Autor
Brigitte Egelhaaf
Brigitte Egelhaaf; Foto: SWR3
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Kein Messer, keine Pistole, kein Gift. Ein Auto wird benutzt, um Menschen zu töten. Ein Auto, umgebaut zu einer schrecklichen Waffe.  Mal lautlos, mal röhrend, aber immer tödlich. Die Kommissare Inga Lürsen und Nils Stedefreund suchen einen Psychopathen.

Die Kiefermuskulatur spannt sich an, die Schultern werden nach oben gezogen, der Kopf geht so ein bisschen in Deckung und man guckt so schräg von unten auf den Fernsehbildschirm. Der Kopf sagt, nicht hinschauen, die Augen tun es trotzdem. Dazu noch dieses Geräusch eines aufheulenden Motors. Lautes Atmen.

„Ich will gar nicht hingucken“

Das ist der Moment in dem sie ahnen, gleich passiert etwas ganz Schreckliches. Und in diesem Tatort ist das dann auch so. Und zwar immer.

Und wenn sie dann meinen, es geht nicht schlimmer und laute, fröhliche Countrymusik sie bedödelt, dann geht es doch noch schlimmer.

Szenenbilder Tatort Nachtsicht; Foto: Radio Bremen/Michael Ihle

Mit einem unbekannten Fahrzeug werden in Bremen nachts Menschen überfahren.

Radio Bremen/Michael Ihle

Mit dem Auto auf Menschenjagd

Dieser Tatort ist krass, er ist brutal und manche Bilder sind wirklich schwer zu ertragen in ihrer Deutlichkeit. Wer schon bei Wallander-Verfilmungen Alpträume bekommt, sollte sich die ersten 35 Minuten lieber nacherzählen lassen und dann erst einsteigen. Zu diesem Zeitpunkt ist dann auch schon klar, wer dieser Psychopath ist, der mit einem zur Waffe umgebauten Auto Menschen jagt. Deswegen kann ich das jetzt auch erzählen. Warum er nicht festgenommen wird? Es fehlen Beweise und die Familie des Verdächtigen hat das Verdrängen von Dingen, die nicht sein dürfen, schon nahezu perfektioniert. „Unser Sohn ein Mörder? Na, das wüsste ich aber“, sagt die Mutter. „Ich habe ihn neun Monate in mir getragen, ich habe ihn gefüttert. Sein erstes Wort, das hat er von mir. Ich war da, wenn er krank war, wenn er seine Alpträume hatte.“

Für Stedefreund und Lürsen – eine Mutter, die sich selbst belügt. „Ich kenne die Art, wegzuschauen“, meint Lürsen, „das machen Eltern. Sie gehen sonst vor die Hunde.“

Brutal, aber sehenswert

Darüber, ob es diese wirklich krassen Bilder im ersten Drittel des Tatorts braucht, kann man sicher streiten. Für mich persönlich machen auch diese Bilder einen wirklich herausragenden Tatort aus. Eine packende Geschichte über das Verdrängen als Weg in die Katastrophe. Eine Besetzung der Hauptfiguren, die nicht besser sein könnte und ein Soundtrack, der Spannung und Tragik noch verstärkt. Ich gebe dem Tatort Nachtsicht vier Elche mit der Tendenz zu fünf.

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Brigitte Egelhaaf
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SWR3