Stand:

Ich höre alles durch diese Wände.
Ich höre es, wenn sie miteinander herummachen.
Ich höre jedes Geräusch, jeden Seufzer.
Am Abend höre ich durch diese Wände,
wenn sie ihre Jalousien runterlassen.
Alles, jedes Wort, jedes Geräusch rast auf mich zu.

Mein Lieblingsmoment:
ich stelle mir ein Fenster vor, da, wo die Wand ist.
Dieses Fenster existiert nur in meiner Einbildung:
obwohl ich nichts sehen kann, höre ich alles.
Ich hänge dieses ’Bitte nicht stören’-Schild an die Tür.
Ich will Ruhe, kein Reden,
egal, ob leise oder laut, egal, ob drinnen oder draußen.
Ich schlafe nämlich schon.

Ich sehe durch meine Fenster.
Ich kann die Frauen sehen und die Männer.
Ich kann nichts hören. Die Geräusche stelle ich mir vor.
Durch meine Fenster sehe ich,
wie sie mit irgendwelchen Sachen spielen.

Ich hoffe, dass das nie aufhört.
Und ich verspreche, nichts anzufassen, will nur gucken.
Das Leben ist einsam, und wenn ich nur an mich denke,
kriege ich davon noch lange keinen Steifen.

Ich liebe diese Vorstellung.
Ich will zugucken, will mitmachen.
Das ist normal.

Ich schleiche mich ein, hinterhältig, das ist o.k.,
die Fenster sind zu und die Türen abgeschlossen.
Ich komme mir vor wie im Käfig,
es gibt kein Rein mehr und kein Raus.
Es ist so einsam hier, ist es denn wirklich soviel verlangt -
einmal dabeisein, einmal jemanden berühren dürfen?

Denn wenn ich durch mein Fenster sehe,
oder meine Tür aufmache,
dann spüre ich alles,
was da draußen passiert.

Autor
SWR3