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Leo Eder
Leo Eder (Foto: SWR3)

Wer kann Kanzler, Kanzlerin? SWR3-Moderator Constantin Zöller und RBB-Moderatorin Angela Ulrich stellen die Kanzlerkandidaten und die Kanzlerkandidatin bei Kampf ums Kanzleramt – wer regiert Deutschland? auf den Prüfstand. Annalena Baerbock von den Grünen machte am Montag den Anfang.

Berlin

Kampf ums Kanzleramt Baerbock, Scholz & Laschet antworten auf eure Fragen – hier Videos anschauen!

Annalena Baerbock (Grüne) steht für Veränderung, Olaf Scholz (SPD) gilt als solide und Armin Laschet (CDU) gilt doch als durchsetzungsstark. Wer wird Kanzlerin Merkel beerben?  mehr...

Kampf ums Kanzleramt - Wer regiert Deutschland SWR3

Wahlkampftage sind lange Tage. Nach zwei Wochen Tour durch die Republik konnte die Kanzlerkandidatin der Grünen am Montagmorgen endlich mal kurz zu Hause sein und wieder mit ihren Kindern am Frühstückstisch sitzen – eine heiß ersehnte Verschnaufpause, bevor sie sich ab 18 Uhr in den ARD-Popwellen den Fragen von Ulrich, Zöller und auch einigen Hörerinnen und Hörern stellte.

Das ganze Interview gibt es in der Audiothek zum Anhören – und hier zum Anschauen:

Kampf ums Kanzleramt – wer regiert Deutschland?Annalena Baerbock stellt sich euren Fragen! Seid heute ab 18.04 Uhr live dabei. In „Kampf ums Kanzleramt – wer regiert Deutschland?" beantworten am Mittwoch und Donnerstag auch Olaf Scholz und Armin Laschet Fragen, die euch beschäftigen.Posted by SWR3 on Monday, August 23, 2021

Afghanische Ortskräfte nicht im Stich lassen

Die brisante Lage in Afghanistan war direkt das erste Thema, das Baerbock ansprechen wollte: „Die Nachrichten aus Afghanistan, die ja stündlich immer wieder reinkommen, ist das, was, glaube ich, allen Menschen im Land, allen Menschen auf der Welt gerade richtig das Herz zusammenzieht.“ Etwa 50.000 Afghanen – Ortskräfte, Subunternehmer, Frauenrechtlerinnen, Journalisten und deren Familien – seien mit dem Tod bedroht, wenn die USA sich wie angekündigt bis Ende August zurückzögen und der Flughafen damit geschlossen würde.

Ich bin bei diesem Punkt auch wirklich sehr emotional, weil (...) eben das, was am Anfang kursierte: ‚Wir konnten das alles nicht kommen sehen‘ – das stimmt einfach nicht.

Baerbock will alles dafür tun, diese Menschen aus dem Land zu holen. Deshalb sollte man die USA in die Pflicht nehmen, damit sie nicht nur amerikanische Staatsbürger und deren Verbündete retten, sondern auch die Ortskräfte, die für andere Nato-Partner gearbeitet haben. Aus ihrer Sicht sollte die Bundesregierung zu einer Afghanistan-Konferenz einladen – mit Russland, China und den afghanischen Nachbarstaaten.

Baerbock fordert Untersuchungsausschuss zu Afghanistan

Dass die Grünen vor zwanzig Jahren den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan befürwortet haben, verteidigt Baerbock. Es sei in der damaligen Situation richtig gewesen, aber seitdem seien viele Fehler gemacht worden. In den letzten Jahren habe das politische Konzept gefehlt und man sei aus innenpolitischer Sorge nicht bereit gewesen, die Ortskräfte herauszuholen.

Das ist wirklich für die deutsche Außenpolitik katastrophal – und erst recht natürlich für die Afghaninnen und Afghanen vor Ort in dem Land.

Baerbock fordert deshalb einen Untersuchungsausschuss für die Fehler, die die Bundesregierung im Umgang mit den Ortskräften gemacht habe, sowie eine Evaluation des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan – auch im Hinblick auf andere und zukünftige Auslandseinsätze. Beispielsweise könnten sich Ortskräfte, die in Mali mit der Bundeswehr zusammenarbeiteten, nun fragen, ob sie darauf vertrauen könnten, dass es ihnen nicht wie in Afghanistan passiere.

Die Kanzlerkandidatin setzt auf eine „menschenrechtsbasierte und aktive Außenpolitik“. Was man nun in Afghanistan erlebe, sei das Ergebnis dessen, dass die deutsche Außenpolitik in den letzten drei Jahren „eher stumm“ gewesen sei. Als Beispiel nennt sie Menschenrechtsverletzungen in Russland: Hier sei nicht nur weggeschaut oder gehandelt worden, als es zu spät gewesen sei, sondern mit Nord Stream 2 sei das russische Vorgehen auch noch unterstützt worden.

