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Ist das echt Zufall? Gerade noch mit Freunden über ein Thema gesprochen. Und im nächsten Moment kommt Werbung auf mein Handy. Wir machen für euch den Faktencheck.

Klar ist: Ganz unbegründet sind solche Sorgen nicht. Alleine ist man mit diesen Befürchtungen ebenfalls nicht: Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat herausgefunden, dass sich jede*r Vierte Gedanken macht, ob auf dem eigenen Smartphone Spionagesoftware installiert ist. Laut ARD-Deutschlandtrend von 2018 machen sich über 60 Prozent aller Internetuser und -userinnen große oder sogar sehr große Sorgen um die Sicherheit ihrer Daten im Internet.

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Warum sollte jemand mein Smartphone abhören?

Ein Grund für Unternehmen dich abzuhören wäre mit Sicherheit personalisierte Werbung. Ein Beispiel: Im Jahr 2020 hat Youtube fast 20 Milliarden US-Dollar eingespielt – nur durch Werbeeinnahmen. Youtube gehört zu Alphabet, also der Mutterfirma von Google. Und Google hat 2020 knapp 147 Milliarden US-Dollar eingenommen, ebenfalls durch Werbeeinnahmen. Ähnliches gilt für den Facebook-Konzern, zu dem auch Whatsapp und Instagram gehören: Im Jahr 2020 hat das Unternehmen einen Umsatz von rund 84 Milliarden US-Dollar gemacht. Durch Werbung. Personalisierte Werbung ist ein Milliardengeschäft, die Userinnen und User stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Ist das technisch überhaupt möglich oder eine reine Verschwörungstheorie?

Prof. Hannes Federrath ist Informatiker an der Universität Hamburg. Er hat sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt und er sagt ganz klar: Ja! Es ist technisch möglich. Selbst wenn das Handy im Ruhezustand und nicht entsperrt einfach auf dem Tisch liegt, können Gespräche mitgehört werden.

Wenn etwa eine App ohnehin Funktionen hat, um Sprache aufzuzeichnen oder zu übertragen, dann hat man ja irgendwann mal der App die Funktionalität gegeben, dass sie das Mikro oder die Kamera einschaltet. Sobald man die Berechtigung erteilt hat, dass die App IMMER auf die Sensoren oder die Kamera zuzugreifen darf, kann die App das tun.

Prof. Federrath bezeichnet die Angst, vom Smartphone belauscht zu werden, auch nicht als Verschwörungstheorie, Mythos oder Paranoia, sondern als ein echtes und völlig berechtigtes Bedenken: „Technisch gesehen sind die Apps dazu ohne Weiteres in der Lage. Das sage ich als Informatiker.“ Man kann zwar den Zugriff auf Mikrofon, Kamera und Standort verweigern, aber dann muss man viele zentrale Funktionen der Apps verzichten, etwa Sprachnachrichten zu verschicken oder Bilder zu posten.

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Hört mein Handy dann wirklich mit?

Es gibt Punkte, die sprechen dafür. Ein Beispiel: Im Dezember 2017 hat die New York Times hunderte Apps identifiziert, die ihre Nutzerinnen und Nutzer belauschen. Allerdings nicht die Gespräche, sondern die Hintergrundgeräusche – etwa, um herauszufinden, welche Musik läuft oder welche TV-Spots geschaut werden, damit auf dem Handy passende Werbung ausgespielt werden kann. Die Software, die das möglich macht, heißt Alphonso und ist legal. Die Nutzerinnen und Nutzer werden darüber informiert, dass Alphonso aktiv ist – in den Nutzungsbedingungen. Das Problem: Viele lesen die AGBs und Datenschutzbestimmungen von Apps vor der Installation nicht durch, sie sind zu lang und kompliziert formuliert. Doch dieses Beispiel zeigt: Genau das sollte man offenbar machen.

Eine andere Vermutung ist, dass Smartphones nicht ganze Gespräche mitschneiden, sondern nur Wortschnipsel aufgreifen. Prof. Federrath erklärt das so:

Wir wissen von Fällen, bei denen Social Media Apps zu kurz das Mikro einschalten, wenn sie aktiviert werden. Man fragt sich: Warum passiert das jetzt für einige Sekunden? Es könnte technische Gründe habe, aber es könnte auch den Grund haben, dass man ganz gezielt Wortfetzen aufschnappen und die analysieren möchte.

