In den letzten hundert Tagen sind in Venezuela 92 Menschen bei Protesten gegen die Regierung gestorben. Gewalt und Kriminalität bestimmen mehr und mehr den Alltag. Wir beantworten die drei wichtigsten Fragen zur Lage in Venezuela.

Maskierte stürmen das Parlament in Venezuela. Hubschrauber wirft Granaten auf den Obersten Gerichtshof. 16-Jähriger wird bei einem Protest gegen die Regierung erschossen.
Das sind nur drei der Meldungen, die ihr in den letzten Wochen auch in den SWR3-Nachrichten gehört habt. Und es scheint kein Ende in Sicht: Am 16. Juli soll es wieder eine große Demonstration von Regierungsgegnern geben.

Viele Menschen fragen sich, was in diesem Land in Südamerika eigentlich los ist. Denn Venezuela war mal ein richtig schönes Urlaubsland, ein Land auch für deutsche Auswanderer und vor allem ein richtig reiches Land.

Warum geht es dem Land so schlecht?

Im letzten Jahr hat Venezuela rund 85% weniger Geld durch den Verkauf von Erdöl verdient als vor drei Jahren, in 2014. Dramatisch für ein Land, das fast nichts anderes exportiert als Öl.

Das Stichwort lautet: Dominoeffekt. Wie so oft gibt es nicht einen Grund, sondern viele Faktoren, die in die jetzige Situation geführt haben. Aber ein Fehler lässt sich ausmachen, der sicherlich sehr zentral ist für die Gewalt, die zunimmt, und für die Armut, die um sich greift. Und zwar: dass sich das Land zu lange ausschließlich auf das Erdöl verlassen hat. Immerhin gehört Venezuela zu den Ländern mit den größten Erdölvorkommen der Welt – ein wertvoller Stoff, der sich lange Zeit für viel Geld verkaufen ließ. Daneben wurde nie in andere Branchen investiert: Lebensmittel müssen aus dem Ausland angekauft werden, Medikamente ebenfalls und eine gut geförderte Tourismusbranche gibt es auch nicht. Nicht nötig, dachte die sozialistische Regierung. Wir haben ja das Öl. Alles andere können wir von dem Geld, das wir damit verdienen, einkaufen.

Nun ist der Erdöl-Boom aber vorbei, die Preise sind gesunken, die Einnahmen Venezuelas eingebrochen. Es fehlt also Geld, um Waren aus anderen Ländern zu kaufen. Dazu gehören grundlegende Dinge wie eben Lebensmittel oder Medikamente.

Wir haben mit einem Mann gesprochen, der in Caracas lebt, in der Hauptstadt Venezuelas. Er sagt: „Es gibt Tage, an denen gibt es kein Wasser im Supermarkt. An anderen Tagen gibt es kein Bier. Und dann gibt es Tage, da gehe ich einkaufen und alle haben den Wagen voller Mayonnaise. Einfach nur, weil es die gerade gibt.“

Wir haben mit Menschen gesprochen, die im Moment in Venezuela leben. Sie wollen, dass wir über ihre Situation berichten - aber anonym. Sie wissen nicht genau, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn sie etwas „Falsches“ sagen. Aber wir wollen ihre Sicherheit nicht gefährden.

Warum protestieren so viele Menschen in Venezuela?

Wenn es Menschen schlecht geht, dann versuchen sie oft, einen Schuldigen zu finden. Für die konservativen Gegner der sozialistischen Regierung ist klar: Präsident Nicolas Maduro hat mit seiner Politik die Wirtschaft kaputt gemacht. Der wiederum sieht in der Opposition eine Verschwörung, die sich gegen ihn und sein Land richtet.
Der Mann aus Caracas sagt: „Ich rate jedem, sich auf keine Seite zu schlagen. Regierung, Regierungsgegner oder Polizei – oft weiß ich gar nicht genau, wer welche Interessen verfolgt.“ Er sagt auch, dass er keine Angst hat um sein Leben, höchstens um das der Menschen, die ihm wichtig sind. „Ich trage meinen Ehering nicht“, sagt er. Niemand müsse wissen, dass er Angehörige hat.

Insider sprechen mittlerweile von bürgerkriegsartigen Zuständen, die Katholische Kirche in Venezuela warnt vor einer Militärdiktatur. Alles spitzt sich zu, hin zum 30. Juli. Dieser Tag ist Stichtag. Da hat Präsident Maduro zu einer Versammlung aufgerufen, bei der aber nicht alle Parteien dabei sein dürfen. Und das ist ein Problem, denn bei der Versammlung soll die Verfassung geändert werden. Die Opposition befürchtet, dass an diesem Tag eine Diktatur festgeschrieben werden könnte und geht dagegen an. Beide Seiten kämpfen mit allen Mitteln.

Demonstranten stehen mit Masken in einer Tränengaswolke in Caracas; Foto: picture-alliance / dpa

Aufnahmen von einer Demonstration Im April 2017 in Caracas.

picture-alliance / dpa

Wie sicher ist es, nach Venezuela zu reisen?

Erst einmal muss man überhaupt dorthin kommen. Denn viele Airlines haben die Flüge nach Venezuela eingestellt: Die Lufthansa fliegt nicht mehr, Emirates ebenfalls nicht. „Viele Eltern haben Angst, ihre Kinder in die Schule zu schicken, wenn es Marchas gibt oder Trancas“, erzählt der Mann aus Caracas. Marchas, das sind Märsche, Trancas die Straßenblockaden. Wie soll ein Tourist also gerne nach Venezuela reisen, wenn selbst Venezolaner ihre Kinder nicht auf die Straße, auf den Schulweg, schicken wollen? Eine ausdrückliche Reisewarnung gibt es auch vom Auswärtigen Amt. Auf der Internetseite heißt es: „Angesichts dieser Lageentwicklung und dem fortbestehenden wirtschaftlichen und medizinischen Versorgungsnotstand im Land wird von nicht dringenden Reisen nach Venezuela abgeraten.“

Der Mann aus Caracas wünscht sich, dass die Kämpfe irgendwann aufhören. Er behält die Hoffnung, dass es wieder friedlicher werden könnte. Bis dahin plant er jeden Tag erst nach dem Aufstehen. „Wenn ich weiß, welche Proteste und Blockaden es gibt, dann entscheide ich, was ich mache – ob ich das Haus verlasse und zur Arbeit gehe und ob ich es schaffe, vor Einbruch der Dunkelheit wieder sicher nach Hause zu kommen.“ Er hat das Gefühl, dass er das einschätzen kann. Noch.