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Lea Kerpacs
Lea Kerpacs: Website-Redakteurin bei SWR3 (Foto: SWR3, Niko Neithardt)

SUV oder Lastenrad, nichts darf man mehr sagen und was denkt die schweigende Mehrheit wirklich? Solche Sätze kennen wir alle und wir sollten sie uns genauer anschauen.

Mai Thi Nguyen-Kim will in die Politik?!

Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat vor rund einer Woche ein Video auf Youtube hochgeladen. Sonst bekommt man auf ihrem Account informierende Videos rund um wissenschaftliche Themen. Doch dieses Video war anders: Es war ein Statement zur aktuellen politischen Lage. Sätze aus diesem Video waren zum Beispiel:

Ich mache mir Sorgen um die Zukunft unseres Landes. [...] Ich schaue mir das nicht mehr länger einfach nur an. [...] Wenn du willst, dass es gut wird, musst du es halt selbst machen.

Über eine Million Aufrufe hat das Video innerhalb von weniger als einer Woche gesammelt, es gab Zustimmung unter Fans zur neuen Partei und auch Medien haben über ihre kommende Parteigründung geschrieben.

Das Ding ist aber: Faktisch hat sie in keinem Satz gesagt, dass sie in die Politik einsteigen will. Aber getrickst! Und zwar mit populistischen Mitteln, die einen denken lassen, was sie gemeint haben könnte, aber nie gesagt hat. Die Reaktionen auf das Video haben gezeigt, wie anfällig wir alle für solche Mittel sind, ohne es zu merken. Und deshalb schauen wir uns an, wie sie das hinbekommen hat.

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

SWR3 MOVE Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim im SWR3-Interview

Dauer

Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim im SWR3-Interview über Populismus in der Politik.

Nguyen-Kim gründet keine Partei: Video war Teil eines Experiments

Aufgeklärt wurde das Ganze dann in der Sendung Maithink X - Die Show im ZDF mit dem Titel Wie populistische Politiker uns verarschen. Anschauen könnt ihr die Sendung hier, unten im Artikel.

Mit „populistischen Politikern“ im Titel sind übrigens Politiker aller Parteien abgedeckt. Denn bei der Recherche konnte das Team feststellen, dass populistische Sätze und populistische Vorwürfe von jeder Partei an jede Partei gehen. Aber: Nicht im gleichen Maß. Ja, alle würden sie nutzen. Aber auch ja: Von rechts seien sie gefährlicher.

Welche Tricks genutzt werden, um uns Argumente schmackhaft oder eben nicht mehr schmackhaft zu machen, und vorallem: Was man dagegen tun kann, das erklären wir hier.

5 rhetorische Methoden im Populismus aus der Sendung mit Mai Thi Nguyen-Kim

Wie konnte Mai Thi Nguyen-Kim so viele glauben lassen, dass sie in die Politik einsteige? Sie hat sich fünf Tricks ausgesucht, die sie und ihr Team bei Politikern immer wieder beobachtet hat.

  1. Die schweigende Mehrheit
  2. Das falsche Dilemma
  3. Ad Hominem
  4. Der Strohmann
  5. Motte & Bailey

Populismus-Trick 1: Die schweigende Mehrheit

Beispiel:

Jetzt ist der Punkt erreicht, wo endlich die schweigende große Mehrheit dieses Landes sich die Demokratie wieder zurückholen muss!

Erklärung:

„Wir – das Volk“? Was tun, wenn man eigentlich in der Minderheit ist, seine Ansichten aber für die der Mehrheit verkaufen möchte? Man greift auf „die schweigende Mehrheit“ zurück. Also Menschen wie du und ich, die nicht auf Bühnen stehen, sondern einen normalen Job haben und ein Leben abseits der medialen Öffentlichkeit führen. Und das sind nunmal die allermeisten in der Gesellschaft. Die Minderheit behauptet dann, dass diese schweigende Mehrheit von der Politik nicht gehört wird und eigentlich auch die Ansichten der Minderheit teilen, es aber eben nicht sagen. Und schon hat eine kleine Minderheit eine riesige Anhängerschaft – dazugedichtet.

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Reaktion:

Natürlich sind solche Sätze wie der von Hubert Aiwanger einprägsam. Es gibt aber ein großes Problem mit dem Trick „schweigende Mehrheit“: Woher weiß die Minderheit, dass all diese Menschen hinter ihr stehen? Die Frage nach der Quelle ist wichtig. Gibt es Studien oder Umfragen, die das belegen?

Populismus-Trick 2: Das falsche Dilemma

Beispiel:

Wer Waffen liefert, will Krieg. Sonst würde er Diplomaten schicken.

Erklärung:

Schwarz oder weiß – dazwischen scheint es nichts zu geben. Mai Thi Nguyen-Kim findet hier gleich zwei falsche Dilemmas:

  1. Du bist gegen Waffenlieferungen oder willst Krieg!“ – da keiner Krieg will, muss also jeder gegen Waffenlieferungen sein. Schwarz oder weiß.
  2. Entweder man schickt Waffen oder man schickt Diplomaten“ – dass man auch beides schicken kann, ist laut dieser Aussage ausgeschlossen, weil es nur das eine oder das andere geben kann.

Oder ein anderes Beispiel: Jemand spricht sich für mehr Lastenräder aus. Jemand anderes macht daraus aber: „Du willst SUVs verbieten!“ Nein, das war nicht die Aussage. Klingt aber natürlich krass und bleibt im Kopf.

