Stand:

Die Kids da sind mager. Verticken alte Fluppen. Und hinten dröhnt der Ghetto-Blaster.
Die Mädels tragen alle schwarz. Und schauen ungefähr so ernst drein wie der Arzt, der dir grade ’nen herzinfarkt prophezeit. An so ’ne Gegend musst du dich erstmal gewöhnen. Dauert seine Zeit. Dann liegt einer besoffen in ’ner Whisky-Pfütze rum, weiß nicht mehr wie er heißt oder wo er ist. Und seine Frau schläft mal wieder allein und hält sich selber fest.
Nasse Straßen mit leeren Autos, so als ob die Fahrer alle tauchen gegangen wären im Asphalt. Das Leben mal kurz in den Mond schießen und abhauen.
Ich hab da ’ne Zeitschrift gelesen, wo drinsteht, was der Unterschied ist zwischen ’ner Heiligen und ’ner Königin. Hab’s aber trotzdem nicht kapiert.

An der Ecke stehen zwei, die so verliebt sind, dass sie sich direkt ineinander verknoten. Die machen’s noch heut. Und dann haut einer von beiden ab.

Bus fährt vorbei. Einer von diesen Doppeldeckern, und voll bis unters Dach. Fährt wie auf einem Lichtstrahl und verschwindet zwischen Nix und Nirgends. Und irgendwo in einem von diesen Häusern träumt jemand.

Da will keiner was von mir. Da erwartet keiner was von mir. Da muss ich für niemanden den Retter spielen oder den Zahlmeister oder was auch immer.
Da kann ich sein, wer ich grade sein will.
Chelsea. Um Mitternacht.

Irgendwann ist es dann Morgen und ich geh’ ins Bett. Dämmerung und irgendwo die übliche Kirchenglocke. Genauso unwirklich wie der Himmel.
Neuer Tag. Baby kommt auf die Welt, alter Mann stirbt. Genauso selbstverständlich, wie sich zwei Lover zum Abschied nochmal küssen. Ich leg’ meine Seele ins Bett und geh’ weiter spazieren.

Autor
SWR3