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Brigitte Egelhaaf
Brigitte Egelhaaf; Foto: SWR3
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„Ey, am Sonntag kommt der Tatort mit den meisten Toten in der Geschichte des Tatorts!“ Es handelt sich dabei um eine Wiederholung des Tatorts Im Schmerz geboren. Kommissar Felix Murot wühlt sich durch die Leichenwüste und stößt schnell auf Hinweise, die ihn zu einem alten Bekannten führen.

Szenenbild Im Schmerz geboren; Foto: HR/Philip Sichler
HR/Philip Sichler

47 Tote sind es offiziell, meine Strichliste sagt 54, habe ich da ein paar tote Zufallspassanten zu viel mit eingerechnet, oder mich einfach beim Zählen zu sehr ablenken lassen? Von tollen Schauspielern, einer abstrusen, packenden Geschichte, Wahnsinnsbildern, abgründigen Charakteren, monströser Musik oder irrsinnigen Einfällen?

Ballerspielatmo? Von wegen!

Szenenbild Im Schmerz geboren; Foto: HR/Philip Sichler
HR/Philip Sichler

Diesen Tatort auf die Zahl der Toten zu reduzieren, das ist billig und ungerecht. „Im Schmerz geboren“ wird damit in die Nähe von Ballerspielen gerückt und wenn ihr sowas erwartet und mögt, schaut diesen Tatort lieber nicht. Er wird euch nicht gefallen. „Im Schmerz geboren“ ist für mich nämlich ein 90-minütiges Kunstwerk.

1. Akt. Auftritt: Das Böse

Lasst euch nicht irritieren vom theatralischen Eingangsmonolog, denn gleich danach befindet ihr euch mittendrin in einer realen Szene, die an den legendären Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnert. Das Böse kommt auch hier mit dem Zug in die Stadt. Drei Männer sterben am Bahnhof, drei Brüder. Der Vater ist ein Verbrecher, Besitzer einer Werkstatt, Klassik- und Shakespeare-Fan und tief getroffen. Und er weiß auch, wer hinter dem Tod seiner Söhne steckt.

Szenenbild Im Schmerz geboren; Foto: HR/Philip Sichler
HR/Philip Sichler

Perfekt besetzt

Richard Harloff heißt der Täter, auch wenn er nicht selbst geschossen hat. Er ist soeben mit seinem Sohn aus Bolivien zurückgekehrt, befindet sich auf einem Rachefeldzug und war vor langer Zeit mit Kommissar Murot befreundet. Mehr als befreundet. Die beiden hatten sich damals auf der Polizeischule sogar eine Frau geteilt. Dieser Harloff ist nun allerdings böse, skrupellos und irre. Ulrich Matthes spielt ihn. Besser hätte man das Böse nicht besetzen können.

Massentod mit Walzersound

Und dann kommt die Szene, in der es die meisten Toten gibt. Ein Gemetzel mit reichlich Theaterblut, unterlegt mit einem Walzer. Die Karikatur eines Computerballerspiels. All das aufzuzählen, was diesen Tatort so besonders macht, würde den Rahmen hier sprengen. Wurdet ihr schon einmal so in den Nach-Tatort-Sonntagabend entlassen? Mit Worten wie diesen? „Bevor ihr euch im Kreise eurer Lieben zum fröhlichen Gelächter eint, gedenkt für einen kurzen Augenblick, die Dauer eines Falters Flügelschlags, der Toten dieses Spiels.“

Szenenbild Im Schmerz geboren; Foto: HR/Philip Sichler
HR/Philip Sichler

Tatort zum Nachdenken

„Puh!“ – tiefes Durchatmen war mein erster Kommentar nach diesem Tatort, nach 90 sehr intensiven Fernsehminuten, die immer noch skurriler werden, je länger ich drüber nachdenke. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, bestimmt eine super Diskussionsgrundlage, für mich einfach grandios.

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Brigitte Egelhaaf
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