Autor
Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
Stand:

Stell dir vor, Deutschland hätte nicht 800.000 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen, sondern mehr als 30 Millionen. Unmöglich? So in etwa sind aber die Verhältnisse im Libanon, dem Nachbarland von Syrien. Auf 4 Millionen Einwohner kommen etwa 1,7 Millionen Syrer. Eine zusätzliche Belastungsprobe für das kleine Land, das seinen eigenen Bürgerkrieg selber noch kaum bewältigt hat.

Nun ist der sogenannte Zivile Friedensdienst im Land. Das ist ein deutsches Programm, das es seit 20 Jahren gibt. Die Friedenshelfer gehen in Länder, die mit Kriegen und Konflikten zu kämpfen hatten, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort Lösungen für die Folgeprobleme zu suchen – sie unterstützen also einheimische Organisationen bei ihrer Arbeit.

SWR-Reporter Kai Laufen hat die Arbeit der Zivilen Friedensdienste in Tripoli im Libanon besucht und begleitet. Die Herausforderungen sind enorm: Da sind die Folgen des bewaffneten Konflikts, des Bürgerkriegs – von Einschusslöchern über Traumabewältigung. Aber auch die aktuellen Entwicklungen spielen mit rein: Vor allem das Zusammenleben mit so vielen Flüchtlingen belastet zusätzlich. Für die freiwilligen Helfer geht es deshalb vor allem auch darum, zwischen Menschen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu vermitteln. Sie wollen im Alltag für ein besseres Miteinander zu sorgen – mit kleineren und größeren Aktionen.

Ein Fußballplatz gegen Nachbarschaftskonflikte in Tripoli

Dabei geht es um scheinbar kleine Dinge, um das Verhältnis zwischen Nachbarn. Denn im Libanon wohnen heute Leute zusammen, die früher aufeinander geschossen haben. Fenster an Fenster haben sich hier Menschen bekämpft – die Einschusslöcher sind noch da.

Tripoli ist eine Stadt, die ist in Nachbarschaften aufgeteilt, wo die Leute nach ihren religiösen Zugehörigkeiten getrennt leben. Da gab es einen Konflikt vor ein paar Jahren noch, wo zwei Gruppen aufeinander geschossen haben. Das führt natürlich immer dazu, dass man den Anderen zum Feindbild erklärt. Wie kommt man jetzt dazu, den Anderen wieder als Menschen zu sehen? Eine einheimische Organisation hatte die – wie ich finde – sehr geniale Idee, genau auf die Grenzlinie einen Fußballplatz zu bauen. Jetzt spielen die da Fußball. Jetzt fliegen also die Bälle und nicht mehr die Kugeln.

Fußballplatz auf der Grenze zwischen zwei Häusern in Tripoli; Foto: Hanna Voß

Fußballplatz auf der Grenze zwischen zwei Häusern in Tripoli.

Hanna Voß

Ein kleines Projekt, das beeindruckt. In seiner Einfachheit und Wirkkraft. Sport kann verbinden. Fußball bringt die Menschen zusammen. Das spielen sie alle. Egal, welche Religion sie haben.

Ziviler Friedensdienst macht junge Leute zu Bürgerreportern

Auf seiner Reise hat SWR-Reporter Kai Laufen in Tripoli mit Manuel Erbenich gesprochen. Er kommt aus der Pfalz, leistet gerade Friedensarbeit im Libanon. In einem Medienprojekt bringt er jungen Leuten den Umgang mit Kamera und Schnittprogrammen bei, damit sie als Bürgerreporter selbst von der Lage ihres Landes berichten können. Das gibt ihnen eine Stimme – nicht Andere reden lassen, sondern selbst die eigene Geschichte erzählen. Bei dem Projekt geht es aber nicht nur um fachliche Unterstützung und Ausbildung, sondern auch um seelischen Beistand, ums Zuhören und Vermitteln:

Wir arbeiten mit Syrern zusammen, mit Libanesen, mit Palästinensern – ist es uns gelungen in der letzten Zeit, Vorurteile untereinander abzubauen. Die Menschen gehen aufeinander zu, bauen Stereotype ab. Und das ist schön zu sehen, auch in diesem Kontrast zu den Einschusslöchern in den Häusern.

Manuel Erbenich, Ziviler Friedensdienst

Einschusslöcher in einem Haus in Tripoli im Libanon; Foto: Hanna Voß

Einschusslöcher in einem Haus in Tripoli im Libanon.

Hanna Voß

Diese Einschusslöcher sind überall, eine Fahrt durch die Stadt macht deutlich, was hier einmal passiert sein muss. Der Friedenshelfer aus der Pfalz erzählt, dass diese Stadt aber nicht stellvertretend für den ganzen Libanon zu sehen sei. Die verschiedenen Regionen seien sehr unterschiedlich, die Probleme und deren Ausmaß nicht überall so offensichtlich wie hier. Der Libanon ist eben nicht der Libanon – genauso wenig wie jedes Bundesland in Deutschland gleich ist.

