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Träume verwirklichen, die einem keiner zutraut. Nicht aufgeben, auch wenns weh tut, und trotz Behinderung. Abenteurer Tom Belz erzählt Geschichten aus seinem Leben, die Mut machen, das eigene Ding durchzuziehen.

„Meine Behinderung ist keine Entschuldigung, etwas nicht machen oder schaffen zu können“ sagt Tom Belz. Mit acht Jahren hat er durch Knochenkrebs sein linkes Bein verloren. Was ihn nicht davon abhält, zu joggen, zu surfen oder beim Strongmanrun mitzumachen. Der 34-jährige aus Offenbach am Main arbeitet als Erzieher in einer Behinderteneinrichtung und kletterte 2018 auf einem Bein, mit Krücken, auf den höchsten Berg Afrikas. Über sein Leben und diese Tour hat er auch ein Buch geschrieben, es heißt „Do What You Can't (Tu das, was du nicht kannst) – mit einem Bein auf dem Kilimandscharo“.

SWR3-Moderatorin Nicola Müntefering: Du hast spezielle Visitenkarten. Da stehen Antworten auf die Fragen drauf, die dir am häufigsten gestellt werden. Zum Beispiel Automatikauto.

Tom Belz: Ja, weil ganz viele Leute fragen, wie ich Auto fahre. Das ist gar nicht so kompliziert, wie man sich das vorstellt. Ich habe ein stinknormales Automatikauto.

Dann: Die Haare sind echt! Weil du so eine megamäßige Matte auf dem Kopf hast?

Ja, ich habe ganz krasse Locken. Meine Eltern haben auch beide Locken. Und deshalb habe ich sehr, sehr dicke Locken. Ich weiß auch nicht.

Oder diese Antwort: Weil eine Prothese mit meinem Leben nicht mithalten kann.

Richtig. Weißt du mein Leben ist auf Zack! Ich muss immer schnell unterwegs sein, es muss alles immer jetzt passieren. Und da sind mir die Krücken einfach lieber.

Das hier steht auch auf deiner Visitenkarte: Ja, ich muss beide Schuhe kaufen!

Ich werde tatsächlich ganz oft gefragt, ob ich beide Schuhe kaufen muss. Und ja, es ist tatsächlich so! Aber ich habe mittlerweile so etwas wie einen Schuh-Buddy, also einen jungen Mann aus München, der dieselbe Amputation hat, nur spiegelverkehrt. Und deshalb bekommt er dann immer den linken Schuh von mir zugesendet.

Hat der Schuh-Buddy dann auch den linken Schuh von dem Schuh, mit dem du den Kilimandscharo bezwungen hast?

Leider nicht, so lange kennen wir uns doch gar nicht.

Das war ja echt ein Wahnsinnsprojekt, diesen fast 6000-Meter-Berg hoch. Und das auf Krücken. Dafür hast du knapp ein halbes Jahr trainiert?

Vielleicht nicht ganz so lange. Also ich musste da natürlich ein bisschen mehr ins Fitnessstudio gehen und ich habe ein bisschen mehr gejoggt als sonst. Aber man muss sich vorstellen, bis zu dem Zeitpunkt war ich ja schon 26 Jahre auf Krücken unterwegs.

Waren das spezielle Off-Road-Krücken?

Nee, nee, das waren ganz stinknormale Otto-Normal-Verbraucher-Krücken vom Orthopädie-Lädchen deines Vertrauens.

Du hattest bei dieser Tour ja auch einen Spitznamen, nämlich „Mbuzi Dume“, starke Ziege. Warum?

Den Spitznamen habe ich bekommen, weil ich so unleidlich war und immer von Stein zu Stein gesprungen bin, um mir ein bisschen die Zeit zu vertreiben. Weil man muss ja immer ganz, ganz langsam nach oben laufen. Und bei mir muss immer alles ganz, ganz schnell gehen. Dadurch ist irgendwie dieser Spitzname von den Afrikanern entstanden.

Und bekannt warst du wie ein bunter Hund?

Genau das hat sich dann nach oben durchgesprochen, dass da ein verrückter Lockenkopf mit nur einem Bein unterwegs ist. Und die haben sich dann oben total gefreut, als sie mich gesehen haben. Weil so etwas kannten die Afrikaner noch nicht. Normalerweise ist eine Behinderung in Afrika ein schlechtes Omen, ein Zeichen dafür, dass man irgendwas Schlimmes in seinem Leben getan hat. Und dann kommt auf einmal da dieser Strahlemann angehumpelt.

Alles ist möglich! Wenn ihr einen Traum oder Ziel habt, dann arbeitet dafür, kämpft dafür und zeig es dir selbst: dass dein Wille, dein Verstand, dein Mut, dein vermeintliches Handicap eine Möglichkeit darstellt, über sich selbst hinaus zu wachsen.

Tom Belz

Gab es da nicht auch einen Moment, an dem du gesagt oder zumindest gedacht hast: Ich schmeiße hin, ich höre auf?

