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Peter Knetsch
Peter Knetsch; Foto: SWR3
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Auch der Kölner Tatort mit Ballauf und Schenk thematisiert die Flüchtlingskrise – mit dem Aspekt: Selbstjustiz. SWR3-Tatortchecker Peter Knetsch hat sich „Wacht am Rhein“ angeschaut.

Tatort: Wacht am Rhein - Szenenfotos; Foto: WDR / Thomas Kost

Lars Deisböck wurde bei einem Überfall auf den Laden seines Vaters erschossen. Die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk erfahren von Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth, wie der junge Mann ums Leben kam.

WDR / Thomas Kost

Nina und Adil laufen Patrouille. Die junge Mutter und der Besitzer eines Orientladens sind Teil der Bürgerwehr „Wacht am Rhein“. Deutsche, Türken, Alte, Junge, Mütter und Rentner – alle halten in dieser unsicheren Zeit zusammen. Kleinkriminelle sind unterwegs: Dealer und Taschendiebe, deswegen die „Wacht am Rhein“. Aber die Patrouille von Nina und Adil läuft aus dem Ruder. Eine Zoohandlung wird überfallen, es fällt ein Schuss und einer der Hobby-Sheriffs liegt tot am Boden.

Nahliegende Vorurteile

Der Verdacht fällt schnell auf Khalid, einen marokkanischen Flüchtling. Damit ist das Feld für diesen Tatort abgesteckt. Die erwarteten Vorurteile sind schnell thematisiert: Von wegen die Nordafrikaner können sich ja alles erlauben und müssten nichts befürchten und als deutsche Mutter könne man sich nicht mehr auf die Straße trauen. Ganz schön platt, denke ich nach zehn Minuten. Weil: So einfach ist es ja doch nicht.

Alle kriegen einen drauf

Und nach weiteren zehn Minuten merke ich: So einfach macht sich das dieser Tatort auch nicht. Wir kriegen alle einen drauf, alle! Wir Selbsthilfe-Bürger, die wir meinen, uns selbst vor Übergriffen schützen zu müssen. Wir Dauer-Optimisten, die viele Probleme nicht sehen wollen, wir Alles-Vereinfacher. Aber auch die kriminellen Flüchtlinge, die unser Rechtssystem ausnutzen können, und nicht zuletzt die Polizei, die zwischen allen Fronten steht.

Gelebte Integration

Sinnbild für dieses Chaos, in dem wir uns gerade gesellschaftlich bewegen, ist ein großflächiges Plakat am Polizeipräsidium Köln: „Gelebte Integration“ steht da, immer wieder poppt dieses Bild im Film auf. Ein zynisches Statement zwischen Anspruch und Wirklichkeit, so beklemmend und düster und wahr. Alle fühlen sich bedroht und drohen zurück; überall Vorurteile, Hass, Orientierungslosigkeit.

Fazit

Ein schwieriger Tatort, der aber passt wie die Faust aufs Auge – spannend, irritierend, ohne Moralkeule. Und fünf von fünf Elchen bekommt die „Wacht am Rhein“ auch wegen eines coolen, kleinen Gags, der das Düstere dieses Krimis etwas leichter macht: Der Tatort-Melodie-Erfinder Klaus Doldinger bekommt zum ersten Mal in der Kultserie einen Gastauftritt: als Jazz-Straßenmusiker, dem Ballauf und Schenk ein bisschen Kleingeld in den Hut werfen.

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