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Benedikt Wiehle
Benedikt Wiehle (Foto: SWR3 Das Magazin)
Rebecca Rodrian
Rebecca Rodrian (Foto: SWR3)

Was bei der Kurzvideoplattform Tiktok läuft, wird zum viralen Trend. Was bedeutet das für die Musikbranche? Welchen Einfluss hat Tiktok auf das Songwriting und unsere Hörgewohnheiten? Wie nutzen Künstlerinnen und Künstler – aber auch Musiklabels – die Social-Media-Plattform für sich? SWR3 Radio- und Onlineredakteurin Rebecca Rodrian und SWR3 Musikredakteur Benedikt Wiehle sind abgetaucht – in die Tiktok-Welt.

SWR3 Report: Wie Tiktok die Popmusik verändert (Foto: SWR3)

SWR3 Report Wie Tiktok die Popmusik verändert

Dauer

Was ist Tiktok?

Tiktok ist eine Social-Media-Plattform, auf der kurze Videos zu sehen sind. Ausgespielt werden sie auf der sogenannten For You Page, die direkt beim Öffnen der App angezeigt wird. 2020 war Tiktok die am schnellsten wachsende Social-Media-Plattform der Welt. Vor 2018 hieß die Vorgänger-App Musically, die wie eine Karaokeparty, aber online und mit Videos, funktionierte. Auch heute geht es bei Tiktok zum Großteil um Musik. Es gibt Tanzvideos, Sketche, Challenges oder Comedy-Clips. Das wichtigste Stichwort bei Tiktok ist Interaktion. Manche Inhalte drehen sich auch um politische und gesellschaftliche Themen, manche Inhalte sind einfach nur zum Quatsch und Zeitvertreib gedacht. Im weitesten Sinne passiert bei Tiktok Videokunst. Die Nutzungsdauer liegt laut Tiktok in Deutschland bei 50 Minuten pro Tag, User rufen die App dabei zehn Mal auf. 70 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer, die Videos konsumieren oder selbst drehen, sind zwischen 16 und 24 Jahre alt.

Viele junge Menschen entdecken heute ihre neue Musik über Tiktok.

Tiktok ist also nicht nur eine Social-Media-App, sondern auch ein neuer Ausspielweg für Musik und eine neue Plattform für Musikerinnen und Musiker. Musikbusiness im Jahr 2022 – gibt’s nicht mehr ohne Tiktok.

Der erste Tiktok-Hit und seine Tanz-Challenge

Das Lied Old Town Road des Rappers Lil Nas X, zusammen mit Country-Star Billy Rae Cyrus, gilt als erster großer Tiktok-Hit. Der bis dahin wenig bekannte Musiker und Influencer Lil Nas X wurde mit dem anfangs nur eine Minute langen Song auf Tiktok berühmt und ist heute einer der erfolgreichsten Newcomer im Pop und Rap. Ein wichtiger Faktor dabei: Die für Tiktok essenziell wichtigen Tanz-Challenges, bei denen User zu einem bestimmten Thema kurze Videos drehen. In diesem Fall, passend zum Text des Songs, verkleideten sich Creator als Cowboys und Cowgirls.

Woher die Challenges kommen, ist oft nicht klar und spielt auch eine untergeordnete Rolle. Manchmal geben Künstlerinnen und Künstler selbst Tänze vor, manchmal starten aber auch Fans einen Trend.

Der Einfluss von Tiktok auf das Songwriting

Dass neue Plattformen auch das Songwriting und die Produktion von Musik beeinflussen, ist kein neues Phänomen. So gibt es von manchen Songs Radioversionen, in denen zum Beispiel lange Intros gekürzt werden. Da Streaming-Plattformen wie Spotify Aufrufe erst nach 30 Sekunden zählen, beginnen immer mehr Songs direkt mit dem Refrain – um gleich am Anfang dafür zu sorgen, dass das Lied nicht übersprungen und mindestens 30 Sekunden lang gehört wird. Auch durch Tiktok – das mittlerweile ein wichtiges Tool ist, um neue Musik zu promoten – gibt es wiederum neue Veränderungen. Manche Songs werden jetzt so produziert und komponiert, dass sie in die Rahmenbedingungen von Tiktok hineinpassen. Das betrifft zum einen das Musikgenre. Viel von der Musik, die bei Tiktok verwendet wird, basiert auf Rap. Als rhythmische, repetitive und einfach aufgebaute Musikrichtung eignet sich Rap oft gut für Interaktions-Videos und ist außerdem ein von der jungen Zielgruppe vielgehörtes Genre. Zum anderen verändert sich auch der Sound. Musik bei Tiktok wird zum allergrößten Teil über das Smartphone konsumiert. Songs müssen also auch über die einfachen Handy-Lautsprecher gut klingen. Bässe mit tiefen Frequenzen etwa können ohne Bass-Box nicht übertragen werden und kommen daher nicht zur Verwendung.

