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Lea Kerpacs
Lea Kerpacs (Foto: SWR3)

Zur WM hat gefühlt jeder eine Meinung. Schauen oder nicht schauen? Wir haben jeweils vier Argumente zusammengestellt, die für die eine oder andere Seite stehen. Vielleicht habt ihr auch gemischte Gefühle und könnt euch auf beiden Seiten wiederfinden?

Boykottaufrufe und Verteidigungen für die WM aus Katar

Kaum eine Weltmeisterschaft wurde im Vorfeld so viel und kontrovers diskutiert, wie die Aktuelle aus Katar. Zwar gab es Kritik auch schon in den vergangenen Jahren – beispielsweise als Russland und Brasilien die Austragungsländer waren – mit dem Start der Spiele schien das aber in den Hintergrund zu rücken. Boykottaufrufe für die Winter-WM werden inzwischen laut, es gibt aber auch Verfechter der WM. Was sind die Beweggründe beider Seiten – und kann man die jeweils andere nicht auch ein Stück weit nachvollziehen? Wir gehen dem auf den Grund und versuchen, aus gegenseitigen Anfeindungen ein bisschen Verständnis zu machen.

Gründe dagegen, die WM aus Katar zu schauen

Auch eingefleischte Fußballfans sind unter denjenigen, die angekündigt haben, die Weltmeisterschaft zu boykottieren. Und das aus mehr als nur einem Grund. Katar macht es einem nicht gerade schwer, etwas zu finden, was nicht so super läuft. Selbst Nationaltrainer Hansi Flick sagt: Diese WM wird anders.

Grundsätzlich finde ich es schade, dass dieses Turnier keine WM für Fans wird. Dabei sollte der Fußball für alle da sein. Darum sage ich: Es ist keine WM für den normalen Fan.

Aber was macht diese Weltmeisterschaft eigentlich anders, als so viele vor ihr? Wir haben uns vier Gründe näher angschaut.

Die Menschenrechtslage in Katar

Es war nicht ein tragischer Unfall, obwohl in Katar alles getan wurde, um die Sicherheit der Arbeiter auf dem WM-Baustellen zu gewährleisten. Zwischen 6.500 und 15.000 Gastarbeiter sind bei den Bauarbeiten für die WM gestorben. Das liegt vor allem an den Arbeitsbedingungen: keine ausreichende Sicherung für Arbeiten in der Höhe und kein Schutz vor der großen Hitze und Sonneneinstrahlung. Herzversagen ist deshalb eine häufige Todesursache.

Gleichzeitig sind Gastarbeiter gezwungen, weiterzuarbeiten – den Gefahren zum Trotz. Recherchen haben gezeigt, dass die ohnehin schon niedrigen Löhne häufig nicht oder verspätet ausgezahlt werden. Außerdem berichten Betroffene, ihnen seien ihre Ausweispapiere von ihren Chefs abgenommen worden. Sie könnten also gar nicht ausreisen, wenn sie es wollten. Die Baustellenbetreiber dementieren das.

Und auch ohne die WM gibt es Menschenrechtsverletzungen im Wüstenstaat. Das Land lebt von Gastarbeitern, besonders aus ostasiatischen Staaten und Syrien. Dass Pässe abgenommen werden und die Arbeitsbedingungen besonders schlecht sind, ist auch unabhängig von der WM ein Problem.

Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit nicht-heterosexuellen Menschen im Land. Sie müssen wegen „Sodomie“ mit einer Gefängnisstrafe über mehrere Jahre rechnen – auch die Todesstrafe ist in manchen Fällen möglich. Die willkürlichen Verhaftungen können außerdem zu jahrelangen Gefängnisaufenthaltungen ohne Anklage führen, wie auch Human Rights Watch berichtet.

Umstrittener WM-Gastgeber Katar WM-Botschafter bezeichnet Schwulsein als „geistigen Schaden“

Der WM-Gastgeber Katar versucht trotz aller Kritik, sein tolerantes Bild aufrechtzuerhalten: Alle seien willkommen. Mit der Aussage eines Mannes wird die Toleranz jetzt aber wieder in Frage gestellt und die LGBTQ+-Community ist in Sorge.

PUSH SWR3

Pressefreiheit in Katar

Wie frei darf man in Katar berichten? Im Ranking der Reporter ohne Grenzen belegt Katar den Platz 119 von 180. Grund dafür sind Verhahftungen von Journalisten, Überwachung, Einschüchterung und Selbstzenur.

Und das alles schon sehr niederschwellig: SWR-Reporter wurden 2019 beispielsweise angehalten, als sie aus einem fahrenden Auto mit dem Smartphone die Außenfassade des arabischen Nachrichtensenders Al-Jazeera gefilmt haben. Die Forderung: Mitkommen zur Polizeistation und die Löschung des Materials. Beides konnte schlussendlich durch lange Diskussionen verhindert werden.

