt hatten. Auch viele kleine Fische haben vor Swimmy Reißaus genommen. Klammer auf: Gut möglich, dass viele Teilnehmer das bewusst in Kauf genommen haben, weil es ihnen bei der Aktion mehr um das politische Statement als um die Geldanlage ging; um ein Zeichen gegen eine Finanzwirtschaft, in der auf den Zusammenbruch eines Unternehmens gesetzt wird und das große Geld fließt, wenn kleinere Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage geraten. Was bei der konzertierten Börsenrally aber auf jeden Fall herausgesprungen ist: Bei vielen Leuten wurde neues Interesse geweckt am Thema Geldanlage an der Börse im Allgemeinen und ganz besonders an den Chancen und Risiken der Neobroker.

Neobroker: Was sie kosten, was sie können

Die Neobroker sind keine Anlagerevolution. Der Kern ihrer Dienstleistung unterscheidet sich nicht wesentlich vom Aktiendepot, das auch die Sparkasse um die Ecke anbietet. Egal ob man über eine Filialbank, eine Direktbank – also ein Geldinstitut, dass nur im Netz seine Finanzdienstleistungen anbietet – oder einen Neo- oder Smartphone-Broker an der Börse investiert: Am Anfang steht immer das Depot. Das ist eine Art virtuelles Schließfach, das die Finanzdienstleister für ihre Kunden öffnen, und in das sie alle Wertpapiere hineinlegen, die der Kunde oder die Kundin kaufen möchte.

Unterschiede gibt es beim Handling: Während es bei vielen Filialbanken noch möglich ist, sich mit einem persönlichen Berater zu besprechen, der dann Käufe und Verkäufe von Wertpapieren für den Kunden vornimmt, verwalten Anleger bei Direktbanken ihre Depots in aller Regel selbst mithilfe von Onlineanwendungen. Vereinfacht könnte man sagen: Wer ein „analoges“ Depot hat, führt Transaktionen mit Überweisungsträgern aus, wer ein Onlinedepot hat, macht Onlinebanking. Neobroker gehen noch einen Schritt weiter: Sie sind so konzipiert, dass ihre Kundinnen und Kunden die Depots über eine Smartphone-App verwalten können. Um zu schauen, wie sich das Wertpapiervermögen entwickelt, muss man also nicht einmal mehr den Rechner einschalten, sondern kann einfach kurz auf dem Handy rumklicken.

Innovation Niedrigpreis: Neobroker sind günstig

So trennscharf wie in diesem Schema sind die drei Geschäftsmodelle allerdings in der Praxis gar nicht. Bei den meisten Filialbanken können Wertpapiere mittlerweile auch online verwaltet werden, viele Direktbanken haben Apps gestrickt, mit denen man auch mit dem Handy in der S-Bahn Aktien kaufen kann. Mit Ausnahme von Trade Republic können die Depots aller gängigen Smartphone-Broker auf dem deutschen Markt auch mit Röhrenmonitor und PC-Tower verwaltet werden.

So innovativ, wie manchmal getan wird, sind Neobroker überhaupt nicht. Was innovativ an ihnen ist, das ist der Preis.

Tatsächlich lassen sich „herkömmliche“ Verwalter von Anlagendepots ihre Dienstleistung einiges kosten. Bei Filialbanken und auch vielen Direktbanken müssen Kunden Depotgebühren zahlen. Dazu kommen Ordergebühren, also ein bestimmter Betrag, den die Banken bei Kauf oder Verkauf jeder Anlage als Provision einstreichen. Oben drauf kommen manchmal noch Verwahrentgelte, die die Depotanbieter jedes Jahr dafür einstreichen, dass ein Wertpapier bei ihnen im virtuellen Schließfach liegen darf. Bei größeren Depots können so Kosten in Höhe von mehreren hundert Euro im Jahr zusammenkommen.

Bei den Neobrokern fallen solche Gebühren fast komplett weg. Bei den Anbietern Gratisbroker und Justtrade beispielsweise fallen überhaupt keine Ordergebühren an, Trade Republic und Scalable Capital erheben für jede Transaktion einen symbolischen Betrag von einem Euro. Depotkosten lassen sich bei allen Anbietern vermeiden. Einzige Voraussetzung für den Einstieg: 500 Euro müssen mindestens angelegt werden.

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Wie sicher sind Neobroker?

