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Lea Kerpacs
Lea Kerpacs (Foto: SWR3)

Kann man sich an einen Ausnahmezustand wie Krieg gewöhnen? Kann er Alltag werden? Michael, Tania und Valeria haben wir schon zu Beginn des Ukraine-Kriegs begleitet und fragen jetzt wieder: Wie geht ihr mit dieser Situation um?

Mit dem Krieg leben: (Wie) ist das möglich?

Alles scheint anders. Häuser stehen nicht mehr, Verwandte, Freunde oder Bekannte sind im Krieg, andere vielleicht gestorben. Eine Ausnahmesituation, die aber schon seit sechs Monaten anhält. Und irgendwie bleibt die Zeit währenddessen nicht stehen, Alltägliches findet trotzdem statt. Kann der Krieg ein Teil des Alltags werden?

Mit Tiktokerin Valeria, SWR3-Hörer Michael, der Geflüchteten Tania und Fernfahrer Alexander haben wir schon zu Beginn des Krieges gesprochen und sie teils über Monate begleitet. Sie haben uns Einblicke in ihr Leben gegeben. Jetzt, sechs Monate später, erzählen sie uns, wie sie sich zurechtfinden. Zwischen einem noch immer andauernden Ukraine-Krieg, dem Alltag, schweren und leichten Momenten.

Valeria: Tiktok-Videos aus dem Bunker – bis zur Flucht

Valeria ging anders mit dem Krieg um als viele in ihrem Umfeld: Sie postete ironische Videos auf Tiktok, und das direkt aus einem Bunker in Tschernihiw. Sie nutzte Humor als Mittel, um zu zeigen, was in der Ukraine zu diesem Zeitpunkt passiert. Immer mit der Botschaft, dass das alles aufhören müsse. Dann kam die Flucht. 25 Stunden sei sie mit dem Bus ab Warschau weiter nach Mailand gefahren. Ihre Ausweisdokumente musste sie in der Ukraine lassen. Sechs Monate später ist sie noch immer nicht in ihre Heimat zurückgekehrt:

Ihren ganzen Weg, die Interviews und Bilder mit Valeria haben wir hier zusammengestellt:

Tschernihiw, Ukraine

„Sorry, but what the fuck...“ Sie postete Videos vom Krieg auf Tiktok – jetzt ist sie geflohen

Valeria zeigte in außergewöhnlichen ironischen Tiktok-Videos der Welt, wie ihr Alltag im Ukraine-Krieg zugrunde geht. Nun ist sie geflohen.  mehr...

Michael: 2.000 Kilometer Fahrt, um seine Freundin aus der Ukraine zu retten

Er kommt aus SWR3Land, sie aus der Ukraine. Während des Kriegsausbruchs ist Oksana mit ihrer Tochter Nika bei ihren Eltern in Odessa. Für Michael ist klar: Er will sie so schnell wie möglich da raus holen. Mehrere Tage fährt er mit dem Auto, bis er die ukrainische Grenze erreicht; Oksanas Vater half, sie über die Grenze nach Moldawien zu bringen. Seit der gemeinsamen Ankunft zurück in Villingen-Schwenningen hat sich viel verändert, erzählt uns Michael:

Nika hat ab 01.10. einen Kita-Platz! [...] Dann hat auch Oksana ein bisschen mehr Zeit für sich und kann sich auch nach einem Job umsehen. Sie will unbedingt etwas tun!

Auf seinem Weg an die ukrainische Grenze hat er uns immer wieder Sprachnachrichten geschickt, die wir im Radio gesendet haben. So fuhren viele SWR3-Hörerinnen und -Hörer mit ihm mit und haben ihn auf der langen Fahrt begleitet. Die ganze Geschichte könnt ihr hier nochmal nachlesen und -hören:

Ukraine-Krieg Wieder vereint! Michael ist 2.000 Kilometer gefahren, um seine Freundin zu holen

Für Michael aus Villingen-Schwenningen war die Nachricht ein Schock: Russland greift die Ukraine an. Kurzerhand fährt er los, um seine Freundin und ihre Tochter zu holen. SWR3 begleitet ihn auf seiner Reise.  mehr...

Tania: Ein neues Leben in Deutschland, während der Ehemann im Ukraine-Krieg kämpft

Auch Tania stand vor einer schweren Entscheidung, als ihre Heimat zunehmend unsicherer wurde. Sie ist Mutter von zwei Kindern und hat einen Ehemann. Schlussendlich hat die Familie entschieden, sich auf unbestimmte Zeit zu trennen: Während Vater und Ehemann Dima in der Ukraine bleiben muss, um zu kämpfen, flüchten Tania und die Kinder nach Deutschland. Ob und wann sie sich wiedersehen werden, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Die Vorstellung, wie es sein wird, in der Heimat alle wiederzusehen, begleitet die Familie seitdem:

Ich werde sicher vor Freude sehr viel weinen. Meine Tochter Sonia und ich stellen uns immer vor, wie wir unseren Hund umarmen. Und selbst die Nachbarn, zu denen wir kaum Kontakt hatten – wir haben das Bedürfnis, selbst die zu umarmen.