Die magischen 15 Sekunden

Musik bei Tiktok scheint immer berechnender zu sein. Ein wichtiger Begriff dabei ist Hook, der einprägsamste Teil eines Songs, der am ehesten im Kopf bleibt. Meist handelt es sich dabei um den Refrain oder Teile davon. Durch Tiktok verschiebt sich der Begriff Hook aber immer mehr, sodass auch Teile von Strophen, zu denen sich zum Beispiel besonders gut interagieren lässt, zu Hooks werden. Oder der Anfang einer Bridge, wie bei dem Song Drivers License der amerikanischen Sängerin Olivia Rodrigo. Die Teenagerin wurde durch Tiktok zum Weltstar, ihr Song durch unzählige Tiktok-Videos zum Hit des Jahres 2021.

Songs werden bewusst so geschrieben, dass sie in 15 Sekunden funktionieren. 

Mittlerweile können bei Tiktok Videos von bis zu zehn Minuten hochgeladen werden. Doch die anfänglichen 15 Sekunden, so lange wie auch Storys bei Instagram sind, sind noch immer maßgeblich für viele Videos. Produzentinnen, Produzenten und Songwriter bewegen sich also in Denkstrukturen, wie sie eine circa 15-sekündige Hook erschaffen. Beispiel: Eine Steigerung von elf Sekunden und eine Pointe beziehungsweise Auflösung von vier Sekunden. Auf diese Weise ist auch die Hook von Drivers Licenese aufgebaut. Dabei handelt es sich um den Übergang vom Refrain in die Bridge.

In einem Interview mit der New York Times hat Olivia Rodrigo erzählt, dass sie die Piano-Überleitung mit einer möglichen Tiktok-Umsetzung im Hinterkopf geschrieben hat. Drivers License erfüllt damit einen Großteil von dem, was einen Tiktok-Hit ausmacht.

Der Tiktok-Algorithmus

Je mehr Zeit Nutzerinnen und Nutzer auf der Plattform verbringen, desto besser wird die Videoauswahl auf der For You Page für sie zugeschnitten. Tiktok spielt dann hauptsächlich Videos aus, die vermutlich nicht übersprungen werden. Das Ziel: User sollen möglichst viel Zeit bei Tiktok verbringen. Außerdem in der Mischung enthalten sind Neuentdeckungen. Tiktok ist vor allem für junge Menschen das Entdeckungstool Nummer 1 für Musik geworden und löst damit Plattformen wie Spotify oder Youtube immer mehr ab. Durch diese von Tiktok vorgegebene Mischung aus Videos, die vermutlich gefallen und Neuentdeckungen, haben auch unbekannte Creator mit wenigen Followern die Chance, Hits schaffen.

Was bedeutet Tiktok für die Radiowelt?

Als Zusammenhalt-Song wurde Jerusalema während des Corona-Lockdowns zum Hit. Zu dem Song des südafrikanischen Künstlers Master KG tanzten ganze Feuerwehrwachten, Krankenhausbelegschaften oder JVA-Insassen. Begonnen hat der Hype bei Tiktok, Jerusalem wurde schließlich aber auch zum Streaming- und Radiohit.

Dieser Prozess war auch bei vielen anderen Hits bereits zu beobachten: Ein Songausschnitt geht bei Tiktok viral, der dazugehörige Song wird gestreamt und schließlich auch im Radio gespielt. Doch nur weil ein Song bei Tiktok viral geht, ist er nicht automatisch auch ein potentieller Radiohit. Viele Songs bei Tiktok sind nicht einmal zwei Minuten lang oder haben überhaupt eine richtige Songstruktur. Es handelt sich oft eher um Snippets oder Soundcollagen – was für eine interaktive Plattform wie Tiktok funktioniert, nicht aber im Radio. Viele der Songs passen auch eher in den Club oder sind keine klassische Popmusik. Interessant fürs Radio sind dagegen noch Tiktok-Wiederentdeckungen. Songs, die schon ein paar Jahre alt sind, werden durch Tiktok-Challenges aus diversen Gründen wieder aufgewärmt. Ein Beispiel aus dem Jahr 2009: Noisettes und Never Forgett You.

Durch dieses Aufleben der Songs in den Sozialen Netzwerken, allen voran Tiktok, kommt es auch wieder zu vermehrten Radioeinsätzen.

Synergien durch Tiktok: Der geklaute Sommerhit

Die Ursprungsidee von Tiktok war: Interaktion mit Musik und der kreative Umgang damit in Videos. Dabei lassen sich auch Künstlerinnen und Künstler selbst inspirieren, wie zum Beispiel Jason Derulo bei seinem Sommerhit von 2020 Savage Love.

Der ursprüngliche Beat und die Instrumentalversion des Songs stammen von Jawsh 685, einem jungen neuseeländischen Produzenten. Sein Song, den er in seinem Kinderzimmer produzierte hat, wurde bei Tiktok für Tanz-Challenges genutzt. Jason Derulo entwickelte eine Melodie, schrieb einen Text und veröffentlichte den Song – zunächst ohne Einverständnis – neu. Ohne Tiktok hätte es diese Verbindung zwischen dem neuseeländischen Schüler und dem Popstar nicht gegeben und der Song, wie wir ihn heute kennen, wäre nicht entstanden.

