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Der Hamlet-Autor: Nur ein Ghostwriter? Verrat, höfische Intrigen, Inzest, politische Dramen und private Tragödien. Keine Superwelle, kein Weltuntergang, keine Aliens und trotzdem: Anonymus ist ein echter Emmerich.

Ist der Film massentauglich?

Absolut! Ein klasse Unterhaltungsfilm! Auch wenn es weder Monster, noch Aliens oder Naturkatastrophen gibt. Emmerich hat es gereizt, für wenig Geld – 25 Millionen – einen Film zu drehen, der aussieht, als hätte er 150 Millionen gekostet. Und das ist ihm gelungen. Der Film steckt voller Tricks, aber die sind alle unsichtbar. Tricks, die dazu dienten, das England des 17. Jahrhunderts wieder auferstehen zu lassen.

Foto: Sony Puctures

Szene Totale

Sony Puctures

Um was gehts?

Anonymus erzählt eine unglaublich spannende Geschichte. Die Identität des Mannes, der „Hamlet“, „Macbeth“ oder den „Sommernachtstraum“ geschrieben hat, ist nur eines der Themen die eine Rolle spielen. Aber es geht um viel, viel mehr: Um Verrat, Inzest, um private Tragödien, höfische Intrigen und politische Dramen. Der Earl Of Oxford – der hier als Stückeschreiber identifiziert wird – darf nicht unter seinem richtigen Namen schreiben, da er sonst verhaftet wird. Also veröffentlicht er sie unter dem Namen eines saufenden und hurenden Schauspielers. Was sein Herz natürlich bluten lässt. Daneben geht es um die altersschwache Königin Elizabeth, deren Sexleben hinter den Kulissen zu mörderischen Verwicklungen führt. Das alles ist höchst verzwickt und kompliziert – Emmerich verlangt dem Zuschauer eine ganze Menge ab. Ein faszinierender, schillernder Historien–Thriller im Stil des Klassikers „Amadeus“.

Trailer: Anonymus

Tricks gegen Schauspieler

Die Theorie, dass Shakespeare gar nicht Shakespeare war, gibt es schon lange. In wissenschaftlichen Kreisen wird sie durchaus ernsthaft diskutiert. „Anonymus“ ist – wie man so schön sagt – ein Schauspieler-Film. Nicht die Tricks dominieren, sondern das Spiel der Akteure. Ob Rhys Ivans, Joely Richardson oder Vanessa Redgrave: Emmerich hat Höchstleistungen aus ihnen herausgeholt. „Sowas hätte ich vor ein paar Jahren noch nicht gekonnt“, sagt er von sich selbst.

Wie ernst hat Emmerich das Thema genommen?

Emmerich hat sich von Shakespeare-Spezialisten beraten lassen. Aber ich glaube: Er wollte hier nicht die Literaturgeschichte zurechtrücken, sondern mit diesem historischen Rätsel eine spannende Geschichte erzählen. Emmerich mag es, Staub aufzuwirbeln und zu provozieren. Bei „The Day After Tomorrow“ sorgte er dafür, dass nicht Mexikaner in die USA auswandern wollten, sondern Amerikaner wegen der Klimakatastrophe nach Mexiko. Und hier dürfte es ihn gekitzelt haben, ein Schriftsteller–Monument frech zu hinterfragen und den großen Shakespeare als versoffene, hurende, hirnfreie Theater–Knallcharge darzustellen. Als unsympathischen Erpresser und aufgedunsenen Popanz. Das fand er witzig, weil sich darüber mit Sicherheit ziemlich viele aufregen werden.

Reingehen?

Unbedingt: Für mich ist „Anonymus“ eines der Kinohighlights 2011. Ein spannender, intelligenter Historien–Krimi für denkende Menschen.

Autor
Jo Müller
Autor
SWR3.online