Inzwischen ist Deutschland zwar nicht die neue Heimat von Tania und ihren beiden Kindern geworden, trotzdem haben sie sich aber eingelebt, so gut es eben ging. Der Alltag ist eine Mischung aus neuen Bekanntschaften, einer neuen Sprache, aber auch aus gewöhnlichen Dingen wie Schulunterricht. Und dann kommen noch die schweren Momente dazu. Das Heimweh, die Sehnsucht nach Dima, das Trauma, weil Menschen auf der Flucht erschossen wurden.

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Nachrichten Folge 4: Von Heimweh und Ankommen

Dauer

Im Moment ist Tania mit ihren Kindern zurück in der Ukraine. Die Lage in der Region, in der ihr Ehemann kämpft, sei gerade etwas entspannter. Trotzdem ist der Alltag ganz anders als vorher: „Ich versuche, mich an die neue Realität zu gewöhnen, wie die anderen Menschen, die in der Ukraine geblieben sind. Alle Kinder wissen Bescheid, dass sie nichts vom Boden aufheben können, also nichts anfassen sollen.“ Wie lange sie bleiben kann und wann es doch wieder zu unsicher wird, weiß sie nicht.

Es kann jederzeit wieder viele Raketenangriffe geben und dann werden wir wohl wieder nach Deutschland fahren. [...] Aber ansonsten würden wir doch sehr gerne in Kiew bleiben.

Vor fünf Monaten hat Hilli Tania und ihre Kinder bei sich aufgenommen. Seitdem begleiten wir sie und dürfen an ihrem Weg durch diese ungewisse Zeit teilhaben. Hier gibt es regelmäßig neue Folgen zu ihrem Leben in Deutschland:

Stuttgart

SWR3-Reportage Zurück ins Kriegsgebiet: Wieso Tania bei ihrem Mann in Kiew bleibt

Sie hat's tatsächlich getan! Die Ukrainerin Tania, die wir begleiten, seit sie vor sechs Monaten nach Stuttgart geflüchtet ist, ist nach Kiew zurückgekehrt. Wieso sie jetzt bleibt, erzählt sie in SWR3.  mehr...

Alexander: Zurück in die Heimat, um zu kämpfen

Während viele Menschen aus der Ukraine geflüchtet sind, hat sich Alexander entschieden, das Gegenteil zu tun. Er hat bei einer Spedition in Bühl (Baden-Württemberg) gearbeitet und ist in sein Heimatland zurückgereist, um sich dem Militär anzuschließen.

Ein halbes Jahr nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs ist Alexander noch immer dort. Er arbeitet inzwischen bei einer ukrainischen Spedition:

In Deutschland habe er die Möglichkeit gehabt, Unterstützung zu bekommen, beispielsweise von seinem Chef, erzählt er uns. Über den Zwiespalt, in Sicherheit zu sein, aber auch sein eigenes Land verteidigen zu wollen, haben wir mit ihm gesprochen. Hier gibt es die ganze Geschichte:

Zurück in die Ukraine, um zu kämpfen Alexander verlässt Deutschland für die Ukraine

Alexander arbeitet in Deutschland. Er hat sich dazu entschieden zurück in seine Heimat, die Ukraine, zu reisen. Wieso hat er das „sichere“ Deutschland verlassen, um in einem Kriegsgebiet zu leben?  mehr...

Ukraine-Krieg: Die Chronik eines halben Jahres, das so viel verändert hat

  • Am 23. Februar 2022 startet der russische Präsident Wladimir Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Er selbst nennt es eine „militärische Spezialoperation“, eine offizielle Kriegserklärung gibt es nicht. Am darauffolgenden Tag ruft der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensyj den Kriegszustand aus.
  • Im März nehmen die Angriffe Russlands auf die Ukraine zu. Der Monat ist geprägt von Verhandlungen und der Androhung von Sanktionen seitens des Westens. Putin reagiert seinerseits mit Sanktionen und verspricht Anhängern den militärischen Sieg bei der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine.
  • Der April wird vom Massaker von Butscha überschattet, das russische Soldaten in dem Vorort von Kiew verübt haben sollen. Zum jetzigen Zeitpunkt (August 2022) wurden dort 458 Leichen gefunden. 419 Leichen trugen Zeichen, dass die Menschen wahrscheinlich erschossen oder zu Tode gefoltert wurden. Die meisten der Opfer waren Zivilisten. Derzeit laufen dazu noch Ermittlungen, wegen möglicher Kriegsverbrechen.
  • Im Mai kommen die Gespräche zwischen Moskau und Kiew zum Erliegen. Die Europäische Union und die G7 sichern der Ukraine Waffenlieferungen zu, während in Deutschland gleichzeitig die Sorge um einen Gaslieferstopp aus Russland größer wird.
  • Erneut sterben im Juni viele ukrainische Zivilisten. So beispielsweise beim Angriff auf ein Einkaufszentrum in Krementschuk. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck ruft in Deutschland die Gas-Notstufe aus und erste Panzerhaubitzen aus Deutschland treffen in der Ukraine ein.
  • Russland verschärft die Angriffe auf den Osten der Ukraine im Juli. Auf der ukrainischen Seite zieht Selenskyj wegen des Krieges personelle Konsequenzen: Er entlässt den deutschen Botschafter Andrij Melnyk und den Geheimdienstchef.

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