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125 queere Mitarbeitende der katholischen Kirche und ihrer Einrichtungen haben sich geoutet. Bisher bedeutete das oft die Kündigung. Doch laut einer SWR-Umfrage soll es jetzt anders laufen.

Die Bistümer in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gaben auf Anfrage des SWR bekannt, dass sie gegen die geouteten Mitarbeitenden in ihrem Zuständigkeitsbereich keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen erwägen. In der Vergangenheit fürchteten Priester und andere Mitarbeitende der Kirche und ihrer Einrichtungen, eine Kündigung, wenn ihre homosexuelle Orientierung oder Partnerschaft bekannt wurde.

Auch bundesweit müssen die meisten Mitarbeitenden keine Konsequenzen fürchten. Unter den 27 angefragten deutschen Bistümern sicherten am Freitagvormittag 22 Bistümer zu, dass sie keine Konsequenzen gegen die Teilnehmenden der Aktion erwägen. Die Bistümer Augsburg und Köln reagierten ausweichend, drei meldeten sich nicht.

Katholische Kirche sieht homosexuelle Männer quasi als berufsunfähig an

Für homosexuelle Männer, die katholische Priester werden wollen, gilt ein Weiheverbot – sie werden quasi als berufsunfähig angesehen. Für Mitarbeitende in katholischen Einrichtungen gilt ein eigenes kirchliches Arbeitsrecht: Sie müssen die Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre nicht nur im Beruf, sondern auch im Privatleben beachten. Nicht-heterosexuelle Beziehungen widersprechen dieser katholischen Sittenlehre.

Unter dieser Haltung leiden viele gläubige Christen die queer sind; also beispielsweise homosexuell oder bi – besonders die, die im Dienst der Kirche arbeiten. Knapp hundert von ihnen hat die ARD-Dokumentation Wie Gott uns schuf – Coming Out in der Katholischen Kirche eine Stimme gegeben. Einige sind dafür das Risiko eingegangen, ihren Job zu verlieren.

Angst und Druck als Wegbleiter: „Halt' dich zurück, oute dich nicht.“

Einer von ihnen ist Andreas Diegler. Er sagt: „Wenn ich heiraten würde, dann wäre ganz klar die Kündigung die nächste Konsequenz.“ Diegler ist 31 Jahre alt und kommt aus der Nähe von Saarbrücken. Er ist Gemeinderefernt beim Bistum Trier – und homosexuell. Geoutet hat er sich erst mit 27. Ein Grund: Die Befürchtung, damals seine Ausbildung zu verlieren und nicht als Gemeindereferent beauftragt zu werden.

Die Angst kommt vor allem daher, dass es klare Regeln gibt und wenn gegen diese Regeln verstoßen wird in der katholischen Kirche. Dann habe ich zum Beispiel ganz konkret zu befürchten, dass ich meinen Job verliere, den ich sehr gerne ausübe, zu dem ich mich auch berufen fühle.

Diese Angst kennt auch Stefan Spitznagel. Er arbeitet als katholischer Pfarrer in Marbach am Neckar in der Nähe von Stuttgart – auch er ist homosexuell.

Da wurde manchmal natürlich auch Druck ausgeübt: 'Halt' dich zurück, oute dich nicht. Sei still! Wir lassen dich dafür auch in Ruhe, wenn du Ruhe gibst.'

Diesen Druck habe er auch bei der Vergabe von Stellen gespürt, erzählt Spitznagel. Offen über das Thema Homosexualität zu sprechen war nicht wirklich möglich.

Wir haben auch als schwule Priestergruppen in Deutschland uns vernetzt bundesweit und waren die ersten Jahre im Gespräch mit den Bischöfen, auch auf Bundesebene, mit der Bischofskonferenz. Und irgendwann haben die Bischöfe blockiert und gesagt: 'Wir wollen nicht mehr mit euch reden. Jeder Bischof soll es für sich klären und damit wird das Thema totgeschwiegen und in die Schublade gesteckt.'

München

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Warum kann die Katholische Kirche diesen Druck ausüben?

