Stand:

Eine schwarze Pupille in einem angstweiß aufgerissenen Auge.
Ein müder Blick auf den Leutnant.
Der Befehl kommt in wenigen Augenblicken.
Der zweite Angriff dieses Tages, und Marcel wartet.
Er pflanzt sein Bajonett auf für den Angriff. Auf ein Maschinengewehr Kal. 12,7.
20 oder 30 Meter vor seinem Schützengraben tobt das Gemetzel. Es ist 1917.
Wie lange er schon hier ist! Nur um zuzusehen, wie Menschen sterben und Seelen zugrunde gehen. Wieviele Tage vor Verdun? Marcel in seinem Schützengraben fühlt, dass das Ende kommt. Seine Hände zittern. Er riecht den Gestank des Todes, er fühlt die große, die endgültige Zerstörung, er fühlt, dass er bald sterben wird.
Warum ziehen Männer in den Krieg?
Ist der Mensch ein Tier?
Ganz tief in seinem Herzen fühlt Marcel, dass er von diesem Angriff nie wieder zurückkehren wird.
Satan ist ein Gefreiter.
Der Leutnant gibt das Zeichen zum Angriff.
Danach ist die Zukunft nur noch eine lange Vergangenheit.


Eine schwarze Pupille in einem angstweiß aufgerissenen Auge.
Ein versteinertes Gesicht, ein Blick voller Angst und Hass.
Nur ein paar Schritte von ihm weg die Deutschen. 1944.
Jean Marc ist bei der Resistance. Eine Eisenbahnlinie soll er sprengen.
Er, der nie ein Mann des Handelns war, ist Meister des Kriegshandwerks geworden.
Ein Sturm hat ihn hierher verschlagen, der gleiche Sturm, der seinen Eltern einen gelben Stern auf die Brust geheftet und sie dann ins Feuer geweht hat.
Ein Sturm?
Ein Zyklon.
Ein Einfall der Hölle.
Zu viel Zeit vergangen, um zu fliehen. Zu lange schon der Kampf gegen die Antisemiten. Jean Marc weiß, dass es kein Zurück mehr gibt.
Die Zündschnur um den Zug zu sprengen ist viel zu kurz.
Er fühlt den Tod, den er loslassen wird. Aber er fühlt keine Schuld.
Schuld?
Was ist Schuld?
Wer bestimmt Schuld?
Zerstörung ist die Natur des Menschen.
Sich opfern für eine Idee, der man nicht widerstehen kann.
Satan ist inzwischen zum General befördert worden. Und er hat die finstersten Mächte hinter sich versammelt in dieser schlimmsten Zeit Deutschlands.
Der Zug nähert sich von weitem. Man kann den Dampf der Lokomotive sehen.
Und gleich wird die Zukunft nur noch eine lange Vergangenheit sein.


Eine schwarze Pupille in einem angstweiß aufgerissenen Auge.
Das ist alles, was ich im Spiegel des Jetzt erkennen kann.
Ich bin vor wenigen Augenblicken aufgewacht.
Es ist schwer zu sagen, was ich fühle.
Die Nacht war hart, das Wachwerden auch.
Bevor der Schlaf mich fand, war mein Kopf voll von all diesen Dingen.
All diese Ideen, die mir Angst machen.
Die Realität und die Bilder des Hasses.
Zuviele Jahre vergangen, als man noch vergessen könnte.
Zuviele Tage angehäuft und ganz langsam hat sich all das in mir eingenistet, festgesaugt.
Ich hab mir heute Morgen eine Frage gestellt:
Haben wird den Verstand verloren, weil ich sehe, dass Satan sich ohne jeden Skrupel wieder einschleicht? Ich sehe ihn jeden Tag im Fernsehen. Und jedesmal mit einem neuen Namen. Mal war es der Name Hitler, jetzt ist es der Name Front National.
Und wenn die Zukunft eine lange Vergangenheit ist, wenn wir aus gestern heute über morgen lernen können, frage ich euch jetzt, was ihr darüber denkt.
Ist mein Leben auch vorgezeichnet, wie das von Marcel und Jean-Marc?
Folgt daraus, dass die Zukunft eine lange Vergangenheit ist?
Werde ich eines Tages Satan im Elysée-Palast sitzen sehen?
Sind wir dabei, im Schlamm zu versinken?
Ist die Zukunft wirklich nichts anderes als eine lange Vergangenheit?


Autor
SWR3

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