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Onkel Fisch
Steffen Auer
Steffen Auer (Foto: SWR3)

Eine repräsentative Umfrage des Allensbachinstituts ergab, dass 31 Prozent der Deutschen glauben, in einer „Scheindemokratie“ zu leben, in der „die Bürger nichts zu sagen haben“.

Im Osten sind es demnach sogar 45 Prozent. Und das löst bei uns beiden mehr Kopfschütteln aus, als ein beherzter Griff in die Steckdose. Aber bleiben wir fair und versetzen wir uns in die Gedanken des sich selbst als mit dem Stock von der Demokratie weggehaltenen 31-Prozent-Vereins.

Wir wählen – aber natürlich nur zum Schein. Das muss stimmen: Die paar Tausend gewählten Repräsentantinnen und Repräsentanten von kommunaler bis europäischer Ebene aus unzähligen Parteien werden ja seit Jahrhunderten von geheimen Eliten vorbestimmt. Und Hut ab, wer weiß, wie schwer es ist, in einer WG einen funktionierenden Putzplan aufzustellen, der ahnt, wie unfassbar gut diese elitären Personalbüros arbeiten.

Dass die Wahlen Scheinwahlen sind, zeigt sich deutlich daran, dass Wahlversprechen nie eingehalten werden. Auch das ist fein beobachtet. Das Tolle am Politikerdasein ist, dass man – kaum gewählt – den Ameisenhaufen anführt und entscheiden kann, was man will. Man muss lediglich die verschiedenen Strömungen im eigenen Verein, beim Koalitionspartner und in den Parlamenten hinter sich bringen. Easy-peasy.

Dafür gibts den „Kompromiss“. Kompromiss, ein allseits bekannter Fachbegriff aus dem Lehrbuch der Diktatoren und absoluten Monarchen, gehasst von den aufmerksamen Scheindemokratie-Verächtern. Sie wissen: Bei so einem Kompromiss, ganz kompro-miese Tour, da kommt nie das raus, was sie ursprünglich wollten.

Gern wird von den Verteidigern der demokratischen Freiheit Artikel 20 (Absatz 2) des Grundgesetzes zitiert: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus!“ Und da ruft die 31-Prozent-Biomasse: „Glaubt ihr, mich hätte jemals irgendwann irgendjemand aus dem Kanzleramt mal persönlich angerufen?! Oder zumindest gesimst?!“

Dass es in Absatz 2 weiter heißt, dass die Staatsgewalt in „Wahlen vom Volke und durch besondere Organe der Gesetzgebung“ ausgeübt wird, das kann man gepflegt ignorieren. Braucht man nicht, passt grad nicht.

Dass 69 Prozent der Deutschen übrigens nicht das Gefühl teilen, einem politischen Marionettentheater ausgeliefert zu sein, bedeutet, dass die Zweifler von einer soliden Zweidrittelmehrheit überstimmt werden. Zählt aber logischerweise in Scheindemokratie nicht (siehe oben).

Vielleicht meint „Scheindemokratie“ auch schlicht Korruption im monetären Sinne. Und das ist mal so was von wahr. Auf dem Korruptionsindex kommt Deutschland vor. Auf Platz 170 von 180. Das ist wie eine Deutsche Meisterschaft für Bayer Leverkusen: Nie gänzlich auszuschließen. Aber auch auf die Korruption kommen harte Zeiten zu, denn selbst in einer „Scheindemokrtie“ ist der Schein inflationsbedingt bald deutlich weniger wert.

Uns ist bewusst, es gibt sie: Die Demokratie-Naivlinge, Polit-Romantiker und passionierte Systemlinge. Menschen, die in diesem Fall blauäugig darauf hinweisen, dass allein die Durchführung und Veröffentlichung einer Umfrage zum Thema „Scheindemokratie“ ein augenfälliges Indiz für eine funktionierende Demokratie ist.

31 Prozent der Deutschen wissen es Gott sei Dank besser. Wir leben hinter dem Maulkorb. Was man an dem abrupten Ende dieses Schriftbeitrages sehen kann.

Vom Maulkorb.

So ist es.

Also, des Maulkorbs wegen.

Da wird man einfach unterbrochen.

Ne?

Ja.

So sieht das aus.

Hier könnt ihr euch die neue Comedy-Kolumne auch anhören:

Scheindemokratie (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Onkel Fischs Empörungswelle Scheindemokratie

Dauer

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