Von den Kunden bekommen die Neobroker also kaum Geld. Für Eröffnung und Verwaltung der Depots fallen bei ihnen allerdings Kosten an. Ob die Anbieter mit diesem Geschäftsmodell langfristig durchkommen, wird von einigen Experten in Frage gestellt. Die Stiftung Warentest sieht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass einige Anbieter bald wieder verschwinden könnten.

Bedeutet das also, dass Kunden besorgt sein müssen, ihre Anlagen könnten eines Tages zur Konkursmasse der hinter dem Broker stehenden Bank werden? Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg gibt Entwarnung:

Bei Neobrokern sind die Anlagen genau so abgesichert wie bei anderen Banken auch. Wenn ein Broker Pleite geht, gelten die Wertpapiere der Kunden als Sondervermögen, die nicht Teil der Insolvenzmasse werden.

In einem solchen Fall müssten die Betroffenen ihre Aktien und Fonds also in Depots anderer Banken übertragen. Verloren wären sie nicht.

Neobroker: Keine versteckte Kosten in Sicht

Von dieser Seite droht also keine Gefahr. Dennoch bleiben bei vielen Zweifel angesichts des Geschäftsmodells der Neobroker. Immer wieder werden Vermutungen laut, die Anbieter könnten ihren Kunden hintenrum das Geld aus der Tasche ziehen. Die Broker, so der Vorwurf, würden bei Kauf und Verkauf der Papiere eine größere Handelsspanne zugrundelegen als der Markt. Soll heißen: Die Broker stellen den Kunden beim Kauf von Aktien und Fonds einen höheren Preis in Rechnung stellen, als der Markt aktuell hergibt, beim Verkauf einen niedrigeren Erlös. Die Differenz würden die Broker unlauter einstreichen.

Die Stiftung Warentest ist diesen Gerüchten auf den Grund gegangen – und konnte sie nicht erhärten: Bei bekannten Aktien und Indexfonds konnte sie zumindest während der Haupthandelszeit keine nennenswerten Preisunterschiede feststellen.

Unterschied zum herkömmlichen Depot: Eingeschränktes Sortiment

Die Frage nach dem Geschäftsmodell der Broker führt zu einem ganz wesentlichen Unterschied zwischen herkömmlichen Depots und jenen der Neobroker: Das Angebot an Aktien und Fonds, aus denen die Kunden wählen können, ist bei Letzteren deutlich reduziert. Auch wenn die gängigen, für Privatanleger interessanten Papiere in diesem Sortiment für gewöhnlich enthalten sind: Wer absolut exotische Aktien möchte, könnte bei den Neobrokern vergeblich suchen. Damit einher geht eine weitere Besonderheit: Bei Neonrokern ist der Handel auf einen oder – im Fall von Just Trade zwei – Börsenplätze beschränkt. Gehandelt wird bei den Neobrokern über Computersysteme regionaler Börsenbetreiber, wie Gettex der Börse in München, LS Exchange in Hamburg oder Quotrix in Düsseldorf. Das Computersystem der Frankfurter Börse Xetra, über das Banken üblicherweise in Deutschland Käufe und Verkäufe von Wertpapieren abwickeln, zählt nicht dazu.

Geschäftsmodell mit Interessenskonflikten?

Für die Kunden ist das im Normalfall vollkommen irrelevant. Schließlich schreibt eine EU-Börsenrichtlinie vor, dass Kunden auf alternativen Börsenplätzen zumindest zu den Haupthandelszeiten nicht schlechter gestellt werden dürfen als an der „großen“ Börse. Für die Broker ist dieses Ausweichen auf weniger stark befahrene Nebenstraßen jedoch elementarer Teil ihres Business-Modells: Für die Abwicklung der Deals ihrer Kunden erhalten sie von den Handelsplatzpartnern nämlich eine Provision, die sie zu hundert Prozent einstreichen.

Der Hype um Gamestop und Co. hat die Schwächen dieses Geschäftsmodells für den Kunden jetzt allerdings deutlich zu Tage gebracht. Denn nach dem großen US-Neobroker Robinhood hat auch der deutsche Anbieter Trade Republic Ende Januar auf dem Höhepunkt der Kursrally einen Kaufstopp für besonders überzeichnete Papiere verhängt, allen voran für Aktien von Gamestop, aber auch für Blackberry und Nokia. Viele Kunden fühlten sich daraufhin getäuscht. In den USA wurde gegen Robinhood schnell der Vorwurf laut, die Betreiber der App seien für Big Money in die Bresche gesprungen. Weil der US-Neobroker Geschäftsbeziehungen mit Hedgefonds unterhält, habe man also die Kursralley bei den gehypten Aktien künstlich gestoppt, um die Verluste der Fonds zu begrenzen.

