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Am Abend des 6. Oktober 1998 wurde Matthew Shepard, ein 21jähriger Student der Universität von Wyoming überfallen, in Kreuzesform an einen Zaun gefesselt, brutal geschlagen und dem Tod überlassen. Matthew war homosexuell. Mehr als 18 Stunden später fanden zwei Passanten das Opfer: bewußtlos, aber noch lebend. Matthew litt an Unterkühlung, schwerem Blutverlust und mehreren Schädelbrüchen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er sechs Tage später starb.

Es ist Dein Blut, das diese Nation durchtränkt hat.
Es hat eine Flut kleingeistiger Figuren auf den Plan gerufen,
die unsere Gesetzte schreiben: nur schwach getarnte Intoleranz, Bigotterie, Haß.

Und genau sie waren es, die Dich gefoltert und verbrannt haben, geschlagen, gefesselt.
Die Dich dort hängen ließen, kalt und doch noch atmend.
Die Dich gekreuzigt haben für das Verbrechen Liebe.

Du hättest unser Bruder sein können, unser Sohn.
Jung, still, bescheiden.
Und wir stehen still, des Atems beraubt.
Sagen ohne Stimme, daß das nie hätte geschehen dürfen in unserer ach so zivilisierten Gesellschaft. Fragen uns, wo sich diese Monster versteckt haben könnten.
Und währenddessen klopfen sie an unsere Türen,
liegen in unseren Wiegen,
predigen in unseren Kirchen
und essen an unseren Tischen.

Ich suche in mir, meiner Seele, meinem Herzen, meinem Hirn nach Vergebung.
Du warst jemandes Kind, angefüllt mit dem Haß Deines Vaters, mit der Gleichgültigkeit Deiner Mutter. Angefüllt mit unsühnbarem Schmerz.

Ich werde vergeben können, aber nicht vergessen.
Und so sehr ich es auch versuche, ich kann dieses Bild nicht loswerden:
Dein Körper vor dem kalten Nachthimmel: geschlagen, gebrochen, zerstört.
Einer Vogelscheuche ähnlicher als einem Menschen,
weinend, wartend auf den Tod, gequält von der Frage nach dem Warum.

Autor
SWR3