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Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele
Christian Spöcker
Christian Spöcker, SWR
INTERVIEW
Anno Wilhelm

Einer der beiden Verdächtigen im Fall der getöteten Polizisten von Kusel soll in rund 500 Jagdrevieren heftig gewildert haben. Aber was ist Wilderei überhaupt und was denken Jäger darüber? Ein Experte erklärt.

Andreas S. hat nach Ansicht von Ermittlern im Januar bei Kusel (RLP) zwei Polizisten erschossen. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft nun im Mai mitgeteilt, dass sie gegen ihn Anklage wegen Mordes erhoben hat. Er habe damit bei einer Verkehrskontrolle vertuschen wollen, dass er gewildert habe, lautet der Vorwurf.

Bislang war bekannt, dass der 38-jährige Hauptverdächtige zunächst die Polizistin mit einem Kopfschuss getötet und anschließend ihren Kollegen mit mehreren Schüssen tödlich verletzt haben soll. Wie die Staatsanwaltschaft nun mitteilte, habe die Frau jedoch zunächst noch gelebt. Das habe Andreas S. gemerkt, als er die junge Polizisten nach Notizen durchsuchte, die auf ihn zurückführen könnten, sind sich die Ermittler sicher. Daraufhin habe er noch einmal mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen, um sicher zu gehen, dass sie wirklich tot ist.

Verdächtiger hat angeblich im großen Stil gewildert

Behörden gehen davon aus, dass Andreas S. in der Vergangenheit im ganz großen Stil gewildert hat, und das mit Nachtsichtgerät, Zieltechnik und vier Jagdhunden, um die erlegte Beute schnell aufzufinden. Tonnenweise soll der 38-Jährige Wild erlegt haben.

Andreas S. hatte aber keinen gültigen Jagdschein mehr. Denn schon 2004 war er aufgefallen und soll einen Menschen mit einer Schrotflinte verletzt haben.

Schon ein Reh im Kofferraum kann Wilderei sein

Wenn jemand ohne Jagdschein zur Jagd geht oder Tiere fängt, spricht man von Wilderei. In Deutschland ist das eine Straftat. Doch Wilderei beginnt eigentlich schon viel früher. Torsten Reinwald, stellvertretender Geschäftsführer und Pressesprecher des Deutschen Jagdverbands (DJV) erklärt: „Ein Autofahrer, der nach einem Wildeinfall ein Reh in den Kofferraum packt, begeht schon Wilderei.“ Auch wer ein legal geschossenes Tier, das vielleicht noch ins Nachbarrevier hüpft, mitnimmt, begeht Wilderei.

Wirklich kritisch werde es aber bei „Mutproben“ von Jugendlichen, die beispielsweise Kleintiere mit Pfeil und Bogen oder Armbrust jagen, und sich die Tiere dann schwer verletzt quälen, sagt Reinwald. Oder aber bei der gewerbsmäßigen Wilderei, die Andreas S. wohl betrieben hat.

Wildtier am Straßenrand
Bei einem toten Wildtier am Straßenrand sollte die Polizei gerufen werden, die dann auch den zuständigen Jäger informieren kann.

Ein Wilderer interessiert sich nicht für das Wohl der Tiere

Tiere haben Schonzeiten, in denen sie nicht gejagt werden dürfen. So können sich Bestände erholen. Dem Wilderer sei das aber egal, sagt Reinwald. Er setzt zudem Schlingen oder selbstgebastelte Fallen ein sowie Waffen wie Armbrüste und Pfeil und Bogen. Ein Problem bei solchen Waffen kann sein, dass die Tiere durch einen Treffer nicht sofort sterben. „Das verursacht im Zweifelsfall großes Tierleid“, sagt Reinwald.

Gewerbsmäßige Wilderer nutzen wohl illegale Waffen

Wer die Wilderei effizient betreibt, muss effizient vorgehen, erklärt der Jagd-Experte. Wahrscheinlich arbeitet ein Wilderer deswegen auch mit Technik, die in Deutschland zum Jagen verboten ist und die man eher vom Militär kennt. Dazu gehören Nachtsichtgeräte oder Nacht-Zielvorrichtungen sowie moderne oder modifizierte Waffen. „Die sind in der Tötungswirkung eingeschränkt“, erklärt Reinwald. Somit quält sich ein Tier in einem langen Todeskampf. Denn Ziel des Wilderers ist es erstmal, nicht erwischt zu werden. Konkret bedeutet das, dass er eher kleinkalibrige und somit leisere Munition verwendet als die, die das Tier schnell tötet.

Bei einer Hausdurchsuchung bei den Tatverdächtigen fand die Polizei fünf Kurzwaffen, ein Repetiergewehr, zehn weitere Langwaffen, eine Armbrust sowie einen Schalldämpfer und Munition. 

Wie lukrativ ist gewerbsmäßige Wilderei?

Man wird sicherlich kein Millionär damit“, sagt Reinwald. Konkrete Zahlen dazu hat er aber nicht. Es ist auch gar nicht so leicht, gewildertes Fleisch loszuwerden. In vielen Bundesländern gibt es sogenannte Wildursprungsscheine, auf denen steht, wer das Tier geschossen hat und woher es genau kommt. Andreas S. hatte einen gewerblichen Wildhandel und somit „die Kette wohl selbst geschlossen“, so Reinwald. Er habe noch nie zuvor von einem solchen Fall der gewerbsmäßigen Wilderei gehört.

Verbraucher könnten sich im Zweifel durch gezieltes Nachhaken beim Anbieter davor schützen, gewildertes Fleisch zu kaufen. Es sei aber nur ein Randphänomen, „denn zu 99 Prozent wird legal gejagt“.

Wie viele Wilderer gibt es in Deutschland?

In Rheinland-Pfalz wurden 88 Fälle von Jagdwilderei im Jahr 2020 von der Polizei erfasst. 1.080 Fälle waren es laut Statistik in ganz Deutschland. Reinwald glaubt aber, „dass es nur die Spitze des Eisberges ist“. Auch hier fehlen genaue Zahlen. Man solle das Thema auf keinen Fall verniedlichen, denn immerhin gehe es um den Einsatz von Schusswaffen, meint der DJV-Sprecher.

Wie gehen Jäger und Jägerinnen mit dem Thema Wilderei um?

Im 19. Jahrhundert wurden Wilderer teilweise als Helden gefeiert. Weil sie gegen den Adel, der das alleinige Jagdrecht besaß, aufbegehrten und in manchen Fällen auch das Überleben eines Dorfes sicherten, indem sie es mit Nahrung versorgen. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, sagt DJV-Sprecher Reinwald. „Wer wildert, hat unter den Jägern keine Freunde.“ Wilderei sei unter Jägern verpönt und Wilderer würden auch keinen Heldenstatus genießen – im Gegenteil.

Denn in Deutschland regelt das Reviersystem ziemlich genau, wer wo jagen darf. Und so ein Revier muss man pachten, also dafür zahlen. Durch das Eindringen in ein fremdes Revier entsteht somit letztlich auch finanzieller Schaden und deswegen landen Revierstreitigkeiten auch nicht selten vor Gericht.

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