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AUTOR/IN
Lea Kerpacs
Lea Kerpacs (Foto: SWR3)
REDAKTEUR/IN
Ralf Kölbel

Werden die Infektionszahlen Richtung Winter wieder nach oben gehen? Reicht dann eine Boosterimpfung, oder sollte noch ein zweites Mal aufgefrischt werden? Wir schauen uns das Thema genauer an.

Zum vierten Mal impfen lassen: Diese Infos gibt es

Langsam wird das Zählen kompliziert: Zwei Impfungen braucht es für die Grundimmunität, darauf folgt dann ein Booster – also eine dritte Impfung zur Auffrischung. Doch wie lange hält diese Auffrischung? Und sollten sich alle, die den ersten Booster bekommen haben, auch den zweiten Booster holen, oder lohnt sich das gar nicht?

Zweiter Booster: Für wen gilt die Impfempfehlung?

Die Bundesregierung beruft sich beim Umgang mit der vierten Impfung auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO). Sie hat einen zweiten Booster für bestimmte Personen empfohlen. Verwendet werden soll dabei ein Impfstoff, der auf die neuen Varianten angepasst ist. Wer das vor der Impfung mit dem Arzt besprechen möchte, kann nach dem „Omikron-adaptierten bivalenten mRNA-Impfstoff“ fragen. Die Impfempfehlung gilt für:

  • Menschen ab 60 Jahren.
  • Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeeinrichtungen.
  • Menschen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe mit erhöhtem Risiko, einen schweren COVID-19 Verlauf zu bekommen.
  • Menschen, die ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe haben, weil eine Grunderkrankung wie eine Immunschwäche vorliegt. Die Personen müssen dann mindestens 5 Jahre alt sein.

Auch die EU-Gesundheitsbehörde ECDC und die EU-Arzneimittelbehörde EMA empfehlen eine vierte Impfung für Personen ab 60 Jahren und alle, die durch Vorerkrankungen ein größeres Risiko bei einer möglichen Infektion haben.

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Kritik an der Impfempfehlung

Auch für medizinisches Personal gilt die Empfehlung, sich ein viertes Mal impfen zu lassen. Grund dafür ist die sensible Infrastruktur: Sollten zu viele Personen gleichzeitig ausfallen, könnten Versorgungsengpässe entstehen. Außerdem seien Risikopatienten besser geschützt, wenn das Personal vier Mal geimpft sei. An dieser Stelle widerspricht Carsten Watzl. Er ist Professor für Immunologie und weist darauf hin, dass der Fremdschutz bei dieser Impfung sehr gering sei. Sie hilft also vor allem den Personen, welche die Impfung bekommen haben, nicht dem Umfeld.

Wie viel Zeit muss zwischen den beiden Boostern liegen?

Sechs Monate sollte die letzte Impfung mindestens her sein, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In Ausnahmefällen könne dieser Zeitraum aber auch auf vier Monate verkürzt werden: Das trifft zum Beispiel auf besondere Risikogruppen zu. Für Personen mit einer Immunschwäche gelten unabhängig davon eigene Empfehlungen.

Kann man sich zu oft impfen lassen?

Können zu viele Impfungen das Immunsystem schädigen? Dieser Aussage begegnet man immer wieder, wenn man sich mit der vierten Impfung beschäftigt. Eine Überschrift, die man nach einer Pressekonferenz der EMA im Januar 2022 auf der umstrittenen Seite Science Files lesen konnte, war: „Fiasko: EMA warnt vor Booster-Shots – Europäische Zulassungsbehörde sieht Überlastung des Immunsystems“ Und wenn anscheinend sogar die EMA davor warnt, muss ja etwas dran sein, oder? Das hat die EMA wirklich zur Häufigkeit von Impfungen gesagt:

Die EMA hat nicht vor der vierten Impfung gewarnt

Dr. Marco Cavaleri ist der Leiter für Strategie für biologische Gesundheitsbedrohungen und Impfstoffe bei der EMA. Er sagt deutlich: „Es wird immer deutlicher, dass Auffrischungsimpfungen nötig sind, um Impfschutz zu erhalten“. Ganz im Gegenteil zur verkürzten Unterstellung: Auffrischungsimpfungen würden den Schutz im Vergleich zu den ersten beiden Impfungen sogar weiter erhöhen. Außerdem hat er den Abstand zwischen Auffrischungsimpfungen angesprochen: Stimmt es, dass zu viele Impfungen in kurzer Zeit das Immunsystem schädigen?