Annalena Baerbock (Grüne) (Foto: rbb/Oliver Ziebe)
Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) rbb/Oliver Ziebe

Klima – das Lieblingsthema der Grünen

Auf die Frage, ob sie sich nicht manchmal überlege, warum sie sich das antue mit dem Wahlkampf, und ob es nicht auch nett wäre mit den Kindern am Baggersee, umschifft Annalena Baerbock eine persönliche Antwort und kommt auf das Parade-Thema ihrer Partei zu sprechen: das Klima. Gerade wenn sie an ihre Kinder denke, werde ihr klar, wie schnell wir handeln müssten.

Dieses Abwarten, der Stillstand der letzten Jahre, den können wir uns einfach nicht weiter leisten.

Auf der Klimakonferenz in Paris vor knappen sechs Jahren sei ihre jüngere Tochter noch im Kinderwagen gewesen – sechs Jahre habe man „vertrödelt“, die Klimakrise gehe nicht weg: „Die betrifft nicht nur die Freiheit unserer Kinder, sondern die betrifft unser Leben jetzt vor Ort. Das haben wir auf dramatische Weise vor ein paar Wochen gesehen.

Darum geht’s ja bei dieser Bundestagswahl! Zu fragen: Was wollen wir eigentlich verändern in diesem Land?

Wie wichtig ist ein korrekter Lebenslauf?

Was sie besonders gut könne, sei, unterschiedliche Menschen an einen Tisch zu bringen und sich zu fragen, wie man „große, große Herausforderungen“ gemeinsam lösen könne. „Weil immer nur mit denen zu reden, die sowieso schon einer Meinung sind, ich glaube, damit kommen wir nicht voran.

Unstimmigkeiten in ihrem Lebenslauf sorgten im Wahlkampf für Zweifel an ihrer Eignung als Kanzlerin. „Wie wichtig ist ein korrekter Lebenslauf?“, fragte Constantin Zöller nun im Interview. Baerbock zögerte, sagte dann: „Eine Teilrolle. Und deswegen sollte er korrigiert werden, wenn es einen Fehler drin gibt.

Angela Ulrich (RBB), Annalena Baerbock (Grüne) und Constantin Zöller (SWR3) (Foto: rbb/Oliver Ziebe)
Angela Ulrich (RBB), Annalena Baerbock (Grüne) und Constantin Zöller (SWR) rbb/Oliver Ziebe

Wie wollen die Grünen den ökologischen Umbau finanzieren?

Geringverdiener würden unter einer grünen Regierung entlastet, so die Kanzlerkandidatin. Dafür würden die Grünen vorschlagen, die Vermögensbesteuerung wieder einzuführen – das wären ein Prozent ab zwei Millionen Euro. Der Spitzensteuersatz würde leicht erhöht werden müssen. Und als dritte Maßnahme würde die Schuldenbremse im Grundgesetz ergänzt werden durch eine Investitionsregel, „wo wir Kredite aufnehmen, damit wir in unsere Infrastruktur, gute Kitas und Schulen (...) und Gesundheitsversorgung investieren können“.

Vierte Corona-Welle: Wie bekommt man mehr Menschen dazu, sich impfen zu lassen?

Annalena Baerbock setzt bei der Bekämpfung der vierten Corona-Welle auf mobile Impfteams. Man solle dorthin gehen, „wo Menschen sind und vor allem die Menschen, die noch nicht so viel geimpft worden sind“, zum Beispiel in Gemeinschaftsunterkünften, Stadtteilzentren oder an Orten, an denen sich Jugendliche aufhielten.

Auch Impfangebote an Schulen hält sie – mit Rücksprache der Eltern – für richtig. So könnten sich nicht nur Kinder und Jugendliche impfen lassen, sondern auch deren Eltern.

Dass Geimpfte und Genesene mehr tun dürfen als diejenigen, die sich entscheiden, sich nicht impfen zu lassen, befürwortet sie. „Die Entscheidung, die nicht auf Solidarität basiert, wenn man sagt ‚Ich lasse mich nicht impfen‘,“ könne dazu führen, „dass man andere massiv gefährdet – und ja, das heißt auch, dass diejenigen, die sagen ‚Ich hab mich impfen lassen‘ oder ‚Ich bin genesen‘, dann auch entsprechend wieder an Orte wie Fußballstadien gehen können und andere eben nicht, die sich entschieden haben, sie wollen sich nicht impfen lassen“.

Komplimente an die Konkurrenz fallen schwer

Die harten politischen Themen waren durch – jetzt sollte Annalena Baerbock drei Nettigkeiten über ihre Kontrahenten sagen. Und das schien ihr gar nicht mal so leicht zu fallen. Sekunden vergingen, bevor ihr etwas zu SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz einfiel: „mein Nachbar in Potsdam“. Inwiefern das etwas Nettes ist, lässt sich interpretieren. Der zweite Punkt war da schon deutlicher: „ruht komplett in sich“. Scholz' norddeutsche Art war die dritte nette Eigenheit, die Baerbock nach langer Pause über ihren Konkurrenten zu sagen hatte.

Zu ihrem Unions-Konterpart Armin Laschet (CDU) fiel ihr ohne großes Zögern „herzlich“ ein, danach aber wohl nicht mehr viel.

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