Stand:

Es war einmal ein kleiner Junge, der wußte ganz genau was er wollte, obwohl er noch so klein war. Bei jedem Glückspfennig, oder bei jedem vierblättrigen Kleeblatt, das er fand, wünschte er sich eine bessere Zeit, das Ende der Schwierigkeiten, und vor allem, keine kalten Füße mehr.
Die Wünsche gingen in Erfüllung. Fast. Er hatte immer saubere Kleider, mußte nicht mehr im Dreck leben, es gab immer genug zu essen, sein zu Hause war voller Leben und Liebe, aber immer, wenn der Winter kam, wurde das Geld knapp, und er mußte frieren.
Vor allem an den Füßen.

Also wurde er Arbeiter, hatte immer nur den großen Erfolg im Auge. Er schuf sich sein eigenes Leben, so, daß er weitgehend wunschlos glücklich war. Aber weil er allein war, hatte er auch niemanden, der ihn warm hielt. Und wenn er schlief, dann schlief er allein.
Und hatte kalte Füße

Eines Nachts ging er durch die Strassen, und suchte nach einer Sternschnuppe, oder nach einem gütigen Gott. Und als er so in den Himmel starrte, da berührte ihn jemand am Arm. Eine Frau, die grade vorbeikam, hatte ihn zufällig gestreift. Er sah sie an und verliebte sich in sie. Und er hätte gern den Mut gehabt, sie zu fragen, wer sie sei, und ob sie etwas gegen seine kalten Füße tun könnte. Ein Jahr später stand er neben ihr und schwor, ihr alles zu geben was sie wollte. Und sie sagte: Ich nehme meine Liebe und halte Dich damit warm.
Dann hast Du keine kalten Füße mehr.

Er dachte, daß sie aus dem Jet-Set wäre, daß sie nur die ganz feinen Sachen haben wollte. Und so versprach er ihr mehr, als er sich leisten konnte, und er versprach ihr die Sonne und den Mond. Nur damit er keine kalten Füße mehr haben müßte.

Also arbeitet er Tag und Nacht, arbeitet sich die Finger wund. Sein schlechtes Gewissen treibt ihn an. Er kann ihr geben, was sie braucht. Er will ihr geben, was er denkt daß sie braucht.
Ihr trauriges Gesicht treibt ihn an. Seine leeren Taschen treiben ihn an.
Und seine kalten Füße.


Er hatte immer darum gekämpft, ehrlich zu bleiben. Und er war stolz darauf, daß er Dreck an seinen Händen der Dreck von ehrlicher Arbeit war. Aber ein paar Typen, die er noch von der Schule kannte, erzählten ihm vom großen Geld. Und wie man da ganz leicht drankommt. Und er könnte mitmachen. Er dürfte nur keine kalten Füße bekommen.

Er dachte kurz nach, und dann nahm er das Angebot ohne Bedenken an. Er träumte von dem Luxus, den er seiner Frau und sich jetzt kaufen könnte, Und an ein Leben ohne kalte Füße.

Also entschloß er sich, das Auto zu fahren. Und die Pistole zu halten. Er wollte das größte Risiko tragen, um seinen Freunden zu zeigen daß er zu ihnen hält. Und seiner Frau sagt er, daß der kleine Junge jetzt tot sei. Jetzt stünde ein Mann vor ihr. Einer ohne kalte Füße.

Er dachte, er hätte die Uhr richtig gestellt. Dachte, er hätte die Zeit richtig abgelesen. Er hatte es so eilig, daß er sich nicht mal Glück gewünscht hatte. Ob man zu früh kommt, oder zu spät, ist egal, wenn die Uhr abgelaufen ist.
Der Kranz liegt schon da, und er liegt zwei Meter drunter in der Erde.
Mit kalten Füßen.

Autor
SWR3