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Großaufmahme von Xavier Naidoo mit gelber, durchsichtiger Brille. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Peter Kneffel/dpa | Peter Kneffel)

Nachrichten Posting der Woche an Xavier Naidoo

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Popmusiker Xavier Naidoo, der zuletzt vor allem in der Szene der Verschwörungstheoretiker tätig war, hat diese Woche viele überrascht: Er hat sich in einem Video auf Youtube gemeldet und sich entschuldigt. Insbesondere der Krieg in der Ukraine – seine Frau ist Ukrainerin – habe ihn dazu gebracht, sich und seine Äußerungen kritisch zu hinterfragen. Da fiel unter anderem der Satz: „Ich habe erkannt, auf welchen Irrwegen ich mich teilweise befunden habe“, auch wir bei SWR3 haben darüber berichtet. Die Reaktionen darauf waren teilweise sehr hart: Man nehme ihm die Entschuldigung nicht ab, er sei ein Lügner, würde bestimmt bald ein neues Album rausbringen wollen, sei möglicherweise pleite. Diese Debatte hat unsere Redakteurin Kira Urschinger nachdenklich gemacht, ihr „SWR3 Posting der Woche“ geht an Xavier Naidoo.

Lieber Xavier Naidoo,
Sie haben einiges gemacht und gesagt, was viele von uns ebenfalls sehr deutlich als „Irrweg“ bezeichnen würden. Sie hätten „verstörende Äußerungen“ getätigt, sagen Sie im Video. Da kann ich nur sagen: Ja, das trifft es ganz gut! Es war kein kleiner, einmaliger Fehler – das waren große Verfehlungen und sie zogen sich über Jahre. Und nun kommt die Reue, ein 3-Minuten-Video, an dessen Ende sehr viele Fragen offenbleiben. Zum Beispiel, von welchen ihrer Äußerungen oder Taten Sie sich distanzieren wollen, was Ihnen ganz konkret leidtut. Und das sollen wir jetzt also ernst nehmen, da sollen wir Ihnen zuhören?

Ich sage: Ja, das sollten wir.

Denn die wichtige Frage ist doch: Wer sind wir, wenn wir es nicht tun?

Sie sind nicht der Einzige, lieber Xavier Naidoo, der sich in den Herausforderungen der letzten Jahre „verrannt hat“, der „geblendet“ war, sich vom „Bezug zur Realität entfernt“ hat, wie Sie es selbst nennen. Was machen wir mit Menschen, die Fehler begangen haben oder irgendwo falsch abgebogen sind? Wollen wir sie wirklich als erstes der Lüge bezichtigen und sie fragen, warum ihnen das nicht schon ein bisschen früher eingefallen ist? Oder geben wir ihnen eine zweite Chance und hören erst einmal zu?

Ich persönlich wünsche mir, dass wir an dieser Stelle zeigen, dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, zu verzeihen und aufeinander zuzugehen – oder zumindest erstmal abzuwarten, wie es jetzt weitergeht, bevor wir Hass und Häme über jemandem ausschütten. Denn das ist auch klar: Lieber Xavier Naidoo, Sie müssen jetzt liefern! Das war ein erster Schritt, aber eben nur der Anfang.

Wir haben Sie für ein Interview mit SWR3 angefragt, weil wir gerne mit ihnen sprechen würden statt nur über Sie. Im Moment, so lautete die Antwort, sei „nicht die Zeit für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ – die Priorität läge aktuell bei der Familie, Freunden und der Hilfe für Menschen in der Ukraine. Das respektiere ich. Vielleicht ist das sogar schon ein Teil dessen, Taten folgen zu lassen. Dennoch würde ich mich freuen, wenn Sie die Zeit finden, die Vergangenheit auch öffentlich aufzuarbeiten. Denn ich habe gelernt, dass man sich nicht entschuldigen kann, sondern nur um Entschuldigung bitten. Folglich müssen sie es ertragen, wenn jemand Ihre Entschuldigung nicht annehmen möchte, weil zu viel passiert ist. Ich aber bin bereit, Ihnen erst einmal zuzuhören – und ich denke, das sind viele andere Menschen auch. Lassen Sie sich diese Chance bitte nicht entgehen.

Ihre Kira Urschinger

Das „SWR3 Posting der Woche“ von meiner Kollegin Kira Urschinger an Xavier Naidoo. Das Video und auch das Antwortschreiben auf unsere Interview-Frage findet ihr auf SWR3.de.

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