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Ja, manchmal sagt die Sonntagsfrage sogar den Wahlausgang voraus – meistens aber eher nicht. Tatsächlich erzählt sie uns eine spannende Geschichte über die derzeitige Stimmung. Und ihre Regeln sind einfach.

Die Sonntagsfrage – für viele ist sie die Königin unter den Vorwahlumfragen (die aktuelle Sonntagsfragen von Infratest Dimap findest du hier). Immerhin scheint sie uns zu sagen, wer gewinnen würde, „wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl“ wäre – oder auch Landtags- oder Europawahl. Aber tut sie das wirklich und wie genau sind ihre Vorhersagen?

Ist die Sonntagsfrage überhaupt eine Wahlvorhersage?

Dieser Punkt wird gerne missverstanden: Die Sonntagsfrage – das betonen auch die unterschiedlichen Meinungsforschungsinstitute, die Sonntagsfragen durchführen – ist eben keine Vorhersage. Sie ist vielmehr eine ziemlich kurze Momentaufnahme, die fast nichts über die Zukunft aussagt. Sie zeigt uns, wie die Leute jetzt gerade auf das reagieren, was sie aus der Politik mitbekommen und nicht das tatsächliche Wahlverhalten.

Was sagt die Sonntagsfrage aus?

Ein Beispiel: CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet hat sich im Hochwassergebiet beim Lachen filmen lassen – sofort verliert die CDU in der Sonntagsfrage. Schneidet sie dann auch bei der Wahl schlechter ab? Kann sein, kann auch nicht sein. Vielleicht passiert ja in der Zwischenzeit etwas so Wichtiges, das Laschets Lacher vergessen sind. Vielleicht sagt Laschet ja etwas zum Afghanistan-Fiasko, das vielen gefällt. Dann gehen die Ergebnisse meist sofort wieder hoch.

Je mehr Zeit zwischen der Umfrage und der Wahl vergeht, desto weniger sagt sie über das nächste Wahlergebnis aus. Aber selbst kurz vor der Wahl kann noch etwas dazwischen kommen, das alles wieder ändert.

Das bedeutet: Die Sonntagsfrage erzählt durchaus eine spannende Geschichte. Wie sind die Menschen gerade gestimmt? Wie reagieren sie auf das, was gerade geschieht? Wie sauer sind sie auf mutmaßliche Fehler von Politikern oder über Enthüllungen? Und wie sehr rechnen sie die den Parteien an? Wie aber die Wahl ausgeht, kann sie eigentlich nur dann voraussagen, wenn sie kurz vor der Wahl erhoben wird – und von da bis zum Wahltag nichts mehr dazwischen kommt.

Sind 30 Prozent bei der Sonntagsfrage wirklich 30 Prozent?

Nein. Alle Umfragen haben eine sogenannte „Schwankungsbreite“ oder „Fehlertoleranz“. Das bedeutet, die echte Zustimmung könnte rund drei Prozent darunter liegen oder auch rund drei Prozent darüber. Ergibt die Sonntagsfrage also 22 Prozent für die CDU wie in der Umfrage in dem folgenden Tweet, so liegt der Wert in Wahrheit zwischen 19 und 25 Prozent. Für Headlines macht sich das nicht so gut. Deshalb lesen wir dann meist von „CDU in Sonntagsfrage bei 22 Prozent“.

Sonntagsfrage zur Bundestagswahl • Kantar/FOCUS: CDU/CSU 22 % | GRÜNE 21 % | SPD 19 % | FDP 12 % | AfD 11 % | DIE LINKE 7 % | Sonstige 8 % ➤ Übersicht: https://t.co/MO5RyMFkPu ➤ Verlauf: https://t.co/TUmm9tbPvs #btw #btw21 https://t.co/AFawzErr4t

Warum die Schwankungsbreite? Können die nicht rechnen?

Eigentlich wäre es nicht schwer, genau zu sagen, wie viele oder wenige Prozent von rund 1.000 befragten Menschen bei der Umfrage beispielsweise gesagt haben, sie würden nächsten Sonntag CDU wählen. Prozentrechnung haben die Meinungsforscher durchaus drauf.

Aber darum geht es nicht. Die Forscher wollen ja eine „repräsentative Umfrage“ vorlegen. Das heißt, sie haben den Anspruch, die Befragten – die sogenannte Stichprobe – so genau auszusuchen, dass sie auf den Durchschnitt der gesamten Bevölkerung schließen lässt.

In der Regel rufen sie dazu Menschen an und fragen nach deren Wahlabsicht. Die Telefonnummern werden nach dem Zufallsprinzip ausgesucht. Manchmal werden zusätzlich noch die Endziffern der Telefonnummer verändert, um ganz sicher zu gehen. Dann wird beispielsweise noch das Verhältnis Frauen und Männern mit hinein gerechnet; oder der Anteil der über 65-Jährigen; oder Verhältnis von Ost- zu Westdeutschen.

Das ergibt am Ende in der Regel eine Wahrscheinlichkeit von etwa 95 Prozent – ziemlich gut eigentlich, aber natürlich nicht „genau“.

Warum liegen Sonntagsfragen und Vorwahlumfragen gelegentlich daneben?

Viele Menschen, die befragt werden, gehen beispielsweise am Ende gar nicht wählen. Sie sagen es aber, um nicht als „unpolitisch“ dazustehen. Manche möchten auch nicht zugeben, dass sie bestimmte Parteien wählen – auch wenn es nur der Anrufer vom Umfrageinstitut mitbekommt. Viele lehnen die Teilnahme auch aus prinzipiellen Gründen ab, weil sie beispielsweise glauben, die Umfragen würde absichtlich verändert.

Ein berühmtes Beispiel in einem vergleichbaren Land ist die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im Jahr 2017: Den hatten die Umfragen auch weit hinten gesehen. Vermutlich deshalb, weil sich niemand im Vorfeld zu dem vermeintlichen Außenseiter bekennen wollte.

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