Trade Republic unter Manipulationsverdacht

Auch im Fall des deutschen Anbieters Trade Republic halten es einige Beobachter für möglich, dass das Unternehmen mit dem Kaufstopp Geschäftspartner schonen wollte. So zum Beispiel Fabio de Masi, Finanzexperte der Linkspartei, der gewichtige Anhaltspunkte für eine solche Marktmanipulation auf Kosten der Kunden sieht. Hendrik Buhrs vom Online-Finanzportal Finanztip hält einen solchen Hintergrund dagegen eher für unwahrscheinlich. „Dafür ist die Marktmacht der Neobroker in Deutschland wohl einfach zu klein.“ Er hält eher einen technischen Hintergrund für plausibel. Die Betreiber der App hatten vor einigen Tagen verkündet, LS Exchange, das Computersystem der Hamburger Börse, sei wegen der unerwartet hohen Nachfrage nach den Aktien in die Knie gegangen. Trade Republic habe daher kurzfristig an einen anderen Börsenplatz ausweichen müssen, weshalb die Papiere vorüberhegend nicht gehandelt werden konnten. Gegenüber dem Branchenmagazin Der Aktionär haben die Hamburger allerdings bestritten, dass der Handel bei ihnen ausgefallen sei.

Was Kunden aus dem Debakel lernen

Der Fall wirft weiter jede Menge Fragen auf und beschäftigt mittlerweile auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin. Wer darüber nachdenkt, mit Neobroker zu investieren, für den ist das Szenario unabhängig von den konkreten Hintergründen doppelt lehrreich. Erstens hat der Fall gezeigt, dass in extremen Marktsituationen die exklusive Abwicklung der Geschäfte an einem Ort ein Nachteil sein kann – vor allem, wenn sie wie bei den Neobrokern an Nebenhandelsplätzen stattfindet. „Über Xetra hätte es bestimmt keine technischen Probleme gegeben, die Aktien zu kaufen“, glaubt Hendrik Buhrs von Finanztip. Heißt also: Über ein „normales“ Onlinedepot hätten die Interessenten bei Gamestop, Nokia und Co. weiter zugreifen können. Außerdem hat der Fall nochmal aufgezeigt, dass die geringen Gebühren, die die Neobroker erheben, zumindest das Potenzial haben, für die Kunden zum Problem zu werden. Anders als die teurere Konkurrenz müssen die Broker zum Überleben auch andere Geldquellen anzapfen – und sind daher unter Umständen nicht nur den Interessen ihrer Kunden verpflichtet.

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Fazit: Guter Einstieg für Nachwuchsbörsianer mit langem Atem

Das heißt aber nicht, dass man um die Neobroker grundsätzlich einen großen Bogen machen müsste. „Wer über einen längeren Zeitraum Geld in ein konventionelles Produkt anlegen möchte, zum Beispiel in einen Index-Fonds, für den können Smartphone-Broker genau richtig sein,“ sagt Buhrs von Finanztip. Besonders für junge Leute, die mit kleinen Summen einsteigen wollen, kann sich das lohnen. Die Stiftung Warentest weist darauf hin, dass Betreiber herrkömmlicher Depots beim Kauf von ETFs üblicherweise mindestens zehn Euro an Gebühren nehmen. Ist die Anlagesumme zu niedrig, kann das die Rendite der Anlage zumindest kurzfristig schmälern. Neobroker können also für viele Nachwuchsbörsianer ein lohnender Einstieg beim Thema Geldanlage an der Börse sein.

Und für eine weitere Zielgruppe können die Neo-Broker das Mittel der Wahl sein. Anleger nämlich, die möglichst viele verschiedene Papiere möglichst häufig kaufen und verkaufen wollen, sparen sich mit den Neobrokern jede Menge Ordergebühren. Ob mit einer solchen Strategie für Laien nachhaltig Geld zu verdienen ist, kann allerdings bezweifelt werden.

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