Was spricht dagegen, dass ich abgehört werde?

Sowohl Google als auch Facebook haben mehrfach öffentlich versichert, dass die Nutzerinnen und Nutzer nicht bespitzelt und Gespräche nicht belauscht werden. Das hat Mark Zuckerberg auch vor dem US-Kongress versichert. Und auch wenn man es für naiv hält, dem Wort des Facebook-CEO zu glauben, gibt es laut Prof. Federrath weitere gute Gründe, warum die Konzerne die technischen Möglichkeiten nicht ausnutzen:

Es wäre ein riesen Skandal, wenn so etwas bekannt würde und deswegen werden die App-Anbieter, so meine Hoffnung, vermeiden, solche Funktionen in Apps zu integrieren, denn es droht dann schon Ungemach und Vertrauensverlust und letztendlich leben die auch von unseren Daten, die wir mehr oder weniger freiwillig hergeben und deswegen ist Vertrauen für die Branche absurder Weise relativ wichtig.

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Hören Apps mit? Mangel an Beweisen

Es gibt keine eindeutigen Beweise dafür, dass Apps unsere Gespräche abhören. Selbst bei den Apps, die kurz das Mikrofon einschalten sobald wir sie öffnen, gibt es keinen Nachweis, dass Daten aufgezeichnet, ausgewertet und übertragen werden. Das hat uns nicht nur Professor Federrath bestätigt, sondern auch der Facebook-Experte Jens Wiese:

Also entweder müssten die Sprachdateien von derzeit um die drei Milliarden Facebook-Nutzern zu Facebook übertragen werden und würden dabei riesige Datenmengen produzieren, die man nicht verstecken könnte. Oder die Sprachdaten müssten auf dem Handy analysiert werden, was wiederum hieße, dass der Akku sehr schnell leer würde.

Das ist ein Argument, aber natürlich kein Beweis. Per Gesetz ist es verboten, uns heimlich abzuhören und die Konzerne wollen unser Vertrauen nicht verlieren. Denn wenn wir unsere Accounts löschen, wer soll dann die Werbung sehen?

Der digitale Zwilling: So werden im Internet deine Daten gesammelt

Wie kommt es aber, dass uns Werbung angezeigt wird, die exakt zu unseren Gesprächen passen? Fakt ist: Gespräche mithören ist nicht der einzige Weg, unsere Vorlieben und Interessen rauszukriegen. Sobald wir uns im Internet bewegen, hinterlassen wir eine Menge Spuren. Etwa besuchte Websites, angeklickte Werbeanzeigen, Mitgliedschaften in Facebook-Gruppen, abonnierte Instagram-Kanäle, gesuchte und online gekaufte Produkte. Die Liste lässt sich ewig fortsetzen.

Anhand dieser Datenpunkte kann ermittelt werden, welche Werbung uns interessiert, damit wir nicht einfach über sie hinweg scrollen, sondern am besten etwas kaufen. Das Auswerten und Platzieren der Werbung übernehmen Algorithmen. Sie vergleichen mich mit anderen Internetnutzern, die ähnliche Spuren im Netz hinterlassen haben. Durch solche Korrelationen kann man relativ leicht ausrechnen, wie interessant die Werbung für dich ist und wie wahrscheinlich es ist, dass sie angeklickt wird. Dafür braucht dieser Algorithmus Daten. Je mehr, desto besser.

Um an diese Daten zu kommen, muss man uns nicht abhören, das haben die Konzerne gar nicht nötig. Sie wissen schon alles, was sie dafür brauchen. Ganz ohne komplizierte Auswertungen von Tonaufnahmen. „Diese großen Konzerne sind gut vernetzt und sammeln an vielen Stellen Daten über unser Nutzungsverhalten. Sei es eine Suchmaschine oder seien es Social Media-Kanäle, die von ein und derselben Firma betrieben werden“, so Prof. Federrath.

Durch diese Daten entsteht auf den Servern von Google und Facebook sogar eine Art virtueller Zwilling von uns, der uns so ähnlich ist, dass er unsere Gespräche nachahmen und sogar vorhersehen kann. Das sagt zumindest Tristan Harris, ein ehemaliger Google-Mitarbeiter.