Die EMA über die Belastung des Immunsystems

Cavaleri hielt sich bei der Pressekonferenz im Januar 2022 zurück, konkrete Aussagen über die vierte Impfung zu treffen: „Wir haben noch keine Daten zu einer vierten Impfung, diese würden wir gerne sehen, bevor wir eine vierte Impfung empfehlen.“ Grundsätzlich hält er Booster in kurzen Abständen wie beispielsweise vier Monate für keine „nachhaltige Strategie“. Er zieht dieses Konzept nur als Notfallplan und für besonders gefährdete Gruppen in Betracht:

Wenn die Situation aus einer epidemiologischen Sicht so ist, dass das die beste Option ist, dann kann es ein oder vielleicht zwei Mal gemacht werden. Aber es ist nichts, was aus unserer Sicht permanent wiederholt werden sollte.

Das aber nicht, weil das Immunsystem „dauerhaft geschädigt“ werde, wie teilweise behauptet. Cavaleri erklärt: Die Immunantwort könne dann eventuell nicht mehr so sein, wie eigentlich gewünscht, weil das Immunsystem auf Dauer überlastet werden könnte und in der Bevölkerung könnte eine „Impfmüdigkeit“ eintreten. Gemeint ist damit eine mangelnde Motivation, sich impfen zu lassen. Von einer Schädigung spricht er nicht und es gibt auch keine Studien, die eine Schädigung belegen würden. Einen ausführlichen Faktencheck hat Correctiv.org zu diesem Thema gemacht.

Wie wirksam ist die vierte Impfung?

Die vierte Impfung erhöht laut einer Studie die Chance, nicht an Covid-19 zu sterben. Der Schutz vor einem schweren Verlauf werde erhöht, so das Ergebnis. In die Studie eingeflossen sind Daten von über 560.000 Patienten. Mit drei Impfungen lag die Sterberate bei 7 von 10.000; mit vier Impfungen nur noch bei 3 von 10.000 Patienten. Allerdings ist auch die Sterberate mit drei Impfungen schon sehr gering.
Die Studie hat aber auch Kritik bekommen: Der Beobachtungszeitraum betrug nur 40 Tage. Für fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse sei das zu kurz.

Das Gesundheitsministerium von Israel hat ebenfalls eine Studie zur Wirksamkeit einer vierten Impfung in Auftrag gegeben. Nach dieser Studie schützt die vierte Impfung nicht nur besser vor schweren Verläufen, sondern auch grundsätzlich vor Infektionen:

Die vorläufige Datenanalyse [...] ergab, dass bei Erwachsenen ab 60 Jahren die vierte Dosis den Schutz vor einer Infektion um das bis zu zweifache erhöht, verglichen mit denen, die zuvor mit der dritten Dosis geimpft wurden. Darüber hinaus erhöht die vierte Dosis den Schutz vor schweren Erkrankungen um das Dreifache und mehr im Vergleich zu Personen, die zuvor mit der dritten Dosis geimpft wurden.

Menschen stehen mit Gesundheitsmasken in einer Schlange an (Foto: IMAGO, fShop Images)
fShop Images

Schützt eine Infektion besser als die Impfung?

Es stimmt, dass es durch die Infektion zu einer gewissen Immunisierung kommt. Aber: Vor Varianten ist man besser mit der Auffrischungsimpfung geschützt. Außerdem bringt sie ein geringeres Risiko mit sich, denn Folgeerkrankungen wie beispielsweise Long Covid kann jeder entwickeln, der sich infiziert hat. Sich absichtlich mit Omikron zu infizieren, ist also keine gute Idee.

Wann kann ich mich nach einer Corona-Infektion impfen lassen?

Wenn es um den Zeitpunkt für eine Impfung nach einer Infektion geht, wird eine Corona-Infektion wie eine vorausgegangene Impfung behandelt. Das heißt: Sechs Monate sollte die Corona-Infektion zurückliegen, bevor geimpft wird. Je nach Fall kann sich diese Zeit auf vier Monate verkürzen – beispielsweise für Risikopatienten.