Insbesondere in Tripoli konzentriert sich die Arbeit der Helfer auch auf die vielen verborgenen Verletzungen: Was der Krieg mit den Menschen angerichtet hat, ist nicht so schnell zu erfassen wie die Zerstörung an den Fassaden der Häuser. Deshalb ist es wichtig, dass man mit den Betroffenen die Vergangenheit bespricht – Menschen die Möglichkeit gibt, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen.

Frühere Kämpfer des Bürgerkriegs setzen sich gegen Gewalt ein

Die Fighters For Peace sind eine Gruppe von Männern, die im Kindesalter im libanesischen Bürgerkrieg gekämpft haben und denen später klar wurde, dass das für sie nicht gut war. Assaad Chaftari ist einer von ihnen, er kämpfte mit 19 Jahren in einer christlichen Miliz – 12 Jahre lang. Erst fühlte sich nichts falsch an, berichtete er in einem Gespräch mit dem SWR. Dann aber realisierte er, was er getan hatte:

Ich sah das Monster in mir, mit Blut an den Händen.

Assaad Chaftari, Fighters-For-Peace-Mitglied

2012 gründete Chaftari gemeinsam mit anderen ehemaligen Kämpfern die Fighters For Peace.

Das ganze SWR-Gespräch mit Assaad Chaftari findest du hier.

Dieser Prozess, sich damit auseinanderzusetzen, in was man als junger Mensch oder als Kind im Krieg ganz selbstverständlich reingedrängt wurde, verläuft bei den Betroffenen unterschiedlich. Beim Besuch des SWR-Reporters Kai Laufen war das – fast 30 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs – noch immer ein gegenwärtiges Thema: „Das ist ja unglaublich schwierig, sich daraus zu lösen.“ Die Mitglieder der Friedensgruppe stützen sich gegenseitig und wollen auch Signale senden: „Die haben im Lauf des Lebens aber entschieden, sich davon zu distanzieren. Und dann haben sie eben auch den Aufruf an die Gesellschaft gerichtet, Gewalt als allerallerletztes Mittel anzusehen und andere, gewaltfreie Wege zu suchen, mit den Konflikten klarzukommen“, berichtet unser Reporter.

Auf der Website der Fighters For Peace steht groß das Motto der Gruppe, mit dem sie im Libanon aktiv ist:

Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wir können die Zukunft verändern.

Aber warum tut der Staat nichts? Weshalb müssen sich Menschen in Friedensvereinen engagieren, um etwas zu verändern? „Der Libanon besteht aus unglaublich vielen Bevölkerungsgruppen, die irgendwie gucken müssen, wie sie friedlich miteinander klarkommen – und es gibt nur einen sehr schwachen Staat. Der kann das überhaupt nicht organisieren“, erklärt unser Reporter.

„Sie gucken sich als Menschen in die Augen – und darum geht es“

Auch wenn es fast ausschließlich auf Eigeninitiative beruht: Auf seiner Reporterreise hat Kai Laufen gespürt, dass diese Vereine, die sich für ein friedliches Miteinander engagieren, durchaus Erfolge verzeichnen können. „Ich saß da mit einem, der damals in der kommunistischen Partei war und gekämpft hat, der jetzt Scherze macht und befreundet ist mit einem, der einen christlichen Hintergrund hat und der andere hat einen muslimischen Hintergrund in der Gruppe. Und die haben aber diese religiösen oder anderen, politischen Hintergründe hinter sich gelassen und gucken sich als Menschen in die Augen – und darum geht es ja letztlich.“

SWR3-Weltweit-Interview anhören
SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

SWR3-Interview Libanon: Nach dem Krieg ist noch lange kein Frieden

Dauer

Tripoli – nach dem Krieg ist noch längst kein Frieden

Tripoli liegt an der Mittelmeerküste, ist die zweitgrößte Stadt im Libanon und hat den zweitgrößten Hafen des Landes. Rund 500.000 Menschen leben dort, die Mehrheit der Bevölkerung sind sunnitische Muslime. Alawiten sind die größte Minderheit der Region mit rund 50.000 Menschen.

Nach dem Bürgerkrieg 1975 bis 1990 und dem Libanonkrieg 1982 haben die gewaltvollen Auseinandersetzungen nie komplett aufgehört. Auch wenn der Libanon als relativ sicheres Land im Vergleich mit anderen Ländern des Nahen Ostens gilt, kam es immer wieder zu Attentaten und Angriffen.

Aktuelle Sicherheitshinweise und Reisewarnungen für den Libanon stellt das Auswärtige Amt zur Verfügung.