Autor
Bertram Quadt
Bertram Quadt; Foto: SWR3
Stand:

Am Sonntag gibt es einen Abschieds-Tatort aus Berlin, Titel: „Vielleicht“. Und der ist mit allerlei Minenfeldern gespickt: ein Kommissar ohne Bock auf seinen Job, übersinnliche Fähigkeiten und hölzerne Charaktere. Ob das gut geht?

Szenenbild Tatort: „Vielleicht“; Foto: rbb/Frédéric Batier

Nach dem SEK-Einsatz erkundigen sich Stark (Boris Aljinovic) und sein Kollege Malte (Christian Sengewald) nach Trudes (Lise Risom Olsen) Befinden.

rbb/Frédéric Batier

Nachdem Dominick Raacke alias Till Ritter im letzten Berliner Tatort seine Dienstmarke abgegeben hat, heißt es jetzt auch für Boris Aljinovic „Schicht machen“: Als Felix Stark muss zum letzten Mal ran. Das macht traurig, denn Aljinovic war einer der ganz großen Tatortkommissare.

Spiel mit dem Feuer

Szenenbild Tatort: „Vielleicht“; Foto: rbb/Frédéric Batier
rbb/Frédéric Batier

Der Ritt, den die Tatortmacher diesmal hinlegen, ist extrem gewagt und hat eigentlich so ziemlich alle Grundlagen für einen monumentalen Abstinker: Fall nach einer Stunde gelöst, dann knapp 20 Minuten rumhangeln, einige schon als hölzern angelegte Charaktere und vor allem: Parapsychologie und Hellseherei. Bei jedem anderen Tatort muss so etwas in die Hose gehen. Hier nicht. Das Ding sitzt wie 'ne Eins. Die Geschichte ist in zweieinhalb Zeilen erklärt: Eine hellsichtige Studentin tritt beim LKA an und berichtet von einem bevorstehenden Mord. Der tritt ein. Das Mädel sieht einen zweiten voraus, Stark und Co ermitteln.

Klingt platt, könnte es auch sein. Aber: Aljinovic legt eine seiner brillantesten Schauspielleistungen hin. Man merkt, wie ihm die Puste Stück für Stück ausgeht, der Job stinkt, man spürt in manchen Szenen fast körperlich, wie sehr ihm sein Kumpel Ritter fehlt, und sei es auch nur zum Auskotzen. Da kämpft einer allein, der nicht mehr kämpfen will, aber er macht es trotzdem, weil es sein Job ist. Und weil es um einen besonderen Menschen geht: die hellsichtige Studentin Trude. Die norwegische Schauspielerin Lise Risom Olsen gibt die Rolle gigantisch – und das Zusammenspiel mit Aljinovic ist großes, großes Theater.

Perfekt gespielt und zu jeder Sekunde glaubwürdig

Szenenbild Tatort: „Vielleicht“; Foto: rbb/Frédéric Batier
rbb/Frédéric Batier

Ein Fall, in dem es nicht um Beweise und Indizien geht, sondern um die paranormalen Fähigkeiten einer zerbrechlich wirkenden nordischen Blondine – wie leicht hätte das in die Binsen gehen können, beispielsweise wenn sie Stark weissagt, dass ihn die Kugel erwischt, dass sie ihn in seinem Blut auf dem Boden liegen sieht. Aber das Spiel der beiden ist so perfekt, dass die Geschichte keine Sekunde unglaubwürdig wird. Eine großartige Leistung, ein würdiger Abschiedstatort für Boris Aljinovic, ein Tatort, der sogar noch ein Plus hinter der Bestnote 5 von 5 Elchen verdient hätte – und an dessen Ende ein kleines bisschen Hoffnung steht.

Autor
Bertram Quadt
Autor
SWR3