Eigentlich gilt in Deutschland das sogenannte „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“. Das bedeutet: Niemand darf wegen seiner Religion oder seiner sexuellen Identität benachteiligt werden. Trotzdem fürchten viele; die bei der katholische Kirche angestellt sind, um ihre Jobs: Wegen ihrer sexuellen Orientierung, oder aber auch weil sie geschieden sind und wieder heiraten wollen. Warum kann sich die Katholische Kirche so sehr in das Leben ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmischen? Thomas Schüller ist Professor für Kirchenrecht. Er berät immer wieder Menschen, die mit diesen Grundsätzen in Konflikt geraten. Er sagt: Die Kündigungen sind legal.

Das hat was mit unserer religionsfreundlichen Verfassung zu tun. Unsere Verfassung sagt in einem Artikel, dass die großen Religionsgesellschaften und damit auch die beiden großen christlichen Kirchen das Recht haben, ihre inneren Angelegenheiten selbstständig zu ordnen und zu verwalten und den Aspekt ordnen und verwalten, den trifft jetzt das kirchliche Arbeitsrecht.

Denn: Wer für die Kirche arbeitet, der verpflichtet sich über den Arbeitsvertrag die „Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre“ zu befolgen. Die Folge: Viele Mitarbeitende halten ihr Privatleben, ihre Partnerschaften im Verborgenen.

Bischof Dieser: „Ich entschuldige mich im Namen der Kirche“

Journalist Hajo Seppelt hat für die ARD-Doku Wie Gott uns schuf – Coming Out in der Katholischen Kirche 27 Bischöfe für ein Interview angefragt. Die meisten sagten ab, einige reagierten gar nicht. Nur einer war zu einem Interview bereit: Der Aachener Bischof Helmut Dieser. Er ist das Kirchenoberhaupt von Nordrhein-Westfalen – das ist das Bundesland mit den meisten Katholiken. Er sieht die Haltung der Katholischen Kirche kritisch. Die Interpretation der Bibel, mit der der Vatikan seine Ablehnung gegen Homosexualität begründet, sei falsch.

Ich habe dazugelernt. Das habe ich wirklich, das kann ich ganz freimütig sagen. [...] ich entschuldige mich im Namen der Kirche für die Menschen, die in ihren seelsorglichen Begegnungen mit der Kirche verletzt wurden, unverstanden gezwungen wurden, auf eine bestimmte Position hin zu denken, die sie selber nicht annehmen können. Ich entschuldige mich dafür, dass die Kirche mitunter auch nicht bereit war, die Situation dieser Menschen tiefer auf sich wirken zu lassen, nachdenklicher zu werden und die nötige Unterscheidung, die immer in der Seelsorge nötig ist, um dem Menschen gerecht werden zu können, verweigert hat.

Die Katholische Kirche ringt mit sich. Eine Entschuldigung ändert aber noch keinen Arbeitsvertrag.

Wie steht der aktuelle Papst zu nicht-heterosexuellen Menschen?

Marco Politi ist Vatikan-Experte. Er hat eine Biografie über den Papst geschrieben und beobachtet den Vatikan.

[...] natürlich hat der Vatikan Angst vor der Diskussion in Deutschland, denn es gibt einen Teil des Klerus und der Bischöfe, die immer weiterhin noch die Homosexualität verteufeln. Und was ich in diesen Jahren gesehen habe im Pontifikat ist, dass sich die konservativen Kräfte viel aktiver und besser mobil machen als die Reformorientierten und natürlich wehren sich die Konservativen gegen jede Änderung der Lehre.  

Papst Franziskus hat bei vielen Hoffnung ausgelöst – mit Sätzen wie: „Wer bin ich, ihn zu verurteilen” über einen homosexuellen Gläubigen. Politi ist wenig optimistisch:

Der Papst hat ganz klar gezeigt, dass er Mitgefühl hat für alle und auch für die Ausgegrenzten in der Sexualität. Aber er hat auch Angst vor einer Spaltung. Ich glaube, heute gibt es nicht die Möglichkeit, es schwarz auf weiß zu ändern. Der Papst arbeitet mit Gesten, er arbeitet mit Worten, aber er hat nicht die Mehrheit, um schwarz auf weiß Änderung[en] zu bringen.

„Wie Gott uns schuf“ – hier die ARD-Doku ansehen

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