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Für ein bisschen mehr Freiheit haben Millionen in den letzten Monaten einen Schnelltest gemacht. Eine SWR-Datenanalyse zeigt jetzt: Die Tests haben kaum Corona-Infektionen gefunden.

Seit März kann jeder einen kostenlosen Schnelltest pro Woche machen. In Schnelltest-Zentren, Apotheken oder auch unter dem schnell aufgebauten Pavillon neben dem Wettbüro.

Allein im Mai wurden im Südwesten 10,5 Millionen Schnelltests durchgeführt. Die Bundesregierung hat dafür mehr als 61 Millionen Euro gezahlt. Dabei sind insgesamt aber nur 4700 Corona-Infizierte entdeckt worden. Eine Erfolgsquote von 0,05 Prozent, in Rheinland-Pfalz noch weniger. Das hat das datenjournalistische Rechercheteam SWRdata herausgefunden.

Antigen-Schnelltests nicht geeignet zur Früherkennung

Experten wundert es nicht, dass so wenige Schnelltests Corona-Infizierte entdeckt haben. Denn viele Tests reagieren erst, wenn man hoch ansteckend ist – das ist nicht passend für den gewählten Anwendungsbereich. Eigentlich wurden die Schnelltests für Personen entwickelt, die schon deutliche Symptome aufweisen und etwa der Husten oder das Fieber von einer Grippe und anderen Erkrankungen unterschieden werden soll. Außerdem sei es fraglich, ob das oft unerfahrene Testpersonal in der Lage ist, Proben korrekt zu entnehmen.

Es geht darum, dass man jetzt, wo die Inzidenz niedrig ist, erstmal einen Schlussstrich zieht, die Lage analysiert: Was haben Teststrategien im letzten Dreivierteljahr gebracht, wo haben sie versagt, wo müssen sie optimiert werden?

Mainz, Stuttgart

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Paul-Ehrlich-Institut überprüft Herstellerangaben

Hinweise darauf, dass die Schnelltests eigentlich für einen ganz anderen Bereich konzipiert sind, liefert auch der Beipackzettel. Darin heißt es beispielsweise unter der Rubrik Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen: „Der Test dient nur zur klinischen Referenz und darf allein nicht zu[r] Bestätigung oder Ausschluss einer Infektion verwendet werden.“ Aber eben zur Bestätigung oder Ausschluss einer Infektion werden sie in Restaurants, Schulen oder an Flughäfen flächendeckend genutzt. Mit der geringen Empfindlichkeit der Tests können sie so ein falsches Sicherheitsgefühl geben.

Zu allem Überfluss ist auch bei korrekter Anwendung nicht gewährleistet, dass die Tests funktionieren. Das hat das Paul-Ehrlich-Institut in Untersuchungen der Schnell- und Antigentests festgestellt. Viele Tests erfüllen demnach nicht die Versprechungen der Hersteller.

Das Ende der Schnelltests?

Der große Vorteil der Schnelltests war die Identifikation von sogenannten „Superspreadern“. Personen, die eine hohe Viruslast in sich trugen und damit viele andere Personen angesteckt haben könnten, wurden durch die Tests erkannt. Personen mit geringer Viruslast fielen aber durch das Raster. Mit Veränderung des Virus und aufkommenden Mutationen wie der Delta-Variante wird das aber zum Problem. Ein Lösungsansatz kommt von der Uni Mainz.

Gutenberg-Gesundheitsstudie empfiehlt PCR-Pooltests

In der Gutenberg-Gesundheitsstudie der Uni Mainz wird ein neues Testverfahren empfohlen: In „PCR-Pooltests“ werden mehrere PCR-Tests in Gruppen zusammengefasst und gemeinsam überprüft. In einer Schulklasse werden also alle Lolli-PCR-Tests gemeinsam als eine Probe ausgewertet. Erst wenn darin eine Viruslast erkennbar wird, beginnt die Einzelauswertung. So wird Zeit bei der Auswertung und auch Geld gespart.

Nordrhein-Westfalen nutzt das Verfahren bereits flächendeckend an Schulen, Bayern will nachziehen. In SWR3Land gibt es derzeit einen Modellversuch in Freiburg. Ansonsten setzen Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg weiter auf Antigen-Schnelltests. Wie sich die Lage hier weiterentwickelt, bleibt unter anderem bis zum Ergebnis des Modellversuchs in Freiburg abzuwarten.

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