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Stefan Scheurer
Stefan Scheurer (Foto: SWR3)

Straßenmob und Verschwörungstheorien, Neonazis und Antifa: Die Dortmunder versuchen, das alles so in 90 Minuten zu quetschen, dass irgendwo auch noch ein Krimi zustande kommt. Funktioniert das?

„Ein Kumpel bedeutet hier mehr als ein Freund“

Es ist mal wieder Nacht im Tatort, wie so oft. Tumultartige Straßenkrawalle spielen sich hier ab. Es sieht aus wie bei einem drittklassigen Hooligan-Treffen, jeder schlägt jeden. Mittendrin in dieser Szenerie torkeln die Kommissare Faber und Bönisch, mal auf zwei, mal auf vier Beinen, mal benommen und mal bewusstlos am Boden. Verwirrung pur, wenig später in dieser Gegend: ein Feuer und eine Leiche.

Ermittlerteam Faber und Bönisch am Boden

Derselbe Ort bei Tag ist trostlos. Wir stehen in einem Dortmunder Problemviertel, einem Hochhausblock. Der typische Gangsterrapper-Charme kriecht hier aus jeder Ritze. Wir sehen aus der Luft auf diesen Schmelztiegel der Gesellschaft, in dem keinen interessiert, dass beim Feuer eine (natürlich) hübsche Frau ums Leben kam.

Dennoch taugt hier irgendwer zum Verdächtigen, zum Beispiel einer der jugendlichen kleinkriminellen Migranten. Etwas ruppig wird er von Kommissarin Bönisch vor laufenden Smartphone-Kameras festgenommen. Und hier fängt das ganze Theater erst richtig an.

Verschwörungstheorien und Rassismus im Tatort Dortmund

Mit der strammen Festnahme gerät Kommissarin Bönisch zwischen die Fronten. Die rechte Szene feiert sie und zieht mit Nazi-Politikern durch den Block. Die Linken sind auch nicht besser, denn sie erkennen vermeintliche Polizeigewalt und Kollaboration in den anonymen Internet-Videos der Gegend. Migranten und Ausländer werden erst gar nicht gefragt, ihre Rolle in diesem Tatort ist etwas kleinkariert aufs Klischee der Hassprediger mit Migrationshintergrund reduziert. So hat denn jeder sein Plätzchen – und ist mit nichts zufrieden.

Gangsterrapper-Hochhauskulisse im Ruhrpott

Der halbe Tatort ist rum und wir haben nur Idioten, Loser und Hausbewohner gesehen, die die Gesellschaft vergessen hat. Dystopie macht sich breit, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Armut, Gewalt, Radikalismus – eben alles, was in eine traurige Vorort-Hochhauskulisse im Ruhrpott passen könnte.

Am Fall selbst wird gar nicht so intensiv herum ermittelt. Dafür ist auch kaum Zeit, denn Bönisch und Faber bekommen es mit dem ganzen Mob der letzten zwei Absätze zu tun, und das ist kein Spaß. Sie müssen tun, was sie immer machen: mehr schlecht als recht über die Runden kommen. Zu allem Überfluss gibt es im eigenen Team auch gleich noch Stress. Die neue Kommissarin Rosa Herzog glaubt leichtfertigen Internetvideos und der Spurensicherer schraubt an Bönisch rum. Bäm, noch so ein Schlag in die Magengrube, den Faber verdauen muss.

Welche Haltung haben die Zuschauer?

Der Dortmunder Tatort bleibt sich treu. Mit martialischen Bildern auf Ruhrpott-Niveau werden wir mit reingezogen in das Rechts-Links-Social-Media-Schlamassel. Reingezogen mit intensiven Eindrücken von der Couch vor der Glotze direkt in den sozialen Brennpunkt des Hochhausblocks. Und um keine Frage kommen wir Zuschauer rum: Sind Migranten krimineller als rechte Polizisten? Und ist der Hass im Netz so gefährlich? Sind wir Zuschauer am Ende auch wie die Gutmenschen, die bei allem im Netz bedenkenlos kommentieren oder applaudieren?

Tatort Dortmund oder lieber Netflix und Amazon Prime?

Das alles hat das Zeug zum richtig überladenen, langweiligen, hochnäsigen Tatort. Und genau so wäre das früher auch gelaufen, aber die meisten Tatort-Teams haben dazugelernt. Gerade die Dortmunder zeigen das ganz deutlich. Alles hier ist schnell gedreht, schnell erklärt, ohne viel Tamtam „auf die Zwölf“ – und arg viel Tiefe vermissen zu lassen. Das hat was und kann mit Netflix oder Amazon Prime mithalten. Denn Dortmund ließ es immer schon krachen, in einer früheren Folge flog ja schon mal die halbe Innenstadt in die Luft, Bönisch und Faber bleiben Helden in Reinform, die wir bewundern, aber in deren Haut wir ums Verrecken nicht stecken wollten.

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Fazit: top oder flopp?

Der Krimi hier hat etwas zu erzählen – und anders als in Münster, kommt tatsächlich auch noch ein Krimi dabei raus. Es ist ein ehrlicher, brutaler, spannender Tatort, der uns Zuschauer nicht in Ruhe lässt. Und ich finde, es ist sind mal wieder schnelle 90 Minuten.

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