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André trinkt gerade seinen ersten Café nach dem Aufstehen. Es ist kurz nach halb drei nachmittags im Pariser Hotel Amour. „Ich bin ein Nachtmensch“, sagt er. „Für mich ist die Nacht weniger ein Zeitpunkt als ein Ort, an dem ich mich wohlfühle.“ In der Nacht hat André Saraiva Karriere gemacht. Inzwischen ist er aus der Pariser Kunst- und Fashionszene nicht mehr wegzudenken!


SWR3 New-Pop-Festival-Plakat 2014; Foto: (c) André Saraiva

New-Pop-Festival-Plakat 2014 (c) André Saraiva

(c) André Saraiva

Eine Welt voller Graffitis

Im Schutz der Dunkelheit begann er seine ersten Graffitis an die Pariser Hauswände zu sprühen. Seine damalige Freundin musste Schmiere stehen. Weil sie kurzsichtig war, verwechselte sie dauernd irgendwelche Autos mit der Polizei und André musste seine Arbeit ständig unterbrechen. „Ich hatte eine eiserne Regel“, erinnert er sich. „Jeden Tag musste ich mindestens zehn Tags sprühen. Wenn ich mal krank war oder aus einem anderen Grund nicht konnte, dann musste ich das an den nächsten Tagen nachholen. So ging das über Jahre.“ Mehrere hunderttausend Graffitis sind so über die Jahrzehnte entstanden. In Paris, später in allen möglichen Städten in der Welt. 


Strichmännchen auf Seidenschals: Mr. A wird Kult!

Schon mit zwölf Jahren hat er begonnen zu sprayen. Damals war er gerade nach Frankreich gezogen. Seine Familie kam ursprünglich aus Portugal, musste aber vor der Diktatur fliehen und wanderte nach Schweden aus. Dort wurde André geboren. Später zogen die Saraivas nach Frankreich. „Wir hatten nicht viel“, erzählt André, die Mutter hielt die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser. André fing an, nachts um die Häuser zu ziehen. Dort sah er die ersten Graffitis: „Das war damals totales Neuland in Frankreich“, erklärt er, „es gab ja kein Internet oder Smartphones, mit denen man schnell mal checken konnte, was in anderen Ländern in der Szene so ablief. Wir haben das in den Pariser Straßen selbst entwickelt.“ Anfangs sprayte er nur seinen Namen. Über die Jahre entwickelte er seinen eigenen Stil. 1994 tauchte zum ersten mal sein „Monsieur A“ auf. Ein langbeiniges rosa Strichmännchen mit strahlendem Lächeln und Zylinder. Für die damalige Zeit in der Tagger-Szene vielleicht nicht besonders cool. Aber André hatte genau den richtigen Riecher. Das Männchen wurde Kult. Und er unverwechselbar. Seine Streetart wurde plötzlich salonfähig. André muss noch heute grinsen, wenn er darüber nachdenkt: Dasselbe Strichmännchen, für das ihn die Polizei als illegalen Wandsprayer verfolgt hat, ziert heute Louis Vuitton Seidenschals.


Auf Du und Du mit Scarlett Johansson & Co


Luxuslabels reißen sich darum mit ihm zusammen zu arbeiten. Das Nobelkaufhaus Galeries Lafayettes hat eine Werbekampagne mit einem Foto von ihm auf dem Plakat gestartet, die Kultlimonade „Orangina“ bringt eine Sonderserie mit seiner Kunst raus. André ist dicke im Geschäft. Den Business-Part überlässt er dabei seinem Partner. André macht lieber die Kontakte. Er ist der geborene Netzwerker. Er kennt alle angesagten Leute aus der Szene. Einer seiner Freunde stammt aus dem „Costes-Clan“. Die betreiben in Paris die hippsten Hotels und Restaurants. „Warum nicht?“, dachte sich André und machte selbst ein Hotel mit dem Freund auf: Das Hotel Amour, in dem er jetzt mit seinem Kaffee auf dem Sofa lümmelt. Die Pariser lieben dieses kleine Hotel unterhalb vom Montmartre – auch weil es ein lauschiges Hideaway für Paare ist. Man kann hier zum Spezialpreis ein Zimmer nur für einen romantischen Nachmittag mieten. Jedes Zimmer ist anders. „Ich habe das mit befreundeten Künstlern designt, jeder hat was mitgebracht und konnte ein Zimmer gestalten.“

Im Wintergarten-Restaurant des Hotels treffen sich die Pariser „It-Girls“ zum Freundinnen-Mittagessen. Manchmal macht André dort auch private Abendessen mit seinen vielen Freunden. Models, Modedesigner, Schauspieler – wer dazugehören will, muss bei André auf der Gästeliste stehen. Auf seinem Instagram-Account wimmelt es nur so von Promibildern: André mit Scarlett Johansson, André mit Karl Lagerfeld, André mit den Musikern von Daft Punk…

Party im Puff

Foto: SWR3.de

Praktischerweise kann er seine Partys mittlerweile auch in seinen eigenen Clubs feiern. In Paris hat er einen ehemaligen Puff gekauft und daraus den in-Club „Le Baron“ gemacht. „Ich war damals viel auf Raves unterwegs und habe einfach keinen Club gefunden, der gute Independent Musik gespielt hat“, sagt er. „In Paris kam man außerdem nie an den Türstehern vorbei, wenn man nicht zu den „rich kids“ gehörte.“ Und dazu gehört André (zumindest damals) noch nicht. Heute ist es anders herum. Heute wollen alle zu ihm. Im „Le Baron“ gibt es aber nur eine Regel. 123 Leute passen rein. Danach wird die Tür zugemacht. „Wer sich als VIP aufspielt, bleibt draußen“, so André. Das Konzept funktioniert, inzwischen gibt es Ableger des Clubs in London und New York. André besucht sie regelmäßig. Im Prinzip ist er die ganze Zeit unterwegs – er pendelt zwischen Tokio, Paris, Los Angeles und New York, wo er sein Studio aufgemacht hat. Dort malt er, entwickelt Pläne für Ausstellungen, Bücher und Filme.

Der erste Galerist, der André nach Deutschland geholt hat, war übrigens Johann Haehling von Lanzenauer. In seiner „Circleculture Galerie in Berlin&Hamburg“ hängen viele Fotos von André.

Graffiti-Künstler, Gastgeber, Hotelier, Clubbesitzer und New-Pop-Art-Künstler 2014


Beim Filmfestival in Cannes war er letztes Jahr schon am Start, als Gastgeber einer Fernsehsendung. Außerdem ist er der künstlerische Direktor der Männer-Modezeitschrift „L'officiel Hommes“. André selbst hat seinen eigenen basic style: Schwarze Lederboots, Jeans, T-Shirt, schwarze Lederjacke. Fertig. Wer ständig durch die Welt jettet, kann kein großes Gepäck gebrauchen. „Ich habe mir angewöhnt, nur mit einer kleinen Tasche zu reisen“, sagt André.

So wird er wahrscheinlich auch zum SWR3 New Pop Festival nach Baden-Baden einfliegen. Das ist übrigens genau sein Musikgeschmack, „super Konzerte“, freut er sich. Und danach geht's ab in die Baden-Badener New-Pop-Party-Locations. André ist ja internationaler Club-Experte. Und Trendsetter. Und Nachtmensch. Passt alles. Die Party kann beginnen.

Autor
SWR3.online