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Kira Urschinger
Kira Urschinger (Foto: SWR3)
SWR3

Die Menschen werden immer egoistischer, die Gesellschaft verroht zunehmend und wenn jemand Hilfe braucht, kann er lange warten. Falsch, sagen Wissenschaftler – mit einer überraschenden Studie zu Zivilcourage.

Ein Postbote verhindert einen Brand in einer Kita, ein LKW-Fahrer stoppt einen Falschfahrer auf der Autobahn – zwei Beispiele aus den letzten Tagen, in denen Menschen eingegriffen, gehandelt und Schlimmeres verhindert haben. Sind das Einzelfälle? In dieser Form: vielleicht.

Tatsächlich aber seien Menschen nicht so schlecht in Sachen Zivilcourage, wie wir oft annehmen – sagen Wissenschaftler der Universität Lancaster. Sie haben eine Studie im American Psychologist dazu veröffentlicht.

Forscher nutzen Überwachungskameras

Für ihre Studie haben die Forscher Videomaterial von Überwachungskameras ausgewertet. Aus Kapstadt in Südafrika, Amsterdam in den Niederlanden und Lancaster in Großbritannien. 219 öffentliche Konflikte waren darauf insgesamt zu sehen.

Die Forscher werteten ausschließlich Fälle aus, in denen eine einzelne Person eine Notsituation gesehen hat und alleine die Möglichkeit hatte, einzugreifen.

Keine Untersuchung des Zuschauereffekts

Es handelt sich also ausdrücklich nicht um eine Untersuchung des in der Psychologie bekannten Bystander Effect (deutsch: Zuschauereffekt). Dieser immer wieder untersuchte Effekt zeigt, dass Menschen gehemmter sind, Hilfe zu leisten, je mehr Leute anwesend sind. Hier, sagen Psychologen, würden Menschen sich tendenziell zurückhalten, weil sie glaubten, es könne ja jemand anders einschreiten und helfen. Nach dem Motto: „Warum ich? Es sind doch so viele da, die etwas tun können!“

In der aktuellen Studie der Lancaster-Forscher lag der Fokus ausdrücklich nicht auf dem Zuschauereffekt, ein Rückschluss darauf ließe sich auch aus den erhobenen Daten nicht ziehen. Aber die Erkenntnisse sind dennoch positiv überraschend.

9 von 10 Menschen helfen in Notsituationen

Das Ergebnis aus der Auswertung des Videomaterials: Der Großteil der anwesenden Augenzeugen hat dem Opfer geholfen oder es zumindest versucht. 9 von 10 schritten ein. Dabei gab es keinen Unterschied in den analysierten Städten. Die Menschen helfen einander, egal ob in Amsterdam, Kapstadt oder Lancaster – wo es sehr unterschiedliche Kriminalitätsraten gibt.

Dies widerlegt nicht den besagten Bystander Effect, weise aber daraufhin, dass Menschen hilfsbereiter sind als wir vielleicht glauben. Die Forscher appellieren deshalb an die Wissenschaft:

Es ist Zeit für die Psychologie, das Narrativ (die Darstellung) zu ändern. Weg von der angeblichen Abwesenheit von Hilfsbereitschaft – hin dazu, zu verstehen, wann ein Einschreiten erfolgreich oder unerfolgreich ist.

Sozialexperiment: Rassismus im Bus

„Ausländer müssen hinten sitzen“ – das steht da auf dem Schild im Bus. Wie reagieren die Leute, die in den Bus einsteigen? Was machen sie, wenn sie Zeugen von Rassismus werden? Quarks hat 2015 ein Sozial-Experiment in einem Bus gemacht. Und auch hier: Viele Menschen haben nicht einfach weggeschaut.

Polizei warnt davor, bei Gewalttaten einzugreifen

Aber: Zivilcourage bedeutet nicht, sich selbst in Gefahr bringen zu müssen oder zu sollen. Insbesondere wenn ein Täter bewaffnet und augenscheinlich gewaltbereit ist, ruft die Polizei zur Vorsicht auf und warnt ausdrücklich davor, sich einzumischen. Denn immer wieder werden auch Menschen angegriffen oder verletzt, die versuchen, sich in einen Konflikt einzumischen oder einem Opfer zu helfen.

Auch juristisch gilt: Wer sich durch sein Eingreifen selbst in Gefahr bringen würde, kann nicht wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden.

Im Fall eines zu diesem Zeitpunkt flüchtigen Mannes, der Anfang August in Stuttgart jemanden mit einem Messer erstochen hatte, formulierte Kriminaloberrat Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, konkrete Verhaltensregeln:

  • Fliehen Sie, wenn es Ihnen gefahrlos möglich ist.
  • Stellen Sie sich Tätern nicht in den Weg.
  • Versuchen Sie nicht, Tätern die Waffen zu entwenden.

Polizei, Feuerwehr oder Krankenwagen? In diesen Fällen solltest du den Notruf wählen

Immer wieder hört man skurrile Geschichten, in denen die Polizei gerufen wurde. Damit dir das nicht passiert, sagen wir dir, wann du den Notruf 110 und 112 wählen solltest.

  • Warnen Sie, wenn notwendig, andere vor dem Täter.
  • Wenn Sie in Sicherheit sind, alarmieren Sie die Polizei unter 110
  • Bitten Sie notfalls andere, die Polizei zu verständigen.
  • Verbreiten Sie keine Meldungen aus den sozialen Netzwerken, die anscheinend von weiteren Angriffen berichten – dadurch vermeiden Sie Panik.
  • Leiten Sie keine Bilder oder Videos von vermeintlichen Angriffen weiter.
  • Videos können als Beweismittel aufgenommen werden, die Weiterveröffentlichung kann aber strafbar sein.
  • Videos von Bluttaten sollten beim Portalbetreiber gemeldet und bei der Polizei angezeigt werden.

Mehr Tipps, wie du im Ernstfall handeln und Zivilcourage zeigen kannst, gibt es bei der Aktion Tu Was.

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