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Franziska Thees
Franziska Thees

Joana Wegner ist Dachdeckermeisterin in Norddeutschland. Und so bekannt die Nordeutschen auch für ihre Ruhe sind, ihr ist jetzt der Kragen geplatzt. Warum? Weil sie sich schützend vor ihren Azubi stellte!

„Moin, Moin“ sagt die 33-jährige Dachdeckermeisterin zur Begrüßung im Interview mit SWR3. Sie führt den Dachdeckerbetrieb im Landkreis Cuxhaven in dritter Generation und hat fünf Auszubildende. Mit ihrem kleinen „Wutausbruch“ auf Facebook hat sie für große Resonanz gesorgt.

Ich bereue es nicht und würde es immer wieder tun.

Dachdecker-Chefin verteidigt Azubi auf Facebook

Frau Wegner stellte sich öffentlich vor einen ihrer Azubis. Eine Kundin beschwerte sich über den jungen Mann, er „habe nur rumgestanden“ – und dafür würde die Kundin keine 35 Euro bezahlen, wie in der Rechnung aufgelistet. Die Chefin erlässt ihr zwar die Kosten, aber hat dazu noch ein paar grundsätzliche Dinge zu sagen. Daher veröffentlicht sie auch den Brief auf Facebook.

Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber man muss mit den Konsequenzen leben können. Leider kommt es hin und...Posted by Wegner Bedachungen on Thursday, August 24, 2023

Im Interview mit SWR3 berichtet die Chefin, wie die Situation, um die es geht, ablief:

Die Situation war so, dass ein Geselle mit dem Azubi zu einem Kunden gerufen wurde, bei dem ein Leck im Dach war. Das musste sich der Geselle ansehen und dazu auf das Dach steigen. Der Azubi war wichtig, denn er blieb unten und sicherte die Leiter. Das ist nun mal so, dass da nicht beide aufs Dach klettern. Dann steht der Azubi da gefühlt wohl mal rum, aber das ist dann die Situation.

Viel zu wenige Azubis wegen Fachkräftemangel

Im Interview sagt Wegner weiter, dass sie seit Jahren überall darauf hinweise, dass der Fachkräftemangel immer schlimmer werde. Sie verstehe nicht, warum der Nachwuchs nicht respektiert und geschätzt werde. Auf Facebook schreibt sie: „Wir lieben was wir tun, wir bilden aus Überzeugung aus und wir freuen uns jedes Jahr aufs Neue über interessierte junge Menschen, die den Weg ins Handwerk finden und eine Ausbildung bei uns machen wollen und das muss wertgeschätzt werden.“

Dachdecker-Kollegen entsetzt über Kundin

Ihre Gesellen seien „entsetzt“ über die Reaktion der Kundin, denn ohne Azubis gäbe es nun mal keine neuen Dachdecker. In der eigenen Firma können die Mitarbeiter die Reaktion der Chefin nachvollziehen und stehen voll dahinter, wie Alt-Geselle Detlef Frerks dem NDR sagte: „Weil ich das eine Frechheit finde, dass die Lehrlinge nicht bezahlt werden sollen. Oder wenn die 'nur' rumstehen, das ist völliger Humbug, der gehört da einfach zu, der muss was lernen, und der soll dafür auch entlohnt werden“.

Dachdecker-Chefin wird für ihren Brief an Kundin gefeiert

Mit so einer Welle der Wertschätzung für ihren Brief hätte sie nicht gerechnet, aber ihr E-Mail Postfach „quillt über. Die Reaktionen sind durchweg positiv, aus dem ganzen Land schreiben mir auch Kollegen“.

Hallo Frau Wegner, da wird fast täglich berichtet, das wir einen Fachkräftemangel in Deutschland haben und es gibt Leute die begreifen nicht, dass man nur Fachkräfte bekommt wenn man die jungen Leute gut ausbildet. Es ist unfassbar wie dumm manche Menschen sind. Wie soll ein junger Mensch etwas lernen? Er muss doch genau zusehen was der Geselle macht, nur so wird er nach 3 Jahren zur Fachkraft. Ihre Reaktion war super, die Kundin zu bitten sich einen anderen Dachdecker zu suchen. Ihnen und Ihren Mitarbeitern und Auszubildenden alles Gute und Kunden die aufmerksame Azubis schätzen. Mit freundlichen Grüßen aus Hannover

Sehr geehrte Frau Wegner, ein Freund hat mich auf Ihren Brief aufmerksam gemacht. Leider sind meine Immobilien sehr weit von Loxstedt entfernt. Aber wenn sich dies ändern sollte, dann werde ich mich sofort melden und freue mich, wenn auch Ihre Auszubildenden mir aufs Dach steigen. In der Hoffnung, dass Sie weiterhin genügende Auszubildende finden werden. Mit freundlichen Grüßen

Chefin: Ohne Azubi wäre das Ganze teurer geworden

Alternativ, so Wegner, hätte sie zwei Gesellen schicken können. Das wäre aber teurer gewesen, denn ein Geselle verdiene nun mal mehr als 35 Euro: „Alleine können unsere Mitarbeiter doch gar nicht auf ein Dach. Die müssen aus Sicherheitsgründen zu zweit sein. Und in diesem Fall war der Azubi der zweite Mann. Er war wichtig.“

Was rät sie denen, die jetzt am 1. September eine Ausbildung als Handwerker beginnen?


Ich rate meinen Azubis: Steht drüber, wenn Kunden meckern, in ein Ohr rein, aus dem anderen raus. Aber: Lasst euch nicht alles gefallen. Irgendwann reicht's!

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