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Kira Urschinger
Kira Urschinger (Foto: SWR3)

Viele Frauen nehmen die Pille, würden aber eigentlich gerne auf die Hormone verzichten. Eine Lösung bieten Verhütungsapps: Mit ihnen soll man einer Schwangerschaft vorbeugen, komplett ohne Hormone, einfach nur durch das Eingeben von Daten. Absoluter Wahnsinn oder sinnvolle Verhütungsmethode?

Für viele Frauen ist es eine Frage, die im Leben immer wieder kommt: Wie soll ich eigentlich verhüten, was ist wirklich sicher und vielleicht bequem für meinen Partner und mich? Aber auch: Was schadet meinem Körper? Die Pille bleibt dabei immer noch Verhütungsmittel Nummer Eins. Es stecken aber natürlich viele Hormone drin, die immer wieder auch zu Kritik führen. Was also könnte eine Alternative sein? Verhütungspflaster, Monatsspritze, Diaphragma? Da sind ja genauso Hormone drin.

Verhütung mit Pille – junge Frau guckt kritisch (Foto: dpa Bildfunk, dpa)
Die Mehrheit der Frauen in Deutschland nimmt die Pille – aber gibt es denn keine Alternative? dpa

Im Trend: natürliche Verhütung, ohne Hormone

Es scheint eine tolle und vor allem simple Lösung zu geben und die kommt aus der digitalen Welt: Verhütungsapps. Sie berechnen die fruchtbaren Tage und wollen medikamentenfrei bei der Verhütung helfen. Ganz natürliche Verhütung also, keine Pille, keine Spritze, keine Chemie – verlockend. Und ein riesen Bedürfnis offenbar: Wissenschaftler suchen wie wild nach pflanzlichen Verhütungsmitteln. Sämtliche Foren im Internet sind voll von Fragen zur natürlichen Verhütung.

Aktuell nehme ich zwar noch die Pille, aber ich finde einfach den Gedanken, dass fremde Hormone in meinen Körper eingreifen, es keinen natürlichen Zyklus mehr gibt etc., irgendwie unheimlich.
Daher will ich nun das Forum nutzen, mal nach euren Erfahrungen mit natürlichen Verhütungsmitteln fragen.

Klingt einfach: Zykluskalender und Eisprung-Rechner

Für jeden, der keine App auf dem Handy haben möchte, gibt es auch digitale Zykluskalender. Einfach anzuwenden am Desktop. Wir tragen ein, wann wir unsere Tage haben und sehen, wie regelmäßig unser Zyklus ist. Der Kalender zeigt das an und rechnet noch ein bisschen herum, wann wir wieder die Tage kriegen sollten. Es gibt sogar Eisprung-Rechner, die anhand von zwei bis drei Eck-Daten ganz schnell voraussagen wollen, wann wir empfänglich sind und wann nicht. Oft kostenfrei, ohne Arzttermine und Beratungszeiten.

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Experten sind kritisch, Userbewertungen oft gut

Klingt alles so einfach, so praktisch – aber natürlich haben viele auch sofort ein mieses Gefühl dabei. Das Risiko einer Schwangerschaft in die Hände irgendeiner App legen? Die Verantwortung für's Kinderkriegen abschieben auf einen digitalen Zykluskalender? Viele Experten sind kritisch. Man könne auch gleich würfeln, wann man das nächste Mal unverhüteten Sex hat. Die meisten Eltern hätten wohl ebenfalls Schwierigkeiten, das ihrer pubertierenden Tochter zu empfehlen.

Und trotzdem gibt es sie, die vielen guten Bewertungen von Userinnen in App-Stores und in Internetforen. Wie ist das möglich?

Wir haben unsere Wissenschaftsredakteurin Charlotte Grieser losgeschickt, um herauszufinden, was Verhütungsapps wirklich können, ob wir ihnen generell misstrauen sollten und wie renommierte Gynäkologinnen dazu stehen. Hier sind ihre Antworten auf die drei wichtigsten Fragen.

1. Kann ich in Sachen Verhütung der Technik trauen?

Bei den meisten Apps, die den Zyklus tracken und entfernt unter dem Label Verhütung laufen, ist die Antwort ganz klar: nein. Meistens zählen die einfach Tage, im Prinzip sind das damit nichts weiter als Kalender-Apps. Du trägst ein, wann du das letzte Mal deine Periode hattest, wie lang die gedauert hat. Auch, wenn du mehr Infos eingeben kannst, (etwa deine Stimmung oder die Konsistenz deines Zervixschleims oder sogar Körpertemperatur) solltest du skeptisch bleiben. Denn die meisten Apps nehmen diese Infos zwar in deine Übersicht auf, berechnen aber nicht auf dieser Grundlage. Auch wenn sie dir dann also anzeigen, wann deine fruchtbaren Tage sein sollen – das ist nur Tagezählen, zur Verhütung einer Schwangerschaft absolut ungeeignet! Deshalb: Finger weg!