Reaktion:

Die überspitzte Antwort, zum Beispiel das SUV-Verbot, strotzt vor Emotionalität und das macht eine Diskussion auf Faktenbasis schwierig. Deshalb ist es wichtig, sich nicht auf diese Emotionalität einzulassen. Klarstellen, was falsch wiedergegeben wurde, die eigene Position wiederholen und nach Fakten fragen, kann helfen, die Hitze aus dem Gespräch zu halten.

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Haben wir keine anderen Sorgen?

Hier kommen wir auf unsere Überschrift zurück. „Haben wir keine anderen Sorgen?“ ist eine Frage, die wir bei fast jedem unserer Themen irgendwo als Antwort bekommen. Darin steckt auch ein falsches Dilemma: „Entweder wir kümmern uns um Thema A oder Thema B. Und klar, wir verstehen, dass wir nicht jedes Thema allen gleich wichtig ist. Aber was dabei verloren geht: Das eine Thema schließt ein anderes gar nicht aus. Es geht auch beides. Und nur weil die Öffentlichkeit gerade über das eine spricht, heißt das nicht, dass ein anderes Thema weniger wichtig ist.

Populismus-Trick 3: Ad Hominem: Der Angriff

Beispiel:

Isst kein Salz, isst keinen Zucker, trinkt keinen Alkohol, hat keine Freundin. Was hat er [Karl Lauterbach] dann vom Leben?

Erklärung:

Während der Corona-Pandemie waren sich Karl Lauterbach und Wolfgang Kubicki über die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie nicht einig. Zur Erinnerung: Es ging um ein Virus. Das Zitat oben war eine Antwort auf Argumente von Lauterbach.

Was hier passiert, nennt sich „Ad Hominem“: Wenn die Argumente langsam ausgehen, auf die persönliche Ebene gehen und die Sachlage damit komplett hinter sich lassen. Das Ziel: Es wird ab sofort nicht mehr über den Sachverhalt dieskutiert, sondern über den persönlichen Angriff.

Reaktion:

Was haben Lauterbachs Essgewohnheiten in einer Diskussion zu Maßnahmen in der Coronapandemie zu suchen? Eigentlich nichts. Diskutiert man das aus, hat die Rhetorik funktioniert, denn die Sachebene ist weg.

Stattdessen hilft es, den Schritt zurück zu gehen und in der Antwort nochmal auf das Thema der eigentlichen Situation hinzuweisen. Können wir bitte beim Thema bleiben? Auch wenn es hart ist: Den persönlichen Angriff einfach abprallen lassen.

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Populismus-Trick 4: Der Strohmann

Beispiel:

Wenn der Herr Özdemir mir vorschreiben will, dass ich keinen Zucker mehr in meinen Kaffee tun soll [...]

Erklärung:

Der Gegenseite wird eine Position unterstellt, die sie eigentlich gar nicht vertritt. Man verzerrt das ursprüngliche Argument so lange, bis nur noch über dieses neue Argument diskutiert wird; den Strohmann. Und das ist meist ziemlich weit weg von der Ausgangslage. So kann man leichter Recht behalten.

Unser Beispielsatz oben war die Reaktion auf Özdemirs Vorschlag, an Kinder gerichtete Werbung für zuckerhaltige Getränke einzuschränken. Also weder den Zucker im Kaffee noch den Zucker in Getränken selbst, sondern allein die Werbung. Und die auch nur, wenn sie an Kinder gerichtet ist.

Reaktion:

Nicht erschöpft werden! Wer das Wort im Mund umgedreht bekommt, muss in der Diskussion erstmal erklären, was er eigentlich wie gesagt hat. Das ist anstrengend und führt vom inhaltlichen Punkt weg. Erkennen und einordnen ist hier wichtig. Danach könnte eine inhaltliche Frage gestellt werden, um wieder zum ursprünglichen Thema zurückzukommen.

Populismus-Trick 5: Motte & Bailey

Beispiel:

Wir erleben mittlerweile einen Sozialtourismus diese Flüchtlinge nach Deutschland, zurück in die Ukraine, nach Deutschland, zurück in die Ukraine.

Erklärung:

„Bailey“ steht für den „Burghof“, da wurde früher schon auch ordentlich ausgepackt. Wird es dann aber zu brenzlig, weil jemand die derben Aussagen kritisiert, flüchtet man sich ganz schnell zurück auf den Burgturm („Motte“). Dort kann man dann einordnen, was man ja in Wirklichkeit damit gemeint hat. Das kam ja leider nur falsch rüber.

Merz hat für seine Aussage über „Sozialtourismus“ viel Empörung geerntet. Deshalb gab es auch von ihm die besonnenere Einordnung im Nachhinein: Er habe das Wort „Sozialtourismus“ nicht in der Absicht verwendet, damit jemandem zu nahe zu treten oder persönlcih etwas vorzuwerfen, sondern wollte darauf hinwiesen dass es zunehmende Probleme mit der Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen gebe. Klingt schon anders, oder?

Reaktion:

Das Problem bei Motte & Bailey ist, dass am Ende doch immer etwas von der derberen Aussage hängenbleibt. Worte bleiben im Kopf, die Stimmung bleibt. Ganz wie bei allen Tricks, kann man auch das nicht ungeschehen machen. Aber die Flucht zurück auf den Burgturm kommt nur, weil Menschen sich beschweren, dagegenhalten und Aussagen nicht auf sich sitzen lassen. Und das ist auch schon ein kleiner Gewinn gegen den Populismus.

Sollten euch diese Tricks im Alltag auf Social Media oder in Chatgruppen auffallen, gibt es hier vorbereitete Tafeln, die ihr in den Chat schicken könnt, um darauf hinzuweisen.

Die ganze Sendung von Mai Thi Nguyen-Kim könnt ihr hier anschauen:

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