Fußball in der Wüste? Das Land hat keine Fußball-Tradition

Es ist eine Diskussion um Kulturen und Tradition: Sollte ein Land, das eigentlich gar keine eigene Fußballtradition hat, eine Weltmeisterschaft in genau diesem Sport ausrichten? Für viele stellt sich dann automatisch die Frage nach dem „Warum“. Geht es nur um Geld, Politik und Sichtbarkeit Auch die Fifa steht in diesem Zusammenhang in der Kritik.

Die Kritik gab es so ähnlich auch schon bei der Austragung der auch schon bei der Leichtathletik WM in Katar. Die Ränge blieben größtenteils leer, weil das Interesse in der katarischen Bevölkerung gering war.

Aber nicht nur wegen der Kultur, sondern auch wegen des Klimas: Kollabierte Athleten waren trotz vollklimatisierten Stadien die Folge. Olympiasportler Jonathan Hilbert sagte dazu: „Jeder der hier durchgekommen sit, ist einfach ein ganz großer Held“.

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

Nachrichten Katar-strophal! – So schlimm ist die Leichathletik-WM (Kommentar)

Dauer

Brutale Hitze und leere Ränge: Während den deutschen Leichtathleten zum Beginn der heftig kritisierten Wüsten-WM nur eine Nebenrolle bleibt, erfüllen sich in Doha viele Befürchtungen. Selbst nachts laufen oder gehen die Athleten bei Temperaturen von 30 Grad und niederschmetternder Luftfeuchtigkeit.

Fußball im Winter? Stimmung

Der vierte Grund ist ein relativ simpler: Wer hat im Winter Lust auf eine Fußball-Weltmeisterschaft? Mit Glühwein und Decken beim Public Viewing frieren, anstatt mit Bier im Trikot zu feiern? Das klingt nicht sehr einladend. Außerdem wurden viele Public Viewings auch schon abgesagt. Reuschs satirischer Wochenrückblick fasst das Thema nochmal zusammen:

SWR3-Podcast: Reuschs rigoroser Wochenrückblick (Foto: SWR3)

Reuschs Wochenrückblick Queen, Oktoberfest und kalter Glühwein zur WM

Dauer

Wenn im Winter eine WM ist, könnten wir doch auch im Sommer Weihnachten feiern. Reusch blickt zurück...

Mark Forster hat seine Position gefunden: Ihm geht die WM in Katar zu weit. Das hat er im SWR3-Interview bei Talk mit Thees gesagt:

Gründe dafür, die WM aus Katar zu schauen

Es stimmt: Viele Punkte sprechen dagegen, die WM zu schauen. Es gibt aber auch Gründe dafür: Was ist mit den Fußballern? Und haben wir nicht schon genug eigene Probleme? Wollen wir nicht einfach mal wieder durchatmen? Hier besprechen wir vier Punkte genauer.

Sportliche Leistung sollte im Vordergrung stehen

In einer Weltmeisterschaft messen sich viele Länder von der ganzen Erde in einer Sportart. Wie politisch sollte Fußball sein? Gar nicht, sind manche überzeugt. Es gehe um den Sport, nicht um Politik.

Sportler haben es verdient: Das macht man nicht so oft

Außerdem können die Sportler, die auf dem Platz stehen, nichts dafür: Wie oft schafft man es in den Kader einer Weltmeisterschaft? Manche häufiger, andere nur einmal. Will man ihnen diesen Lebenstraum verwehren, sollen sie das boykottieren? Sie haben die Vergabe schließlich nicht bestimmt. Auch bei der umstrittenen Olympia-Ausrichtung in China 2022 war das in der öffentlichen Diskussion eines der präsentesten Argumente.

Weltmeisterschaft sorgt für Aufmerksamkeit

Fußball ist so beliebt wie keine andere Sportart in Deutschland und vielen anderen westlichen Ländern. Gerade die schauen deshalb viel stärker auf die Austragungsländer, als ohne die WM. Das kann auch dafür sorgen, dass ein Land unter internationalen Druck gerät, beispielsweise Menschenrechte oder Arbeitsbedingungen zu stärken. So sehr diskutiert wäre Katar ohne die WM sicher nicht.

Mal wieder keine Sorgen machen zwischen den Krisen

Im Moment ist sind die Zeiten für viele Menschen hart. Keine Frage. Ein Krieg in der Nähe, die Inflation, die Klimakrise und war da nicht immer noch etwas mit einem Virus? Es ist mehr als verständlich, wenn man sich dann auch mal wieder auf etwas freuen möchte. Einfach mal nur Fußball schauen, ohne die Probleme der Welt auf sich laden zu müssen. Die WM kann eine Verschnaufpause sein – von all den Problemen, die uns gerade im Alltag beschäftigen.