Doch doch, vor allem in der Nacht des Aufstiegs. Wir waren insgesamt siebeneinhalb Stunden unterwegs. Wir hatten minus 10 bis 15 Grad und 60 bis 70 Stundenkilometer Wind da oben. Es war einfach nur noch kalt, es hat alles nur noch weh getan. Und dann habe ich mich hingesetzt und gesagt: Leute, hört mal zu, ich glaub, ich schaffe das nicht.

Und dann? Wer hat dich motiviert? Normalerweise bist du ja derjenige, der die anderen motiviert.

Richtig. Und dann haben sich die Jungs einfach um mich herum gesetzt und gesagt: ‚Du Tom, du erzählst uns jetzt seit sieben Tagen, wer du bist, dass deine Behinderung keine Entschuldigung ist. Du hast uns erzählt, dass du mehr bist als ein nicht vorhandenes Bein, sieben Tage lang. Und jetzt hast du die Möglichkeit. An was hängt es denn jetzt?‘ Und in dem Moment, wo sie das gesagt haben, haben sie mir quasi den Spiegel vors Gesicht gehalten. Und dann dachte ich mir okay, ich kann, glaube ich, ganz gut mit Schmerz umgehen, also beißen wir jetzt mal die Zähne zusammen und ziehen das durch.

Du hast es durchgezogen. Du standest irgendwann oben auf dem Gipfel. Wie war dieser Moment für dich?

Unbeschreiblich! Man muss sich halt vorstellen, da waren 26 Jahre so viele Menschen, die mir gesagt haben, du kannst etwas nicht. 26 Jahre wurden mir buchstäblich Steine in den Weg gelegt und das habe ich mir alles irgendwie zu eigen gemacht, mir diese Steine zusammengesucht und bin sozusagen einen Berg hoch geklettert, um sinnbildlich den Stinkefinger zeigen. Und deshalb war das so ein Befreiungsschlag für mich. Ich stand da oben und habe letztendlich nur noch drei Worte aus mir rausgebracht: Ich hab’s geschafft!

Mbuzi Dume - Tom Belz will auf den KilimandscharoDer beinamputierte Tom Belz (Tom NATIVe) will auf den Kilimandscharo. Der Arzt Klaus Siegler, der ihm fast zwei Jahrzehnte davor das Bein amputiert hat, geht zu seiner Unterstützung mit. MBuzi Dume am Sa. 31.8. beim Filmfest St. Anton und Tom Belz und Dr. Klaus Siegler auf der Bühne.Posted by Filmfest St. Anton on Thursday, August 15, 2019

Wem wolltest du damit was beweisen?

Natürlich wollte ich erstmal mir selber was beweisen. Ich wollte mir zeigen: Du bist mehr, als als du eigentlich von dir denkst. Ich wurde so oft in eine Schublade gesteckt, wo ich meiner Meinung nach nicht hingehöre. Dann wollte ich es meinen Eltern zeigen: Ey Mama, Papa, ich bin ein normaler Junge, ich schaffe das, ihr müsst mich nicht immer in Watte packen! Und dann wollte ich mir selbst vor 26 Jahren noch mal irgendwie Mut zusprechen, dem Tommy damals, der im Krankenhaus gesessen hat und dem gesagt wurde: Du brauchst ’ne Prothese. Dem wollte ich sagen: Ey, hör nicht drauf, mach es einfach, du weißt gar nicht, was noch in dir steckt!

Wie war das damals als kleiner Junge, als plötzlich die Diagnose Krebs im Raum stand? Hast du von Anfang an verstanden, wie ernst die Lage ist?

Nein. Also ich dachte am Anfang: Cool ich geh ins Krankenhaus und krieg einen von diesen tollen Gipsverbänden und dann schreiben mir alle meine Freunde da drauf, mit Herzchen. Und: ‚Hoffentlich geht’s Dir bald besser Tommy!‘ und so. Aber ich hatte das überhaupt nicht realisiert, was das wirklich bedeutet.

Aber als das Bein abgenommen werden musste, war der Ernst der Situation ja ganz klar sichtbar. Wie haben denn die anderen Kinder darauf reagiert? Du bist ja irgendwann auch wieder zur Schule gegangen.

Kinder können sehr, sehr ehrlich und grausam sein. Es wurde dann ganz viel mit dem Finger auf mich gezeigt. Ich wurde ausgelacht. Ich habe Spitznamen bekommen wie Flamingo oder Hinkefuß oder Känguru. In der jetzigen Position kann ich darüber lachen und drüber stehen. Aber damals hat mir das einfach furchtbar weh getan. Und deshalb war Schulzeit nicht einfach.

Trotzdem hast du dich ja auch schon damals bewusst gegen eine Prothese entschieden.

Die Prothese hat einfach noch nie zu mir gepasst. Mir wurde damals gesagt, ich sehe aus wie der Terminator, wenn ich sie tragen würde. Du wirst ein normales Leben führen! Aber das Leben, was ich als normal empfand, ist an mir vorbei gerast. Jeder hat Fußball gespielt, ist mit dem Skateboard rumgefahren, jeder ist gerannt, Fahrrad gefahren und das konnte ich mit dieser Prothese einfach nicht. Also habe ich sie irgendwann genommen, in den Schrank gestellt und einfach genau das gemacht, wohin meine Freunde, mir sozusagen den Weg gezeigt haben. Es hat natürlich ein bisschen gedauert. Ich musste wieder laufen lernen, rennen, klettern, schwimmen. Alles musste ich neu lernen. Aber letztendlich hat es sich ausgezahlt.