Eine Ausnahme hat die STIKO hier aber noch parat: Wer nach der dritten Impfung eine Covid-19-Infektion hatte, für den entfällt die Empfehlung für eine vierte Impfung – auch bei Personen über 60 Jahren oder Risikopatienten. Es sei denn, es gibt eine Immunschwäche. Dann müssen mindestens drei, lieber vier Monate zwischen der Infektion und der Impfung liegen.

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Wie lange hält der Schutz der vierten Impfung?

Gar nicht mal so lange soll der Schutz der vierten Impfung halten! Zumindest, wenn es um den Schutz vor einer Infektion geht: Acht Wochen nach der Impfung war der Schutz auf einem Niveau von Dreifach-Geimpften.

Der Schutz vor einem schweren Verlauf wurde auch beobachtet. Er ging im Beobachtungszeitraum nicht zurück. Bisher beobachtet wurden vier Monate, in denen der Schutz stabil blieb. Für einen längeren Zeitraum gibt es noch keine belastbaren Daten: Sieben Monate könnten laut einer ersten vorläufigen Studie drin sein, das ist aber noch nicht bestätigt.

Fazit: Lohnt sich die vierte Impfung für mich?

Grundsätzlich ist die Entscheidung für oder gegen eine Impfung eine Persönliche. Damit diese Entscheidung aber auch auf einer fundierten Grundlage getroffen werden kann, hier nochmal die Argumente dafür und dagegen zusammengefasst.

Pro-Argumente – das spricht für eine vierte Impfung:

  • Ihr gehört zu einer oder mehreren der Personengruppen, für die die STIKO, EMA und ECDC eine Impfempfehlung ausgesprochen haben.
  • Das Immunsystem wird nicht faul, sondern kann die Impfungen in der Regel gut verarbeiten, wenn mindestens drei Monate zwischen ihnen liegen. Der Booster schadet also nicht eurem Immunsystem.
  • Die Impfung bietet einen höheren Schutz vor Ansteckungen und schweren Verläufen – zumindest für eine gewisse Zeit.

Kontra-Argumente – das spricht gegen eine vierte Impfung:

  • Es gibt keine dringende Notwendigkeit für junge Menschen ohne Vorerkrankungen: Der Schutz durch die erste Auffrischungsimpfung ist noch immer so gut, um als „ausreichend“ für gesunde Menschen bezeichnet zu werden. Wessen Immunsystem einigermaßen fit ist, ist auch mit der dritten Impfung vor einem schweren Verlauf geschützt.
  • Nur geringe Vorteile durch die vierte Impfung: Der Schutz vor Infektionen lässt sehr schnell nach und der Schutz vor einem schweren Verlauf ist im Vergleich zur dritten Impfung nur wenig höher.
  • Die Varianten des Winters sind noch unbekannt: Wie effektiv der angepasste Impfstoff bei kommenden Varianten schützt, weiß niemand. Wer also nicht darauf angewiesen ist, kann abwarten, bis hier mehr Klarheit herrscht.

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir dir, woher wir unsere Infos haben!

Das Robert-Koch-Institut (RKI) arbeitet für die Regierung und berät sie rund um das Thema Gesundheit. Es soll Ausbrüche von Krankheiten erkennen, vor allem von Infektionskrankheiten wie Covid-19, und bei der Bekämpfung helfen – zum Beispiel durch eigene Forschungen. In der Corona-Pandemie liefert das RKI wichtige Zahlen, die Grundlage für Entscheidungen der Politik sind.

Auch andere Medien und Webseiten können für uns Quellen für News sein. Das sind zum Beispiel Seiten, die sich nur mit einem Themenbereich beschäftigen und deshalb Spezialisten in dem Bereich sind. Für Seiten wie hiphop.de oder raptastisch.net arbeiten zum Beispiel Musik-Journalisten, für Webseiten wie golem.de oder t3n.de Technik-Journalisten.

Zeitungen, Zeitschriften und Magazine - wie zum Beispiel Spiegel, Welt, Focus, Bild, Stuttgarter Zeitung, Backspin und GameStar - sind für uns auch Quellen. Das gilt besonders, wenn sie exklusive Informationen haben. Das heißt, sie haben durch ihre Recherche eine Nachricht herausgefunden und veröffentlicht. Immer wieder decken sie Skandale auf oder werten Statistiken und Daten aus.

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