Updates zur WM in Katar Trotz WM-Aus: Hansi Flick bleibt Bundestrainer

Was passiert im Land während der Fußball-WM und welche Erlebnisse haben Menschen vor Ort? In diesem Ticker sammeln wir die abseitigen Geschichten, die einem nicht sofort ins Auge fallen.

Wie steht SWR3 zur WM?

Natürlich sind auch wir bei der WM in einem Zwiespalt. Wir sehen, genau wie die SWR3-Hörerinnen und -Hörer, beide Seiten einer Medaille: In der Berichterstattung erfahren wir jeden Tag, wie sehr die aktuellen Krisen viele Menschen belasten. Selbstverständlich können wir verstehen, wenn jemand einfach nur das sportliche Ereignis verfolgen möchte.

Gleichzeitig sehen wir es als unsere Pflicht, negative Aspekte im Zusammenhang mit der WM-Ausrichtung wie Menschenrechtsverletzungen in Katar nicht zu verschweigen, im Gegenteil: Es ist uns wichtig und gehört untrennbar zu unserer Berichterstattung dazu.

Wir sind deshalb bemüht, mehrere Perspektiven abzudecken. Im Radio ist das nicht so einfach: In einem Beitrag konzentrieren wir uns immer nur auf einen Aspekt – das mag in der Momentaufnahme für den einen oder anderen aber einseitig wirken. Deshalb arbeiten SWR3 Radio und SWR3 Online an dieser Stelle besonders eng zusammen: Was wir im Radio nicht in dieser Form leisten können, kann unsere Website besser darstellen. Hier können verschiedene Aspekte und Perspektiven auf die Fußball-WM nebeneinander stehen – und das auch noch viel ausführlicher, als es im Radio manchmal möglich ist. Wir sehen es also nicht für unsere Aufgabe, eine Richtung vorzugeben, sondern ein Programm für alle Hörerinnen und Hörer und ein vielfältiges Web-Angebot für alle Userinnen und User zu machen.

Fazit: Das sind die Gründe beider Seiten kurz und knapp

Deutsche Nationalmannschaft mit dem Schriftzug „Human Rights“ auf den Trikots (Foto: IMAGO, Uwe Kraft)
Die deutsche Nationalmannschaft trug im März 2021 Trikots, die den Schriftzug „Human Rights“, also „Menschenrechte“ bildeten, um ein Zeichen gegen die Lage auf den Stadienbaustellen in Katar zu setzen. Uwe Kraft

Hat die WM etwas positives? Erst jetzt schauen viele auf die Menschenrechtslage des Wüstenstaats. Hätten wir ohne die WM mitbekommen, dass willkürliche Verhaftungen stattfinden und tausende Arbeiter ohne Ausweisdokumente im Land für meist nichtmal einen Hungerlohn "gefangen sind"? Große Events schaffen Aufmerksamkeit. Aber welche Folgen ergeben sich aus dieser Aufmerksamkeit? Menschen kritisieren eine Doppelmoral. Die WM kritisieren, aber den Staat durch Ölabkommen unterstützen? Als Mannschaft für Menschenrechte protestieren, aber trotzdem hinfahren?

Fazit: Es ist eine persönliche Entscheidung, welche Argumente wie gewichtig sind. Jeder von uns ist in einer anderen Lage und wir können nicht wissen, welche Bedeutung die WM für unser Gegenüber hat. Deshalb soltle man das Gespräch suchen: Warum bist du dieser Meinung? Was ist dir wie wichtig? Auch, wenn man nicht auf einen Nenner kommt, kann man manchmal Verständnis für die andere Perspektive bekommen. Hier sind jeweils vier Argumente nochmal aufgelistet:

Gründe dagegen, die WM zu schauen
⚽ Menschenrechtslage in Katar
⚽ Fußball in der Wüste? Fehlende Fußballkultur
⚽ Fußball im Winter? Fehlende Stimmung
⚽ Fehlende Pressefreiheit in Katar

Gründe dafür, die WM zu schauen
⚽ Die sportliche Leistung sollte im Vordergrund stehen
⚽ Die Sportler haben es verdient
⚽ Weltmeisterschaft sorgt für Aufmerksamkeit für Probleme
⚽ Mal wieder durchatmen von den persönlichen Sorgen

Wie steht ihr zur WM aus Katar?

Sagt es uns in den Kommentaren. Wie immer gilt: Bleibt bitte sachlich, egal, welche Meinung ihr vertretet. Beleidigungen und Diskriminierung akzeptieren wir nicht in unseren Kommentarspalten. Schriftlich gibt's das Ganze nochmal in unserer Netiquette.

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