Wie groß war denn vielleicht auch mal die Wut, dieses ‚Warum ich‘?

Ganz oft! Bis zu dem Punkt, wo dann das Bein ab war, habe ich ganz oft nach oben geguckt und habe irgendwie nach einer höheren Macht gesucht und dachte: Warum denn ich? Was habe ich denn in meinem Leben falsch gemacht, dass sich jetzt unter so einer Krankheit leiden muss? Warum muss mir denn unbedingt das Bein amputiert werden? Vor allem an dem Tag, als es dann amputiert wurde, dachte ich: Ich habe doch schon so viel über mich ergehen lassen. Ich habe doch schon so viel Schmerzen fühlen müssen. Warum muss das denn jetzt auch noch ab? Das war ja dann alles irgendwie umsonst. Da war ich furchtbar sauer.

Aber irgendwann habe ich dann meine kindliche Naivität irgendwie wieder gefunden. Als ich dann einfach gedacht habe: Aber ich kann doch nicht mit diesem 15-Kilo-Bein, was da an mir hängt, dieser Prothese, auf einen Baum klettern, das probierst du jetzt einfach mal ohne! Und dann habe ich es einfach gemacht.

Du möchtest nicht, dass man dir die Tür aufhält. Warum?

Ich kann es schon leiden, wenn Leute mir die Tür aufhalten. Aber es ist ein Unterschied, wenn ich fünf Meter entfernt von der Tür stehe und jemand wartet darauf, dass ich durch diesen Eingang geschritten komme. Darauf habe ich keine Lust, weil ich dann ganz genau weiß, der macht das jetzt nur, weil er denkt, jemanden, der nur ein Bein hat, helfen zu müssen. Und das mag ich nicht. Wenn ich Hilfe brauche, dann sage ich das.

Und deshalb gehe ich dann vier Meter auf denjenigen zu und bei den letzten Metern dreh ich nach links ab und geh durch die nächste Tür. Na gut, ich geh im Nachgang natürlich noch mal hin und sag: Hey, ich weiß, was du vor hattest, das ist cool, aber es ist nicht meine Art und Weise. Ich will ja niemanden im Regen stehen lassen. Ich mache mir da auch einen Riesenspaß draus, das ist jetzt kein Tabuthema. Ich bin immer ein großer Fan davon, wenn man auf mich zukommt, mich anspricht. Keine Ahnung, wir sind noch nicht so weit, dass wir da ganz locker drüber reden. Also, dass es etwas Normales darstellt, leider. Aber das ist nicht schlimm. Und irgendwie denke ich mir kann ich es ja irgendwie durch meine lockere Art, durch mein Schlappmaul irgendwie zu diesem inklusiven Gedanken meinen Teil beitragen.

Aber da muss man die Situation in dem Moment auch richtig einschätzen können. Weil: Ich halte ganz oft jedem die Tür auf, dann würde ich dir auch die Tür aufhalten!

Richtig. Aber dann haben wir wenigstens ein Gesprächsthema und können darüber lachen. Wenn ich dann einen Meter vor dir abbiege und dann vielleicht sogar dir die nächste Tür aufhalte. Also, es ist wirklich nie so, dass sich Leute dadurch irgendwie auf den Schlips getreten fühlen oder dass das unangenehm ist oder so. Nein, nein, das lasse ich auch nicht zu.

Jetzt ist aus deiner Situation heraus so viel Positives entstanden, siehst du das fehlende Bein immer noch als Krankheit oder vielleicht mittlerweile auch als – ja, so eine Energiequelle?

Es ist so verrückt eigentlich, weil es ist ja etwas, mit dem ich geboren wurde. Und es wurde mir genommen aufgrund einer Krankheit. Und jetzt kann man natürlich sagen, das ist etwas ganz, ganz Schlimmes. Und das ist es auch. Also ich würde das nicht schönreden. Nur weil ich damit klar komme, bedeutet das nicht, dass es etwas Gutes ist.

Aber ich habe mich damit abgefunden und denke, mir sind so viele tolle Dinge in meinem Leben passiert, weil dieses Bein nicht mehr da ist. Allein schon, dass wir beide dieses Interview hier führen, dass wir dieses Gespräch haben. Und deshalb bin ich skurrilerweise eher dankbar dafür, dass es mir passiert ist, weil ich bin ja noch auf der Erde. Ich bin ja noch da. Ich bin nicht daran gestorben!

Und du motivierst bestimmt auch ganz viele andere Menschen?

Ich würde mich freuen!

Hier das ganze Interview anhören

Abenteurer Tom Belz über Herausforderungen, Schubladendenken und Freude am Leben (Foto: Tom Belz)

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