Am Beispiel Jason Derulo zeigt sich auch, dass sich über Tiktok keine Hits erzwingen lassen und Dynamiken schwer vorherzusehen sind. Nach Savage Love veröffentlichte der Sänger einen Song mit einem ähnlichen Beat und einer ähnlichen Tanzchallenge, die floppte. Oft sind die nicht vorgegebenen Challenges bei Tiktok so richtig erfolgreich und selbst, wer sich an die Spielregeln der Plattform hält, hat keine Garantie auf Erfolg. Dafür kann es aber genauso völlige Überraschungshits geben.

Tiktok und das Musikbusiness

Das Musikbusiness verändert sich durch Tiktok. Die Währung dabei ist die Reichweite. Je mehr sich ein Song oder ein Snippet verbreitet – umso besser. Plattenfirmen arbeiten daher mit Tiktok-Creatorn zusammen und Tiktok selbst schüttet Geld für Videos aus, die eine bestimmte Reichweite haben. Agenturen stellen Kontakte zwischen Tiktokerinnen und Tiktokern und der Musikbranche her und für Songs von neuen Künstlerinnen und Künstlern wird eine Tiktok-Strategie entwickelt. Plattenlabels arbeiten professionell mit Tiktok als Marketing-Tool. Sie fahren Kampagnen, Challenges werden gestreut, neue Songs begleitet und schon vor Release beworben. Außerdem dient Tiktok als wichtiges Analyse-Tool. Was gefällt den Leuten? Welcher Sound, welche Acts, welche Art von Musik ist gerade im Trend?

Tiktok sorgt dafür, dass die Entscheider ein kleines bisschen entmachtet werden und das ganze Musikbusiness demokratisiert wird.

Auch die Art und Weise, wie Plattenfirmen heute neue Talente entdecken, hat sich verändert. Früher waren Talentscouts bei Festivals und haben sich Vorbands angeschaut oder auf Soundcloud nach neuer Musik gesucht. Viel davon passiert jetzt bei Tiktok – mit Unterstützung der riesengroßen Community, die selbst Tiktok-Stars und Talente durch das Schauen der Videos hervorbringt.

Laut dem Musikchef von Tiktok haben 70 Künstlerinnen und Künstler, die über Tiktok bekannt wurden, im Jahr 2020 einen Majorlabel-Deal bekommen, die meisten davon in den USA. Damit haben sie die Chance, hauptberuflich als Musikerinnen und Musiker zu arbeiten und so Geld zu verdienen. Doch die Situation ist hier aktuell ähnlich wie beim Streaming: Finanziell profitieren nur die großen Acts. Anfangs gab es keine offiziellen Deals, mittlerweile haben die Plattenfirmen Lizenzverträge mit Tiktok geschlossen. Für die allermeisten Künstlerinnen und Künstler ist Tiktok dennoch keine große Einnahmequelle, sondern eine kreative Plattform, um entdeckt zu werden.

Vom Postboten zum Plattenvertrag: Karrierestart bei Tiktok

Mit einem alten neuseeländischen Seefahrerlied hat Nathan Evans plötzlich einen Shanty-Trend losgetreten – ein Video, das er aus Spaß für seine Freunde aufgenommen hatte – ganz ohne Instrumente, den Rhythmus mit der Faust geklopft.

Das Video des Schotten hat ein so gut wie ausgestorbenes Genre wieder populär gemacht und Tiktok war voller Shanty-Songs oder Popsongs als Shanty-Version. Jetzt hat Nathan Evans einen Plattenvertrag bei einem großen Label und arbeitet nicht mehr als Postbote, sondern professionell im Musikbusiness – alles durch sein kleines Spaßvideo bei Tiktok.

Wiederentdeckungen bei Tiktok

Ein Song, der nach 40 Jahren wegen Tiktok zurück in den Charts kam, war Dreams von Fleetwood Mac. Der Grund: Das Skatevideo von einem Tiktoker aus den USA, der im Sonnenuntergang fährt, aus einer Cranberry-Flasche trinkt und im Hintergrund läuft der Song.

Dieses Video des bis dahin unbekannten Creators hat offenbar einen Nerv getroffen, denn davon ausgehend haben viele Tausende Tiktokerinnen und Tiktoker diesen Song auch für ihre eigenen Videos benutzt. Tiktok wird so auch zu einer Generationsverbindung. Viele junge Tiktok-User lernen Songs wie Dreams durch die Plattform kennen und kommen so mit Musik ihrer Eltern oder Großeltern in Kontakt.

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Wie Tiktok die Popmusik verändert

Jede Woche wird andere und neue Musik auf verschiedenste Art und Weise bei Tiktok eingesetzt – und manchmal werden daraus richtige Hits. Verschiedene Parameter lassen erkennen, warum manche Songs zu Tiktok-Hits wurden. Die Vermutung liegt nahe: Der Einfluss von Tiktok auf die Musikindustrie wird – wie auch die Nutzerzahlen – in Zukunft noch weiterwachsen und die Industrie wird sich noch mehr auf die Plattform einstellen. Tiktok hat Macht – aber nur, solange die Creator das Spiel mitmachen und der Interaktionscharakter erhalten bleibt.

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