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AUTOR/IN
Sara Talmon
SWR3 Moderatorin Sarah Talmon
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Jessica Brandt
Jessica Brandt

Wir sind alle ein bisschen (zu) eitel, oder? Der Beweis: Wir gucken den ganzen Tag ständig in den Spiegel. Doch was ist, wenn man keinen Spiegel mehr hat?

Wenn wir morgens ins Bad gehen, nach dem Duschen, beim Zähneputzen und bevor wir aus dem Haus gehen: Der Blick in den Spiegel darf nicht fehlen. Und das geht den ganzen Tag so weiter: im Schaufenster, Kosmetikspiegel oder der Spiegelung im Handy. Wirkt auf uns ziemlich ungesund. Deshalb hat Sara Talmon aus dem SWR3 Team einen Selbstversuch gestartet: 5 Tage ohne Spiegel. In einem Tagebuch erzählt sie, wie es ihr ergangen ist.

Vorbereitungstag:

Es ist Sonntagabend gegen 18 Uhr – ich habe bereits jetzt schon über 30-mal in den Spiegel geschaut. ÜBER 30 MAL. Im Bad, im Schlafzimmer, sogar die Spiegelung der Schaufenster – jedes Mal habe ich kurz kontrolliert, ob noch alles sitzt und wie ich aussehe. Ab heute Abend ist damit zumindest für eine Arbeitswoche Schluss. Ab morgen fünf Tage ohne Spiegel.

Damit ich mich kommende Woche halbwegs gut fühle, zupfe ich mir noch ein bisschen im Gesicht rum. Zumindest die Augenbrauen sollen sitzen. Im Anschluss hänge ich die Spiegel mit Tüchern und Bettlaken ab. Ich bin gespannt auf den ersten Morgen und freue mich auch ein bisschen auf mein Experiment.

Tag 1

Ich habe verschlafen. Dass ich nicht in den Spiegel schauen darf, trifft sich gut. Normalerweise brauche ich am Morgen ca. eine halbe Stunde, um mich fertig zu machen. Heute Morgen allerdings nur 15 Minuten inklusive Kaffee kochen - Rekord! Haare machen und schminken fällt ohnehin flach – wie soll das funktionieren ohne Spiegel? Also duschen, Haare aus dem Gesicht binden, eincremen, Zähne putzen, das wars. Ich fühle mich gut. Erst am Nachmittag auf der Arbeit fange ich an mich unwohl zu fühlen. Ich ertaste meinen Haaransatz. Die Haare fühlen sich zerstrubbelt an, das Gesicht fettig. Wäre mir alles egal gewesen, würde mein Kollege mich nicht filmen. Denn mein Selbsttest wird auf Instagram begleitet.

Tag 2

Ich habe aus Versehen in den Spiegel geschaut. In den Rückspiegel meines Autos. Nur kurz. Ich habe auch nur mein Auge gesehen. Ist passiert, als ich meine Maske vom Beifahrersitz nehmen wollte. Ganz automatisch drehte sich mein Gesicht zum Spiegel. Erkenntnis: Ich habe ganz unterbewusste Spiegelroutinen bzw. Impulse. Mich nervt jetzt schon, wie eitel ich bin – warum ist es mit so unfassbar wichtig, wie ich aussehe?

Tag 3

Zu Hause nicht in den Spiegel schauen ist für mich kein Problem – auch an Tag 3 nicht. Immerhin sind ja alle abgehängt mit Tüchern. Im Büro sieht das anders aus. Bei jedem Toilettengang muss ich, bis ich in der Kabine bin, auf den Boden starren. Beim Händewaschen ist es besonders schlimm. Ich stehe direkt vor einem riesigen Spiegel, den Kopf gesenkt. Ich könnte einfach kurz nach oben schauen – nur kurz – keinem würde es jemals auffallen, dass ich in den Spiegel geschaut habe. Niemand würde es jemals rausfinden. Nur ein kurzer Blick. Aber ich bin stark, starre auf meine Hände und verlasse seitwärts das Badezimmer. Alles witzige Situationen. Der erhoffte große „Ich-fühle-meinen-Körper-jetzt-viel-besser-und-bin-nicht-mehr-eitel“-Effekt bleibt leider weiter aus.

Tag 4

Ich habe mich an die „Keine-Spiegel-Situation“ gewöhnt. Gegen den strubbeligen Haaransatz trage ich jetzt einfach ein Haarband, das kann ich auch blind zusammenknoten. Den Kollegen fällt kein Unterschied an mir auf – das ist beruhigend.

Vergangene Woche habe ich mir ein paar Pullover bestellt – die sind jetzt angekommen. Ich kann sie zwar anprobieren, anschauen darf ich sie mir aber nicht. Ich muss also genau darauf achten, wie sich die Pullis anfühlen. Meine Mitbewohnerin überprüft abschließend, ob sie mir auch stehen. Interessante Art zu shoppen. Der unbequemste Pullover kommt bei ihr total gut an. Ich kann ihn nicht ausstehen. Zu eng. Vermutlich behalte ich einfach den Bequemsten – auch wenn es angeblich nicht der Schönste ist.

Tag 5  

Heute durfte ich endlich wieder in den Spiegel schauen. Überraschung: Ich sehe genauso aus wie letzte Woche, nur mit Kratzer auf der Nase. Das Experiment war schwieriger als gedacht – insbesondere, weil gefühlt jede glatte Oberfläche spiegelt und ich mich extrem darauf konzentrieren musste, nicht aus Versehen zu schummeln. Was ich Positives mitnehme: Mein Aussehen ist mir tatsächlich unwichtiger geworden – zumindest für den Moment. Eine Psychologin, der wir von diesem Experiment erzählt haben, hat genau das bestätigt. Wer ständig in den Spiegel schaut, der bewerte sich auch ständig. Im schlimmsten Fall werten wir uns dadurch ab: Hier noch eine neue Falte, da ein Pickel. Dieses Gefühl der Selbstkontrolle ist tatsächlich ein bisschen von mir abgefallen – wenigstens für die letzten fünf Tage.  

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