2. Gibt es überhaupt Apps, die funktionieren?

Ja, es gibt zwei Apps, von denen mir sogar eine Vertreterin des Bundesverbandes der Frauenärzte gesagt hat, dass die ok sind: Das sind myNFP und LadyCycle, die benutzen eine zuverlässige Methode. Das ist die sogenannte NFP, heißt etwas unsexy: natürliche Familienplanung. Das ist eine Methode, die es schon seit den 70ern gibt und die auch gut wissenschaftlich untersucht ist. Unsere Mütter haben die vielleicht auch schon benutzt, dann halt mit einer Papiertabelle. Im Klartext: Diese Apps arbeiten nach einem uralten Prinzip, sie nehmen uns eigentlich nur das Schreiben ab. Und: Sie funktionieren natürlich auch wirklich nur, wenn man die richtigen Daten eingibt.

Bei dieser Methode brauche ich dann: Die Basaltemperatur (also, Fiebermessen morgens nach dem Aufwachen), die Zervixschleimkonsistenz (ist klar, oder...?) und gegebenenfalls die Öffnung des Muttermundes (kann man im Sitzen abtasten, aber Vorsicht: Hier besonders auf Hygiene achten, am besten mit einem Handschuh machen – um Verletzungen und Infektionen zu vermeiden). Das alles ordentlich zu messen und zu prüfen, das muss man aber wirklich, wirklich üben!

Hier kommt auch einer der größten Kritikpunkte: Die Apps beraten dich nicht, sie schulen dich nicht, sie warnen nicht vor Fehlern. Wer gewissenhaft ist, muss sich selbst um Beratung kümmern. Die gute Nachricht: Das gibt es überall in Deutschland, man kann sogar richtige Schulungen machen. ProFamilia hat extra eine Übersicht mit Infomaterial dazu im Netz.

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3. Wo sind die Grenzen der Verhütungsapps?

Also, weil es so wichtig ist, noch einmal: Oberstes Gebot – natürliche Verhütung funktioniert immer nur, wenn ich eine Methode nutze, die mehr tut als nur Tagezählen. Sonst bin ich ganz schnell an einer Grenze. Und jede Methode funktioniert nur dann, wenn ich sie richtig und gewissenhaft anwende. Dann (und nur dann!) ist sie tatsächlich den Studien zufolge so sicher wie die Pille, also statistisch weniger als eine Schwangerschaft pro 100 Frauen, die damit verhüten.

Aber Achtung: All diese Apps sind bisher nicht als Verhütungsmittel durch Studien zertifiziert – nur die Methode NFP an sich. Das gehört einfach gesagt. Und auch wenn es Apps gibt, die vom TÜV zertifiziert sind: Das sagt nur aus, dass deren Algorithmus funktioniert. Das nützt mir aber nichts, wenn der nicht die wichtigen Daten einbezieht. Deshalb: auf die Einstellungen der App achten. Also, wird da wirklich das Richtige gerade als Grundlage des Algorithmus benutzt?

Und natürlich gibt's bei Apps immer noch eine Grenze: die des Datenschutzes. Deshalb die AGB aufmerksam lesen. Sind meine Daten in Deutschland gehostet oder landen die auf Servern irgendwo im Ausland? Unternehmen sind ab dem 25. Mai gezwungen, uns da ganz genau Auskunft zu geben. Bei myNFP ist das so, dass die Daten in Deutschland gelagert werden, das ist ja schon mal was – denn so sensible Daten möchte ich ja vielleicht auch lieber sicher wissen.

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Kostenübernahme für Verhütungsmittel

Für welches Mittel auch immer man sich entscheidet: Verhütung sollte kein Luxusgut sein, das darf es nicht sein. Immer wieder zeigen aber Studien, dass für Leute mit geringem Gehalt die Verhütung öfter aus Kostengründen vernachlässigt wird, insbesondere die Pille zu teuer ist. Deshalb hat ProFamilia gemeinsam mit dem zuständigen Bundesministerium in einigen Städten das Modell-Projekt biko initiiert. Sie sollen Menschen mit geringem Einkommen ermöglichen, sich einen Zuschuss zu holen oder die Kosten ganz abzugeben.

Dieses Problem ist aber auch längst in der großen Politik angekommen. Auf eine Initiative der Länder Niedersachsen, Thüringen, Berlin, Bremen und Brandenburg hat der Bundesrat Ende 2017 eine Forderung an die Regierung abgegeben: Die Regierung solle Verhütungsmittel für Frauen mit geringem Einkommen in ganz Deutschland kostenlos ausgeben. Das Problem: Für die Bundesregierung ist dieser Beschluss, diese Forderung des Bundesrates, nicht bindend. Ob sie also beschließen wird, auf die Aufforderung der Länder einzugehen und sie umzusetzen, ist im Moment noch nicht absehbar.

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