Keine neue Art, Daten zu sammeln

Das Prinzip, anhand eines Modells Vorhersagen zu treffen, das machen andere Industrien schon lange, sagt Professor Federrath. Man denke an Versicherungen. Auch hier werden Daten gesammelt, um Risiken zu berechnen, an denen sich dann die Preise orientieren.

Das, was wir als Digitalen Zwilling in anderen Branchen schon seit vielen Jahren kennen, ist inzwischen auch angekommen in der Marketingbranche. Wir sind dort als digitaler Zwilling schon lange hinterlegt und unsere Profildaten werden ständig geupdatet. Das muss einem schon Angst machen und wir als Nutzer müssen ermächtigt werden, für unseren eigenen Schutz zu sorgen.

Informationen wie unser Geschlecht, unser Alter, Familienstand, Wohnort, sogar Interessen unserer Freundinnen und Freunde, unsere Likes und Abos, Videos, die wir anschauen, Links, die wir anklicken, Standortdaten, Bilder, Posts, Events, die wir besuchen: All das ergibt ein ziemlich rundes Bild, wer wir sind und wir stellen das alles selbst zur Verfügung, Klick für Klick, Like für Like.

Facebook und Google müssen uns also nicht belauschen. Sie kennen uns gut genug, um unsere Interessen zu berechnen.

Was hat selektive Wahrnehmung damit zu tun?

Es gibt übrigens eine weitere Erklärung, warum uns ausgerechnet nach einem Gespräch Werbeanzeigen zu genau diesem Thema auffallen, sagt Jens Wiese:

Das Gehirn ist stets damit beschäftigt unglaubliche Mengen an Daten und Einflüssen zu verarbeiten, die wir mitbekommen. So viele, dass es filtern muss. Wir bekommen nicht alles mit, was um uns herum passiert, sondern nur das, was für uns relevant erscheint. Wenn wir jetzt gerade ein Gespräch geführt haben mit einem Kollegen über ein gewisses Produkt und wir sehen jetzt kurze Zeit später eine Anzeige, die in diese Produktkategorie fällt, dann werden wir selektiv feststellen: Oh da war was, wahrscheinlich werden wir belauscht! Wenn wir aber drüber nachdenken: Wissen wir überhaupt, was wir sonst an diesem Tag oder in dieser Stunde an Anzeigen auf Facebook oder Instagram gesehen haben? Wahrscheinlich nicht. Weil die selektive Wahrnehmung es für uns als irrelevant ausgeblendet hat.

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Fazit: Konzerne haben deine Daten – sie müssen dich nicht unbedingt belauschen

Konzerne wie Google und Facebook haben definitiv ein Interesse an uns und unseren Daten und damit auch ein Motiv, uns zu belauschen. Technisch wäre es möglich, dass das Smartphone mithört. Voraussetzung dafür sind die Berechtigungen, die wir unseren Apps erteilen. Trotzdem ist das unwahrscheinlich. Es gibt keine Hinweise, dass die Apps ohne Aktivierung auf das Mikro zugreifen und Daten an einen Server übermitteln. Auch weil die Übertragung so vieler Daten messbar wäre. Die wahrscheinlichste Antwort auf die Frage, warum manchmal erschreckend passende Werbung angezeigt wird, ist zum einen unsere selektive Wahrnehmung und zum anderen die Datenspur, die wir im Internet hinterlassen und mit denen die Konzerne Interessen punktgenau berechnen können.

Aber: Mit Sicherheit sagen können wir es nicht. Facebook, Google und Co. lassen sich nicht wirklich in die Karten schauen. Die Algorithmen, die Werbung auswählen oder Suchergebnisse sortieren, halten die Firmen sogar für die meisten Mitarbeiter geheim. Für uns als Nutzerinnen und Nutzer ist das Geschäft mit der Werbung sehr undurchsichtig, obwohl es um uns geht. Wie kann ich mir sicher sein, dass meine Daten nicht gegen meinen Willen verwendet und gesammelt werden? Auch darauf hat Professor Federrath eine Antwort: Abschalten. Das Handy weglegen, es nicht mitnehmen. Einfach nicht mitmachen.

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