Stand:

Hör auf zu heulen, Mama.
Weil ich mir das nicht mehr anhören will.
Weil dein Schmerz wehtut.
Und weil er mich fertig macht.

Wenn ich nachts wachliege, dann höre ich wie ihr euch Gläser an den Kopf schmeißt.
Ich hab Gott gesagt, dass du das alles nicht so meinst, wie du es sagst.
Dass du um das Geld fightest und um mich und um meinen Bruder.

Kriegen wir das noch mal hin. Werden wir noch mal wieder eine Familie?
Ich tu alles. Ich häng mich rein, ehrlich Mama, ich versprech’s.
Papa, dir auch. Nur damit du nicht gehst.
Hör auf zu schreien!
Ich kann’s nicht mehr hören.
Und mach, dass Mama aufhört zu weinen.
Weil ich dich brauch. Und sie auch.
Weil meine Mama dich liebt.
Egal was sie sagt, sie liebt dich.
Ich weiß, dass sie dir weh getan hat.
Ich liebe dich auch. Denk dran, bitte.

Ich bin heute zum ersten Mal abgehauen.
Weg von dem Krach, einfach nur weg.
Und ich will da nie wieder hin.
Aber ich hab keine Wahl.
Ist schon Scheiße, wenn man mitten im Dritten Weltkrieg aufwächst.
Woher soll ich denn gelernt haben, was Liebe ist? Was Liebe sein soll?
Ich will nur nicht, dass die Liebe mich kaputtmacht.
So wie sie meine Familie kaputt macht.

Auf dem einen Foto, wo wir alle drauf sind, da sehen wir alle ziemlich glücklich aus.
Wir könnten das doch spielen.
Wir könnten uns das doch vortäuschen.
Das wär sicher ganz einfach.
Ich will nämlich keine geteilten Ferien.
Und keine zwei Adressen.
Keinen Stiefbruder.
Und ich will nicht, dass meine Mama einen anderen Nachnamen hat als ich.

Ich wird mich bessern, wirklich, Mama.
Und meinem Bruder sag ich’s auch.
Ich schütte nie wieder was um.
Ich geh rechtzeitig ins Bett.
Ich bin ein braves Mädchen. Immer.

Papa. Bitte. Geh nicht weg.

Autor
SWR3

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